10.04.2014
Klubmagazin

„Tuchel könnte ein wenig häufiger lachen“

Die Bundesliga-Tradition der Begegnungen von Eintracht Frankfurt und Mainz 05 lässt sich mit nur drei Worten treffend beschreiben: kurz und intensiv.

Obschon es erst mit dem Abstieg der Adler Anno 1996 zu regelmäßigen Derbys in erster und zweiter Bundesliga gegen die Nachbarn aus Rheinhessen kommt, haben diese doch einige der emotionalsten Augenblicke der jüngeren Vereinsgeschichte unserer Eintracht hervorgebracht. Zwei Momente bleiben besonders in Erinnerung: Am 25.05.1998 besiegelt die Eintracht mit einem 2:2 im Waldstadion gegen die damals abstiegsbedrohten 05er die Rückkehr in die erste Bundesliga. Und exakt fünf Jahre später elektrisiert das Fernduell zwischen Mainz und der Eintracht um den Aufstieg 2003 die gesamte Region. Mit Thomas Sobotzik und Andree Wiedener  waren zwei Spieler unserer Traditionsmannschaft mitten drin im Geschehen und lassen uns an ihren Erinnerungen teilhaben.

Thomas Sobotzik, der 25.05.1998 ist ein besonderer Tag in der Geschichte der Frankfurter Eintracht: nach dem schmerzlichen Abstieg 1996 wurde die Rückkehr in die 1. Bundesliga perfekt gemacht. Gegner damals war der FSV Mainz 05. Welche Erinnerungen hast du an diesen Tag?

Sobotzik: Wir haben damals nach einer 2:0-Führung 2:2 gespielt. Ich erinnere mich, dass bereits während des Spiels auf den Rängen gefeiert wurde. Die Atmosphäre war von der Vorfreude auf das Ende der Leidenszeit geprägt. Das war sehr angenehm. Ich weiß auch noch, dass Ralf Weber ein sehr schlitzohriges Freistoßtor zum 1:0 erzielt hat. Die Mainzer waren noch dabei ihre Mauer zu stellen, der Torwart stand am Pfosten und gab Anweisungen. Der Ball war aber freigegeben und da hat Ralf ihn einfach ins leere Tor geschossen.

Für Mainz ging es damals ums Überleben in der 2. Liga und die 05er haben sich trotz des Rückstandes nicht aufgegeben. Hattest du zu irgendeinem Zeitpunkt im Spiel die Sorge, dass man euch noch die Butter vom Brot nehmen könnte?

Sobotzik: Ich habe nicht mehr jedes Detail vor Augen, aber in meiner Erinnerung hatten wir das Spiel eigentlich ziemlich im Griff, auch wenn die Mainzer noch mal rangekommen sind. Von daher kann ich nicht sagen besorgt gewesen zu sein.

Die angesprochene Vorfreude bei den Fans war so groß, dass viele den Abpfiff nicht abwarten konnten. Kurz vor Schluss kamen sie über die Zäune an den Spielfeldrand geeilt und stürmten den Platz schon wenige Sekunden vor Ablauf der 90 Minuten. Hatte man da als Spieler das Gefühl „jetzt ist es geschafft“, oder gab es auch Sorge, ob das ein Nachspiel haben könnte?

Sobotzik: Die Angst vor dem Spielabbruch war schon da und dass es vielleicht ein Wiederholungsspiel geben könnte. Wir haben kurz versucht auf die Leute einzuwirken, aber da war nichts zu machen. Das war wie eine Lawine.

Wie war das für dich, als all die jubelnden Leute auf euch zu stürmten? Überwog da die Lust mit den Menschen zu feiern oder war einem da auch mulmig zumute, weil man gar nicht abschätzen konnte, wie sehr sich die Leute noch im Griff hatten?

Sobotzik: Grundsätzlich ist das heikel, aber wie gesagt, die Atmosphäre war nicht feindselig. Klar waren die Leute euphorisiert, aber ich hatte schon das Gefühl, dass da keine Gefahr bestand. Und wir waren schließlich auch wie entfesselt.

Einer, der damals noch als Fußballer für Mainz auf dem Platz stand, ist Jürgen Klopp. Wie war er so als Kicker? Auch schon so ein Heißsporn?

Sobotzik: Ich hoffe er wird mir nicht böse sein, aber er ist mir nicht großartig aufgefallen damals (lacht). Ich habe wenig bis gar keine Erinnerungen an seine sportliche Betätigung.

Kommen wir zu dir, Andree. Du wurdest als Spieler Zeuge der dramatischsten Zuspitzung der Derbygeschichte zwischen Eintracht und Mainz: der legendäre Aufstieg 2003. Wie hast du Mainz damals wahrgenommen, sowohl sportlich als auch von der Art und Weise, wie sie sich abseits des Platzes präsentiert haben?

Wiedener: Was Mainz angeht... die kann man nicht gut finden, wenn man bei der Eintracht spielt, das ist einfach so (lacht). Aber meine erste Erinnerung an Mainz ist noch älter. Es war in der ersten Rückrunde, die ich für die Eintracht gespielt habe. Wir hatten keine Chancen mehr auf den Aufstieg und wurden dann unmittelbar vor dem Derby zuhause von den Fans bedroht doch alles gegen Mainz zu geben, sonst würden die uns fertig machen. Da merkte man also schon, welche Brisanz im Spiel war. Dann, in der nächsten Saison, waren wir beide im Aufstiegsrennen von vorn herein dabei und die Rivalität wurde noch intensiver.

Das ganze spitzte sich zu bis hin zum Saisonendspurt. Am 31. Spieltag kam es zum direkten Aufeinandertreffen in Mainz, das die 05er mit 3:2 für sich entscheiden konnten. Ihr Vorsprung betrug dann drei Punkte, die Vorentscheidung um den dritten Aufstiegsplatz schien gefallen zu sein.

Wiedener: Die Erinnerung daran ist völlig vom letzten Spieltag überschrieben. Grundsätzlich zeigt die Situation doch aber, genau wie dann der letzte Spieltag auch, dass man sich im Fußball nicht ergeben darf. Selbst aussichtslose Situationen können sich blitzschnell umkehren.

Dann sprechen wir doch über das letzte Spiel. Die Konstellation war ziemlich einmalig: Eintracht und Mainz hatten je 59 Punkte, die SGE hatte eine um ein Tor bessere Tordifferenz bei insgesamt weniger geschossenen Toren. Es war klar: wer im letzten Spiel das bessere Torverhältnis produziert, steigt auf...

Wiedener: Es war einfach Wahnsinn. Ich kam in diesem Spiel nicht zum Einsatz, weiß aber noch wie ich beim Warmmachen nicht nur das Spielgeschehen bei uns beobachten konnte, sondern auch das der Mainzer auf den Monitoren. Die Anspannung war riesig.

Als Mainz bereits mit 4:0 führte und es bei der Eintracht 3:3 stand, schien alles gelaufen. Einige Zuschauer verließen bereits das Stadion. Wann hattest du das Gefühl: „hier geht noch was“?

Wiedener: Als wir wieder in Führung gegangen sind. Reutlingen war kaputt, das hat man gemerkt. Wir hatten nichts mehr zu verlieren und haben alles nach vorn geworfen. Diese Zuversicht, es doch noch schaffen zu können und bis zum bitteren Ende zu fighten, hat uns damals ausgezeichnet. Natürlich waren wir nach dem Ausgleich der Reutlinger erst mal geschockt, wir haben den Glauben aber sehr schnell wiedergefunden.

Die Bilder der zunächst jubelnden Mainzer, die dann von Jürgen Klopp zur Ruhe gerufen wurden bevor sie im Mannschaftskreis übers Radio von Schurs Treffer erfuhren und zusammenbrachen, sind Kult. Hat man als Sportler in so einer Situation Mitleid mit dem Rivalen?

Wiedener: Im ersten Moment mit Sicherheit nicht. Da zählt nur deine eigene Situation. Im Allgemeinen aber kennt jeder Sportler solch bittere Momente. Vielleicht nicht ganz so brutal, aber doch ähnlich. Insofern kann man sich da natürlich einfühlen.

Seitdem ist in Mainz viel passiert. Vom fast-Absteiger 1998 über den fast-Aufsteiger 2003 bis hin zum Europa-League-Kandidaten von heute: Wie schätzt ihr die Entwicklung der Mainzer seit damals ein?

Sobotzik: Ich finde es sensationell was sie dort aufgebaut haben. Mainz 05, auch wenn es schwerfällt so etwas in Frankfurt zuzugeben, ist eigentlich das Paradebeispiel für Vereine, die nicht über unendliche finanzielle Mittel verfügen und sich trotzdem etablieren, ihren Weg gehen und ihre Philosophie umsetzen. Das ist schon beeindruckend. Ich hatte das damals nicht für möglich gehalten. Chapeau. Ich glaube auch, dass in Mainz noch vieles durch die Arbeit von Jürgen Klopp geprägt ist, auch wenn er schon lange nicht mehr da ist. Aber er hat den Grundstein für diesen Erfolg gelegt.

Wiedener: Früher war Mainz noch der Inbegriff der zweiten Liga. Man hatte immer das Gefühl, dass sie für diese Liga ideal sind, es zu höherem aber nicht reicht. Aber das haben sie klar widerlegt. Sie haben sich super entwickelt und die Etablierung in der ersten Liga absolut verdient. Und für uns ist es doch auch schön, sie in der Liga zu haben, weil diese Derbys doch etwas besonderes sind.

Und wie bewertet ihr die Arbeit von Thomas Tuchel?

Sobotzik: Er gehört für mich zu den zwei, drei interessantesten Trainern die wir derzeit in Deutschland haben. Wenn man sich das Spielermaterial anschaut, das ihm zur Verfügung steht, dann ist das einfach nicht hoch genug einzuschätzen, was er aus dieser Mannschaft rausholt. Ich finde ihn von der fachlichen Seite her absolut top. Er könnte allerdings ein wenig häufiger lachen (lacht selbst). Das wünsche ich ihm.

Wiedener: Ich glaube, dass er sehr akribisch ist und sehr gute Arbeit macht. Ich schätze aber, dass er sich dauerhaft nicht mit Platz sieben bis zwölf zufrieden geben wird. Ich denke, er hat Ambitionen einen Verein zu trainieren, der dauerhaft international vertreten ist.

Letzte Frage: Wie geht das Spiel aus?

Wiedener: Es ist alles offen. Die Eintracht ist wieder auf einem ganz guten Weg, Mainz musste zuletzt auch wieder ein paar Dämpfer hinnehmen. Ich hoffe auf einen positiven Ausgang für uns.

Sobotzik: Dem schließe ich mich an.

Thomas, Andree – Vielen Dank für das Interview!

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