12.12.2014
Klubmagazin

„Wir haben uns in einen echten Rausch gespielt“

Rückblicke auf die Historie eines Vereins sind meist geprägt durch die großen Dramen:

Fantastisch errungene Titel, unfassbar knapp verpasste Meisterschaften, euphorische Aufstiege und niederschmetternde Abstiege. Manchmal aber schreibt auch der graue Liga-Alltag Geschichte. So etwa am 14. Spieltag der Saison 1981/82. Eintracht Frankfurt zerlegte im heimischen Waldstadion den SV Werder Bremen mit 9:2. Allein fünf dieser Treffer gingen auf das Konto unserer Tradi-Spieler Ronny Borchers und Norbert Nachtweih. Vor der diesjährigen Neuauflage der Begegnung teilten sie mit uns ihre Erinnerungen.

Norbert, Ronny, das 9:2 gegen Werder am 14.11.1981 ist legendär. Unter welchen Vorzeichen seid ihr in diese Partie gegangen?

Nachtweih: Wir hatten die Jahre zuvor mit dem UEFA-Cup und dem DFB-Pokal zwei große Titel errungen und waren in dieser Saison 1981/82 sehr unbeständig unterwegs. Siege und Niederlagen wechselten sich ab. Grundsätzlich waren wir aber hervorragend eingespielt. Werder Bremen war damals als Aufsteiger zu Gast mit Otto Rehhagel als Trainer. Die hatten gar keine schlechte Truppe, mit Reinders, Meier und wer da noch so alles gespielt hat. Die musste man erstmal schlagen. Vor dem Spiel standen die in der Tabelle sogar vor uns. Wir wussten, dass Werder ein Problem hatte, weil sich ihr Torhüter Burdenski im Spiel zuvor verletzt hatte und nicht spielen konnte. Es stand also erstmals die Nummer zwei im Tor, Hermann Rülander. Das waren die Vorzeichen. Ansonsten war es ein normales Bundesligaspiel, das wir zu lösen hatten.

Welche Erinnerungen habt ihr an den Spielverlauf?

Nachtweih: Bremen hat in beiden Halbzeiten das erste Tor geschossen und dann haben wir aufgedreht. Bernd Nickel mit seinen Eckbällen. Und Ronny lief ja auch heiß. Bei uns ist es einfach gelaufen. Die konnten machen was sie wollten, das war einfach unser Tag. Es war nicht mal so, dass wir irgendwie seltsame Tore geschossen hätten – den direkt verwandelten Eckstoß von Nickel mal ausgenommen. Wir haben in den Winkel und in die Ecken getroffen, alles sehr platziert. Wir haben uns in einen echten Rausch gespielt.

Borchers: (lacht) Es ist mittlerweile über dreißig Jahre her. Da überwiegen vor allem die Erinnerungen an die Tore. Das Verrückte war ja, dass die Bremer geführt haben. Danach haben wir ein Spiel abgeliefert, das alle Zuschauer in den Bann gezogen hat. Für mich war es natürlich besonders denkwürdig, da ich nicht gerade zu den torgefährlichsten Spielern zählte und ein lupenreiner Hattrick nun wirklich kein alltägliches Erlebnis für mich war. Wenn ich irgendwo in ein Fernsehstudio eingeladen werde, kramen die das Spiel hervor um damit den Zuschauern eine Vorstellung davon zu geben, wer dieser Typ überhaupt ist, der da vor ihnen sitzt. Deswegen habe ich die Tore im Nachhinein schon öfter gesehen. Das 2:1 war ein Eins-gegen-Eins-Duell, bei dem mich Nickel freigespielt hatte, so dass ich den Ball in die Ecke schlenzen konnte. Das zweite Tor war ein Kopfball nach einer Ecke, wieder von Nickel vorbereitet und das Dritte kurz vor der Halbzeit war eher ein Zufallstreffer auf Kniehöhe. Ich hatte auch in der zweiten Hälfte noch weitere Chancen, der Norbert hat mich dann aber als Torjäger abgelöst...

Nachtweih: Ja, was soll ich sagen? Wir hatten einen komfortablen Vorsprung, da kann man schon mal was wagen. Und diese Schüsse aus der Distanz waren eine Spezialität von mir. Aus 25, 30 Metern einfach mal draufhauen. Ein solcher Schuss ist mit rechts eingeschlagen, das zweite Tor fiel nach einer schönen Kombination im Strafraum. Beide unhaltbar (lacht). In dieser Saison erzielte ich überdurchschnittlich viele Treffer. Ein Doppelpack sollte mir in der Bundesliga danach aber nicht mehr gelingen.

Wie lässt sich ein solcher Kantersieg nach den wechselhaften Ergebnissen zuvor erklären?

Nachtweih: Nun gut, dafür waren wir damals bekannt: Wenn wir einen guten Tag erwischten konnte kommen wer wollte. An dem Tag hat alles geklappt und Werder war halt das Opfer. Die haben ja noch den Torwart rausgenommen und der Ersatzmann hat sich dann auch noch zwei eingefangen.

Borchers: Typisch Eintracht eben. Wir waren fußballerisch eine sehr starke Mannschaft. Wir hatten mit Pezzey und Cha zwei Weltklassespieler in unseren Reihen, dazu Nickel, Neuberger, Falkenmayer, Nachtweih, Körbel und wie sie alle heißen – ein klasse Team. Und der Werder-Torwart hat auch nicht die beste Figur gemacht.

Für Rehhagel und die Medien war Werder-Keeper Rülander die Hauptursache...

Nachtweih: Man konnte dem Keeper eigentlich nicht so viel vorwerfen, auch wenn seine Bundesliga-Karriere nach diesem Spiel gelaufen war. Otto Rehhagel war ihm ewig Böse. Klar sah Rülander in manch einer Situation nicht gut aus. Es standen aber noch ein paar Spieler mehr auf dem Platz.

Was ging in der Mannschaft vor, als sie sah, dass die Tore nach Belieben fielen?

Borchers: Irgendwann kam in diesem Spiel der Punkt, an dem wir uns fragten, ob wir vielleicht sogar zweistellig gewinnen könnten. Spätestens als Cha das siebte Tor gemacht hatte, raunte das Publikum und wollte mehr. Wenn man bereits neun Tore erzielt hat, schielt man logischerweise auch auf das Zehnte. Dass wir das nicht geschafft haben, hat uns an dem Tag aber keiner übel genommen. Wir wurden jedenfalls nicht ausgepfiffen (lacht).

Werdet ihr noch häufig auf dieses Spiel angesprochen?

Nachtweih: Ja, durchaus. Ich hab mir das sogar auf Video geben lassen. Neun Tore für eine Mannschaft in einem Bundesligaspiel muss man erstmal machen. Das war glaube ich der höchste Sieg, den ich mit der Eintracht eingefahren habe, und einer der höchsten Bundesliga-Heimsiege der Eintracht überhaupt.

Borchers: Das Verrückte ist, dass man sich in einer solchen Situation noch gar nicht darüber im Klaren ist, was man da eben erreicht hat. Man ahnt nicht, dass man auch 30 Jahre später noch drauf angesprochen wird. Das würde ich gerne den aktuellen Spielern mitgeben, dass sie den Augenblick genießen und sich klarmachen, dass sie gerade Fußball-Geschichte schreiben. Das ist etwas außergewöhnlich Schönes.

Nach dem Spiel warst du Gast im Aktuellen Sportstudio, Ronny. Warst du an der Torwand auch so treffsicher wie am Nachmittag?

Sowohl der HR als auch der Herr Töpperwien vom aktuellen Sportstudio traten nach dem Spiel an mich heran und ich musste mich entscheiden, wohin ich gehe. Ich bin natürlich ins Sportstudio gegangen, weil es damals die Sportsendung überhaupt war. Für mich als junger Bursche war der Auftritt bei Dieter Kürten natürlich etwas Besonderes. An diesem Tag, warum auch immer, gab es aber kein Torwandschießen. Das sage ich nicht um zu kaschieren, dass ich nicht getroffen hätte (lacht).

Kommen wir zur aktuellen Begegnung. Werder und die Eintracht leben derzeit gefährlich…

Nachtweih: Das ist ein unheimlich wichtiges Spiel für uns. Der Sieg gegen Gladbach war natürlich eine Erleichterung im allgemeinen Abwärtstrend, aber gegen Werder steht jetzt ein Sechs-Punkte-Spiel auf dem Programm. Werder steht das Wasser bis zum Halse, in deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken. Das wird dieses Jahr schwer für sie. Und trotzdem ist das alles andere als ein Selbstläufer für uns. Die Konzentration muss voll da sein.

Borchers: Ich freue mich unendlich auf das Spiel, weil die Eintracht gezeigt hat, dass sie wirklich gut spielen kann. Dass und wie die Jungs gegen Gladbach gewonnen haben, war wirklich traumhaft. Das bringt Selbstvertrauen zurück. Ich hoffe natürlich, dass es am Ende für alle Zuschauer wieder ein tolles Erlebnis wird.

Wie geht es aus?

Borchers: (überlegt) 2:1.

Nachtweih: Ich sage 3:1.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

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