17.11.2020
Museum

Studie des Fritz Bauer Instituts veröffentlicht

Eintracht Frankfurt setzt sich mit der eigenen Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Virtuelle Vorstellung der Studie am 25. November, 18.15 Uhr.

Eintracht Frankfurt setzt sich seit vielen Jahren intensiv mit der eigenen Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Vor wenigen Tagen ist vom renommierten Fritz Bauer Institut die Studie „Vereinsführer – Vier Funktionäre von Eintracht Frankfurt im Nationalsozialismus“ veröffentlicht worden. Mittels dieser unabhängigen Forschung möchte die Eintracht einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung der eigenen Historie gehen und das Wirken von Vereinsverantwortlichen während der NS-Zeit beleuchten. Die Studie wird am Mittwoch, 25. November, um 18.15 Uhr von Autor Max Aigner vorgestellt. Corona-bedingt findet die Veranstaltung unter anderem als Livestream auf YouTube statt.

Viele Jahre war die Frage nach der Verantwortung für das eigene Verhalten während des Nationalsozialismus für die großen deutschen Sportvereine kein Thema. Erst Ende der 1990er Jahre begann die Aufarbeitung. Gerhard Fischer und Ulrich Lindner veröffentlichten das Buch „Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus“. Anfang der 2000er Jahre folgten erste Vereinsmonographien, so zum Beispiel „Der BVB in der NS-Zeit“, „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ (FC Schalke 04), „Der Betze unterm Hakenkreuz“, „Hertha unterm Hakenkreuz“ und „Der FC Bayern und seine Juden“. Auch der Deutsche Fußball-Bund beauftragte mit Nils Havemann einen Historiker, der das Verbandsleben im Nationalsozialismus beleuchtete.

Früh damit beschäftigt

Die Eintracht gehört zu den Vereinen, die sich verhältnismäßig früh mit dem Vereinsleben im Nationalsozialismus beschäftigt haben. 1998 widmete Ulrich Matheja dem Thema in seinem Buch „Schlappekicker und Himmelstürmer“ einen größeren Rahmen. 1999 wurde das Vereinsleben zwischen 1933 und 1945 in der Ausstellung „Frankfurt am Ball – 100 Jahre Eintracht & FSV“ ausführlich behandelt. 2007 erschien das Buch „Wir waren die Juddebube – Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit“, das die erste detaillierte Darstellung der Vereinsentwicklung unter nationalsozialistischer Herrschaft darstellte. Die Eintracht zog aus dem neuen Wissen Konsequenzen und entwickelte in den folgenden Jahren ein breitangelegtes, erinnerungspolitisches Engagement. 2008 wurden vom Verein erstmals Stolpersteine für verfolgte und ermordete Mitglieder verlegt; seitdem gibt es jährlich Stolpersteinverlegungen. Mit dem Projekt „50 Eintrachtler“ dokumentiert das Museum die Lebensläufe jüdischer Vereinsmitglieder, es bietet Lehrerfortbildungen und Workshops für Schulklassen und Jugendgruppen. 2011 errichteten Fans auf dem Gelände des Stadions ein Mahnmal, dass an die Verfolgten erinnert, seit dem verleiht das Fanprojekt Frankfurt jedes Jahr den Preis „Im Gedächtnis bleiben“, der Initiativen auszeichnet, die sich gegen Rassismus engagieren. 2019 organisierte die Fanbetreuung der Eintracht gemeinsam mit dem Museum eine Veranstaltungsreihe „Spurensuche“, die mit einer Bildungsreise nach Theresienstadt abgeschlossen wurde. Gemeinsam mit Vizepräsident Stefan Minden und dem Mitglied Helmut „Sonny“ Sonneberg, der als Kind deportiert wurde und die Shoa überlebte, reisten 30 Anhänger für vier Tage nach Theresienstadt, nahmen an Führungen und Diskussionsrunden teil und enthüllten am letzten Reisetag im Kolumbarium, in dem einst mehr als 20.000 papierene Aschebeutel mit den Namen der Toten aufbewahrt wurden, eine Gedenkplatte der Eintracht.

Ein weiterer – notwendiger – Schritt in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte war es nun, den Blick auf die Akteure im Verein zu wenden, die zur damaligen Zeit in Verantwortung waren und zum Funktionieren des Systems beigetragen haben. Aus diesem Grund wandte sich Eintracht Frankfurt 2018 an das renommierte Fritz Bauer Institut zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust und regte eine externe und unabhängige Untersuchung des Wirkens der Vereinsführung während der NS-Zeit an. Mit Hilfe dieser unabhängigen Forschung möchte die Eintracht einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte gehen. Neben dem wichtigen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus möchte der Verein ganz bewusst auch die eigene Verantwortung am Funktionieren des Nationalsozialismus in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Ein solcher Schritt ist schmerzhaft, denn beim Blick auf die eigene Verantwortung werden Menschen, die oftmals gesellschaftlich hochgeachtet waren, nach Ihrem Tode mit ihrem Wirken im Nationalsozialismus konfrontiert. Fakt ist aber, dass die notwendige Aufarbeitung weder in der unmittelbaren Nachkriegszeit, noch in den 1960er, 1970er oder 1980er Jahren stattfand und deswegen überfällig ist.

Die Idee, dass eine anerkannte Forschungseinrichtung zu Funktionären des Vereins recherchiert, basiert auch auf der Erkenntnis, dass es neben einem „Familiengedächtnis“ auch etwas wie ein „Vereinsgedächtnis“ geben muss. Im vielbeachteten Buch „Opa war kein Nazi“ (Welzer, Moller, Tschuggnall) wurde 2002 dargelegt, dass Familien generationsübergreifend geschönte Bilder der Zeit des Nationalsozialismus vermitteln als die objektive Geschichtsschreibung. Im Familiengedächtnis finden sich vorwiegend Erinnerungen an Bomben, Entbehrungen, Leiden und Widerstand. Die Mitverantwortung der eigenen Familie für die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus findet im Familiengedächtnis oft keine Erinnerung. Diese Erinnerungsmuster tauchen auch bei Vereinen auf, die sich gerne als „Vereinsfamilie“ bezeichnen, weswegen eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung am Unrechtssystem oft schwerfällt und nur bedingt stattfindet. In einem Aufsatz zur Erinnerungskultur im deutschen Sport nach 1945 kommt der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler zu folgendem Schluss: „Die spezifischen zwischenmenschlichen Bindungskräfte im Sport, die ihn für uns so liebenswert und attraktiv machen, sind für eine kritisch-historische Aufarbeitung seiner Geschichte nicht immer günstig. Eine falsch verstandene Solidarität mit früheren Funktionsträgern oder Sportlern, die sich zum Aushängeschild einer Diktatur haben machen lassen, verstärkt die Tendenz des Ausblendens, Wegsehens, des Unter-den-Teppich-Kehrens.“

Diese Herren sind auf dem Buchcover „Wir waren die Juddebube – Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit“ abgebildet.

Max Aigner vom Fritz Bauer Institut recherchierte die Lebensläufe der Eintracht-Vereinsführer Egon Graf von Beroldingen, Hans Söhngen, Rudolf Gramlich, Adolf Metzner und Anton Gentil, die an dieser Stelle kurz vorgestellt werden sollen.  

Graf von Beroldingen: In alle Entscheidungen involviert

Egon Graf von Beroldingen stand dem Verein von 1927 bis zu seinem Tod im Oktober 1933 vor. Zuvor war der Leiter des Flughafens am Rebstock bereits Präsident des VfB Stuttgart. 1933 verantwortete von Beroldingen als Vereinsführer maßgeblich die Gleichschaltung der Eintracht. Jüdische Funktionäre und politisch unliebsame Personen mussten den Verein verlassen. Max Aigner kommt zu dem Ergebnis, dass „der Vorsitzende Egon Graf von Beroldingen in alle Richtungsentscheidungen während dieser heiklen Phase maßgeblich involviert war und den Kurs des Vereins daher wesentlich prägte. Angesichts der Hinweise auf seine autoritäre und nationalkonservative Haltung ist davon auszugehen, dass er sich den Entwicklungen dabei nicht nur aus opportunistischen oder an Bestandserhaltung orientierten Motiven fügte, sondern sie zumindest grundsätzlich auch politisch unterstützte.“

Hans Söhngen, Vereinsführer von 1933 bis 1938, wurde bereits 1931 Mitglied der NSDAP, am 15. Dezember 1931 schloss er sich der NSDAP an. Söhngen, der in der Mitgliedschaft der Eintracht nicht besonders beliebt war, war bestrebt, den Verein in regimekonformer Weise zu lenken. Max Aigner bilanziert, dass Söhngen „in der Anfangszeit des ´Dritten Reichs´ persönlich stark von seinem Ansehen als ´alter Kämpfer´ und seinen Kontakten zu ranghohen NS-Funktionären profitierte. Aus seiner enormen Ämter- und Machtkumulation lässt sich darüber hinaus auf einen relativ hohen Grad der funktionalen Einbindung in das nationalsozialistische Herrschaftssystem schließen.“ 

Metzner: Europameister und SS-Mitglied

Dr. Adolf Metzner, der von 1938 bis 1942 eine Doppelspitze mit Rudolf Gramlich bildete, trat 1933 der SS bei. Metzner war ein erfolgreicher Leichtathlet, der 1932 und 1936 an den Olympischen Spielen teilnahm. 1934 reiste er als Deutscher Meister im 400-Meter Lauf zu den Leichtathletikeuropameisterschaften nach Turin und feierte hier auch den Titel des Europameisters. Neben dem Sieg im Wettbewerb über die 400-Meter gewann er auch mit der 4x400 Meter-Staffel die Goldmedaille. In seiner Studie schreibt Max Aigner, dass sich über Adolf Metzner „das Bild eines Opportunisten, der sich potentiell aus gewissen ideologischen Übereinstimmungen, in größerem Maße aber wohl aus karrieristischen und sportpolitischen Motiven ohne größere Schwierigkeiten in das NS-Regime integrierte. Als NS-belastet kann er gelten, da er sich aktiv zum Beitritt zu einer aggressiven und gewalttätigen NS-Organisation entschloss, das Regime durch seine Veröffentlichungen intellektuell zu legitimieren half und sich als Sportverantwortlicher an seiner funktionalen Aufrechterhaltung beteiligte.“ Nach dem Krieg war Dr. Adolf Metzner ein herausragender Repräsentant seiner Heimatstadt Frankenthal. In seinem Testament hatte er verfügt, dass die „Metzner-Stiftung“ ein Grundkapital von einer Millionen DM erhält. Anfang der 1980er Jahre begann die Stiftung, kulturelle, soziale und sportliche Projekte in Frankenthal zu fördern. Es entstand ein Adolf-Metzner-Park und der Adolf-Metzner-Musikwettbewerb, im CongressForum Frankenthal stand eine Büste des Gönners. Mehr als 30 Jahre nach dem Tod Metzners kamen erstmals Fragen zu seinem Lebensweg im NS auf, diese wurden angestoßen vom Förderverein für Jüdisches Gedenken in Frankenthal. Daraufhin fand in der Stadt eine emotional geführte Debatte über den Umgang mit dem Erbe Metzners statt. 

Gramlich: Eintrachts ehemaliger Nationalspieler

Rudolf Gramlich bekleidete das Amt des Vereinsführers von 1938 bis 1942 gemeinsam mit Dr. Adolf Metzner. Gramlich war zu der Zeit in Frankfurt schon eine Institution. 22 Spiele hatte er für die Deutsche Nationalmannschaft absolviert, er war Spieler bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien – und er stand 1932 mit der Eintracht im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Rudolf Gramlich trat 1937 der SS und 1940 der NSDAP bei. Nachweisbar ist, dass er von der nationalsozialistischen Herrschaft profitierte: 1938 übernahm er mit seinem Geschäftspartner Eugen Fabian die Geschäftsräume der „Jakob Schönhof-Ledergroßwarenhandlung“, deren bisheriger Inhaber der jüdische Lederkaufmann Herbert Kastellan war. Dabei erfolgte keine Vergütung des Firmenwerts, eine Zahlung wurde lediglich für Inventar und Warenlager geleistet. Kastellan wurde später nach Litzmannstadt deportiert und ermordet. Nach Kriegsende einigten sich die Inhaber der Firma Fabian & Gramlich mit den Töchtern Kastellans im Rahmen des Rückerstattungverfahrens auf eine Nachzahlung des „angemessenen Kaufpreises“ für die Bestände des Lagers, der etwa das Doppelte des 1938 bezahlten Preises betrug. Im gleichen Jahr zog Rudolf Gramlich in die Wohnung des jüdischen Fabrikanten Ludwig Pohl, der 1938 nach Kalifornien emigriert war.

Seit dem 15. November 1939 gehörte Rudolf Gramlich zur 8. SS-Totenkopfstandarte, in der 9. Kompanie im III. Bataillon absolvierte er bis September 1940 seinen Dienst. In seiner Studie kommt Max Aigner zu dem Ergebnis, dass „Gramlich in der 8. SS-Totenkopfstandarte einem der ´wesentlichen Mittel zur Verwirklichung der antisemitischen und rassistischen Politik gegenüber Juden und christlichen Polen´ angehörte, die zu jener Zeit im besetzten Polen aktiv waren“.

Gentil: Kämpfer für den Sportbetrieb

Im Mai 1940 wurde Anton Gentil zum „stellvertretenden Gemeinschaftsführer im Krieg“ bestimmt. Gentil, der aus der Tennisabteilung kam, bekleidete das Amt bis Kriegsende. Gentil wurde 1933 Mitglied der NSDAP, 1935 Mitglied der Deutschen Arbeitsfront und der NS-Volkswohlfahrt. Einen gestaltenden Einfluss auf das Vereinsleben konnte bei Gentil nicht nachgewiesen werden, er versuchte vor allem, den Sportbetrieb während des Kriegs aufrecht zu erhalten. Aber auch von Anton Gentil finden sich politische Äußerungen in den Publikationen des Vereins. 1942 lobte er in einem Feldpostbrief die Leistungen der Deutschen Soldaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion, deren „Opfermut“ und „Leidensbereitschaft“ ohne „Beispiel in der Weltgeschichte“ seien. „Wir schauen vertrauensvoll in die Zukunft, die für uns alle erfüllt ist vom Glanze des nahen Sieges. Mit dem Führer in ein neues, freies Großdeutschland, in dem wir weiterarbeiten wollen, zusammen mit Euch Kameraden, die Ihr dann wieder bei der Eintracht seid.“

„Ein Ehrenpräsident muss, egal was er sportlich Positives erreicht hat, auch moralisch und ethisch ein Vorbild sein“, so VereinspräsidentFischer.

Die Ergebnisse der Fritz Bauer Studie wurden dem Ehrenrat und dem Präsidium der Eintracht bereits Anfang des Jahres vorgelegt. Nach Sichtung der Unterlagen haben die Gremien im Vorfeld der Mitgliederversammlung im Januar 2020 beschlossen, Rudolf Gramlich den Titel „Ehrenpräsident“ abzuerkennen. „Ein Ehrenpräsident muss, egal, was er sportlich Positives erreicht hat, auch moralisch und ethisch ein Vorbild sein“, begründet Vereinspräsident Fischer die Entscheidung.

Die gesamte Studie ist im Wallstein Verlag erschienen, enthält 304 Seiten und kostet 38 Euro. Das Buch ist auch im Eintracht Frankfurt Museum erhältlich.

Spurensuche II

2021 starten die Fanbetreuung der Eintracht und das Eintracht Frankfurt Museum das Projekt „Spurensuche II“. Im Zuge der Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung rund um die Studie des Fritz Bauer Instituts möchten wir bei dem geplanten Projekt „Spurensuche II“ den Blick diesmal auf Vereinsverantwortliche im NS werfen.

Die Termine 2021

  • 13. Januar 2021, 19.30 Uhr: Auftaktveranstaltung im Museum
  • 26. Januar 2021, 19.30 Uhr: Die Vereinsführer der Eintracht im Nationalsozialismus. Vortrag mit Max Aigner, Fritz Bauer Institut
  • 27. März 2021: Besuch der Erinnerungsstätte Eichberg. Im Rahmen der Tagestour werden wir mehr über den Eintrachtler Hans Grebe erfahren, der seit 1937 Assistent am „Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene“ war.
  • 27. April 2021, 19.30 Uhr: Filmabend im Museum: „Labyrinth des Schweigens“, anschließend Filmgespräch mit Werner Renz, Fritz Bauer Institut.
  • 5. Juni 2021: Tagesreise nach Frankenthal mit Stadtrundgang und Treffen mit Vertretern des Vereins „Juden in Frankenthal“. Der Verein hat in den vergangenen Jahren in der Stadt eine kritische Auseinandersetzung mit der Person Dr. Adolf Metzner angestoßen.
  • 13. September 2021: Diskussionsrunde „Umgang mit der eigenen Verantwortung“ mit Vertretern von Stadt, Vereinen und Verbänden.
  • Oktober 2021: Abschlussreise in die Gedenkstätte Buchenwald.  

Weitere Informationen zum Projekt „Spurensuche II“ finden sich unter museum.eintracht.de und fans.eintracht.de.

  • #Museum
  • #Info
  • #DeutscheBankPark
  • #Fans
Stadium Ad Backdrop Top
Stadium Ad Backdrop Bottom

0 Artikel im Warenkorb

  • keine Artikel
Lieferung
0,00 €
Summe inkl. MwSt.
0,00 €