19.09.1943  / 19.09.1943, 00:00

Deutscher Handballmeister

1943: Die Handballdamen der Eintracht werden in Magdeburg Deutscher Meister, im Finale besiegen sie TIB Berlin mit 10:6. Zum 65. Jahrestags des Titelgewinns erinnerte sich die Spielerin Emmi Simon im Sommer 2008 an die Erlebnisse der Eintrachtdamen in finsteren Kriegszeiten:

Zigaretten in der Prothese, Fusel in der Zugtoilette

Als sich die Handballdamen der Eintracht im September 1943 mit dem Zug nach Magdeburg aufmachten, um die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen, erlebten sie auf der Reise so allerhand: ?Es war ja Krieg und Genussmittel waren streng rationiert. Wir haben Zigaretten in der Beinprothese eines Begleiters versteckt. Und in der Toilette haben wir in einem Verschlag Schnaps von einem Schmuggler gefunden. Den haben einige von uns in Thermoskannen gefüllt. Das gab dann in Magdeburg noch einigen Ärger.? Die Dame, die so aufregende ?und aus heutiger Sicht sportleruntypische- Reisegeschichten erzählt, heißt Emmi Simon und ist mittlerweile 92 Jahre alt. Emmi Simon ist wohl die letzte Zeitzeugin, die die erfolgreichsten Zeiten des Damenhandball bei der Eintracht miterlebt hat. Besser noch, sie hat sogar mitgespielt.

Im Februar 1916 wurde Emmi Simon in Wehrheim geboren. Ihr Bruder Albert war ein großer Fan der Frankfurter Eintracht und fuhr alle zwei Wochen an den Frankfurter Riederwald, um den Fußballern zuzujubeln. ?Anfang der 1930er Jahre sind wir dann zu zweit mit den Fahrrädern nach Frankfurt gefahren?, erinnert sich Simon, ?und irgendwann stand am Riederwald Tilly Fleischer vor mir. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht mit den Mädchen Handball spielen wolle.? Emmie Simon wollte und fand sich recht schnell auf Platz 3 des Riederwalds wieder, wo die Damen Feldhandball spielten. Die Maße des Platzes entsprachen einem Fußballfeld, auch die Tore hatten die gleiche Größe wie Fußballtore und  der Torraum durfte nur vom Torwart betreten werden. ?Paul Oßwald, der die Fußballer der Eintracht trainiert hat, war damals auch für die Handballdamen zuständig. Nach meinem ersten Training hat er gesagt, `Sie haben ja einen Wurf, da fällt der Torpfosten um` und hat mich sofort zum nächsten Spiel bestellt.? Von jenem Tag im Jahr 1933 an spielte Emmi Simon bei der Eintracht. Und die Handballdamen der Eintracht waren erfolgreich, Jahr für Jahr wurde die Gaumeisterschaft gewonnen. Bis 1941 war Emmi Simon immer dabei, dann wechselte sie zur Betriebsmannschaft von Hartmann & Braun. ?Ich hatte mittlerweile geheiratet und habe bei der Firma gearbeitet, mein Mann war ebenfalls bei Hartmann & Braun. Dass ich in der Betriebsmannschaft gespielt habe, brachte mir so manchen Vorteil. Ich brauchte oft für Spiele keinen Urlaub nehmen, außerdem wurden mir die Fahrtkosten ersetzt.? Trotzdem wurde Emmi im neuen Verein nicht recht glücklich: ?Richtig Spaß gemacht hat es nur, wenn eine von der Eintracht dabei war. Wir waren ein verschworener Haufen und haben auch privat viel unternommen.? Sportliches Heimweh sorgte also dafür, dass Simon 1943 an den Riederwald zurück kehrte. Gerade rechtzeitig, um den ganz großen Erfolg mitzufeiern. Am 16. September startete der Eintracht-Troß zu den Finalspielen um die Deutsche Meisterschaft. Begleitet wurde die Truppe vom Geschäftsstellenmitarbeiter und Betreuer Hans Göring, der wegen eines amputierten Beins nicht kriegsdienstfähig war. Auf der Zugfahrt musste seine Beinprothese als Zigarettenversteck herhalten. Und als die lustigen Damen in der Zugtoilette dann auch noch den versteckten Schnaps entdeckten, füllten sie diesen in ihre Thermoskannen ab. In Magdeburg angekommen, merkte der Schmuggler, dass ihm seine Ware abhanden gekommen war und protestierte lauthals. ?Der Mann hat immer gerufen ?Ich wurde bestohlen, ich wurde bestohlen?, als der Schaffner dann wissen wollte, was ihm geklaut wurde, konnte er es aber nicht sagen. Sonst wäre er ja als Schmuggler aufgeflogen?, schmunzelt Emmi Simon heute.  In Magdeburg trumpften die Eintracht-Damen groß auf, im Finale siegte die Mannschaft über TIB Berlin mit 10:6 und wurde Deutscher Meister. ?Abends im Hotel haben wir natürlich gefeiert. Und auch der geklaute Schnaps kam zum Einsatz, den haben die Berliner Spielerinnen getrunken, das war aber ein ganz billiger Fusel.? Einen Tag später kehrten die Eintrachtdamen als Deutscher Meister zurück nach Frankfurt. ?Wir wurden am Frankfurter Hauptbahnhof empfangen, mehr Feierlichkeiten gab es nicht?, erinnert sich Emmi Simon an die Kriegszeiten in der Mainmetropole. Eine geplante Feier am Riederwald fand dann nicht mehr statt. Die Sportanlage, auf der die Damen den Grundstein für den Erfolg gelegt hatten, wurde zwei Wochen nach dem Sieg von Magdeburg bei dem großen Oktoberangriff auf Frankfurt von Bomben zerstört.

Emmi Simon, die letzte Spielerin der Meistermannschaft von 1943, ist am 16. Dezember 2011 im Alter von 95 Jahren verstorben.