07.04.2026
Museum

Spurensuche 6: Bericht von der Abschlussreise - Teil 2

Zum Abschluss des sechsten Spurensuche-Projekts stand eine Bildungsreise nach Nordhessen auf dem Programm. Axel „Beve“ Hoffmann berichtet in zwei Teilen über die Exkursion.

Im vergangenen September startete unter dem Titel „Frankfurt vergisst nicht“ die sechste Ausgabe des Projekts Spurensuche – organisiert vom Museum und dem Bereich Fans & Fankultur der Frankfurter Eintracht sowie vom Fritz Bauer Institut und dem Sportkreis Frankfurt. Diesmal rückten die Sportvereine in und um Frankfurt in den Mittelpunkt.

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe berichtete Harald Höflein über seine Recherchen zu Julius Bendorf, der als Einziger aus seiner Familie das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, und stellte die Geschichte des Sportlers aus Ober-Ramstadt vor. Es folgten ein Besuch im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, die Stolpersteinverlegung für Max Loeb sowie ein Vortrag von Kirsten Schwartzkopff über den „Ruderverein Germania im Nationalsozialismus“. Den Abschluss der Vortragsreihe bildete ein Beitrag von Pavel Brunssen über „The Making of ‚Jew Clubs‘“. Die Abschlussfahrt führte nun im März 2026 zu den Arolsen Archives, in die Wewelsburg und nach Breitenau.  Axel „Beve“ Hoffmann berichtet in zwei Teilen über die Abschlussreise.

Den ersten Teil des Reiseberichts finden Sie unter folgendem Link: Zum ersten Teil des Reiseberichts.

Wewelsburg und KZ Niederhagen

Der folgende Tag war regnerisch und kühl. Nach einem eher kurzen Frühstück brachte uns der Bus nach Wewelsburg, heute ein zu Büren gehörender Ort mit rund 2.000 Einwohnern im Landkreis Paderborn. Prägend ist das gleichnamige, burgähnliche Renaissanceschloss mit dreieckigem Grundriss, das in seiner heutigen Form seit 1609 besteht. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Schloss nur notdürftig instand gehalten. 1924 ging es in den Besitz des Kreises Büren über, seit 1925 diente es – wie auch heute wieder – als Jugendherberge.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS und geprägt von einer kruden Vorliebe für vermeintlich „germanische“ Mythen, plante, das Schloss in Westfalen zu einer Kaderschmiede der SS und zu einem zentralen Versammlungsort führender SS-Mitglieder auszubauen – ohne dass die Zielsetzung jemals eindeutig festgelegt worden wäre. Um seiner ideologisch aufgeladenen Konstruktion historische Tiefe zu verleihen, ließ Himmler das Schloss gezielt in eine „Burg“ umgestalten. Der weiße Putz wurde entfernt, das freigelegte Mauerwerk sollte nun mittelalterlich wirken – obwohl das Schloss in dieser Epoche noch gar nicht existiert hatte. Auch eine neu errichtete Betonbrücke wurde mit Mauersteinen verkleidet, um einen mittelalterlichen Eindruck zu erzeugen.

Die großspurigen Pläne der Nationalsozialisten sahen vor, Wewelsburg zu einem zentralen Ort der SS auszubauen. Dazu sollten auch Teile der Bevölkerung umgesiedelt werden, um Platz für Neubauten unterhalb der Burg zu schaffen. Die ersten Zwangsarbeiter – Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen – waren zunächst in Zelten unterhalb des Schlosses untergebracht, später gegenüber im sogenannten „kleinen Lager“ auf dem Kuhkampsberg.

Ab 1940 mussten sie hinter der Ortschaft das Konzentrationslager Niederhagen errichten. Dort waren vor allem Zwangsarbeiter aus Osteuropa inhaftiert, die unter brutalen Bedingungen für den Umbau der Anlage arbeiten mussten. Zeitweise diente das Lager der Gestapo auch als Hinrichtungsstätte. Insgesamt wurden hier 56 Menschen hingerichtet, darunter drei Frauen und ein 15-jähriger jüdischer Junge, der nach einer Denunziation wegen eines Schneeballwurfs festgenommen worden war.

Zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen geführt, fungierte Niederhagen vom 1. September 1941 bis zum 30. April 1943 als eigenständiges Hauptlager. Nach dessen Auflösung verblieben bis zur Befreiung am 2. April 1945 noch 42 Häftlinge vor Ort. Von den insgesamt rund 3.900 in Niederhagen inhaftierten Männern starben 1.285 im Lager. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die übrigen die NS-Diktatur überlebten.

Die Wewelsburger Bevölkerung stand den Aktivitäten der SS zuweilen kritisch gegenüber. Zwangsarbeitern, die vom Lager zur Burg marschierten, wurde Nahrung zugesteckt, und die örtliche Feuerwehr weigerte sich, zur Suche nach Geflüchteten auszurücken – mit dem Verweis, es könne in dieser Zeit schließlich ein Brand ausbrechen. Bis auf drei Familien, die in den Osten umsiedelten (um nach Kriegsende zurückzukehren), verweigerten die meisten die Aufgabe ihrer Höfe und Häuser. Die drohende Zwangsenteignung verstärkte diesen Widerstand. Oder war Ursache.

Am 31. März 1945 befahl Himmler angesichts des drohenden Untergangs die Sprengung der Burg. Das gelang nicht, aber Infolge des ausgelösten Feuers brannte das Innere der Anlage vollständig aus.

Im weiteren Verlauf der Reise stand ein Besuch der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg auf dem Programm.

Nach dem Krieg kamen Flüchtlinge aus dem Osten auch nach Wewelsburg. Da ihnen im alten katholischen Ortskern zunächst kein Bauland zur Verfügung gestellt wurde, bezogen sie vorübergehend die Baracken des ehemaligen Lagers und errichteten nach und nach dort, im Gebiet des einstigen KZ, ihre neue Existenz. Heute sind nur noch wenige Gebäude aus der Lagerzeit erhalten. Das frühere Eingangsgebäude ist heute ein Mehrfamilienhaus, umgebaut und verputzt und das ehemalige Küchengebäude diente lange Zeit als Schreinerei und Schlauchlager der Feuerwehr. Erst seit 2023 ist es Teil der Gedenkstätte. Der frühere Appellplatz beherbergt seit 2000 ein Mahnmal. Wegweiser sind kaum vorhanden.

Der größte Teil der Wewelsburg wird heute als Kreismuseum und Jugendherberge genutzt. Das ehemalige SS-Wachgebäude vor der Burg beherbergt seit 2010 die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 und zeigt die Ausstellung Ideologie und Terror der SS, die wir in zwei Gruppen besichtigten. Angenehm ist, dass hier in vielen Teilen der Ausstellung die überlebenden Gefangenen präsent sind. Sie waren es auch, die immer wieder auf die Einrichtung einer Gedenkstätte gedrungen haben. Otto Preuss, Inhaftierter im KZ, kehrte beispielsweise Ende der 1970er-Jahre an die Stätte seines Martyriums zurück. Damals wies nichts mehr auf die NS-Vergangenheit des Ortes hin. Erst 1982 begann ein Umdenken. Friederike Horgan und Thorsten Spilker schilderten eindrücklich die Ausprägungen des SS-Systems vor Ort, führten uns im Regen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und nach einer Mittagspause auch in den Nordturm.

Dort sind zwei weitere Räume zugänglich: zum einen die etwa vier Meter unter der Erde liegende Gruft, die von Zwangsarbeitern ausgehoben wurde und deren Zweck bis heute nicht vollständig geklärt ist. Zum anderen der darüber gelegene Gruppenführersaal. In den Marmorboden eingelassen befindet sich in der Mitte des Raumes ein grünes Sonnenrad. Dieses Motiv hat sich seit den 1990er-Jahren unter der Bezeichnung „Schwarze Sonne“ zu einem Erkennungszeichen neonazistischer Gruppen entwickelt. Etwa ein Prozent der Besucherinnen und Besucher der Wewelsburg wird diesem Spektrum zugeordnet. Um die Kultivierung und Selbstinszenierungen von Nazis mit diesen Räumen und Insignien zu verhindern, ist das Fotografieren im Nordturm untersagt. Insgesamt ist die Gedenkstätte in dieser Hinsicht sehr sorgsam, so sind auch Vitrinen, die z.B. NS-Uniformen zeigen, so gestaltet, dass sich kein NS-Sympathisant mit ihnen fotografieren kann.

Breitenau

Der folgende Sonntag markierte bereits den Abreisetag. Bevor es jedoch zurück nach Frankfurt ging, stand zum Abschluss der Reise ein Besuch des frühen Konzentrationslagers Breitenau auf dem Programm.

Die Leiterin der Gedenkstätte, Ann Katrin Düben, begrüßte uns mit einer kurzen Einführung. Anschließend führte Christopher Vogel von Dynamo Windrad durch eine Sonderausstellung zum Arbeitersport, an der mit Helga Roos und Uli Matheja auch zwei Teilnehmende der Spurensuche mitgewirkt hatten. Daraufhin nahm uns Yannis Walter-Lanzenberger mit auf einen kenntnisreichen Rundgang über das Gelände. Gänse zogen schnatternd über unsere Köpfe hinweg.

Das ehemalige Benediktinerkloster Breitenau verlor nach der Reformation seinen Status, wurde mehrfach geplündert, diente zeitweise als Gefängnis und erfuhr um 1870 bauliche Veränderungen. In der Folge fungierte es als Besserungsanstalt, später als Landesarbeitsanstalt und Landesfürsorgeheim sowie ab 1930 erneut als Kirche. Bereits ab Juni 1933 wurde das Gelände als frühes Konzentrationslager genutzt. Überwiegend politische Gefangene wurden in „Schutzhaft“ genommen – unter dem Vorwand, die Bevölkerung vor vermeintlich schädlichen sozialdemokratischen und kommunistischen Einflüssen zu schützen. Während die Bevölkerung von Guxhagen ihre Gottesdienste feierte, hausten die Gefangenen direkt hinter der Kirchenwand. Mitunter wurden sie den Gläubigen sogar vorgeführt – als abschreckendes Beispiel.

Am letzten Tag der Exkursion stand ein Besuch der Gedenkstätte Breitenau an.

Im März 1934 wurde das frühe Konzentrationslager aufgelöst; größere, zentral organisierte Lager ersetzten die kleineren Einrichtungen – auch gegen den Widerstand der jeweiligen Lagerleitungen. In der Folge nutzte die SS das Gelände erneut als Arbeitshaus und zwischen 1940 und 1945 als Arbeits- und Erziehungslager. Es war der größte „Arbeitgeber“ im Ort; die Bevölkerung war auch durch die sichtbare Präsenz der Zwangsarbeiter über die Zustände informiert und half dabei, Fluchtversuche zu unterbinden.

Insgesamt durchlitten rund 8.500 Häftlinge das Arbeits- und Erziehungslager, überwiegend ausländische Zwangsarbeiter, die gegen Auflagen verstoßen hatten. Zudem diente das Lager als Sammelstelle für Deportationen. Auch die Frankfurter Jüdin Selma Klein, von den Nationalsozialisten als „asozial“ stigmatisiert, war im Erziehungslager inhaftiert. Sie wurde in Hadamar zwangssterilisiert, später im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert und am 26. April 1942 in Bernburg ermordet.

Wir gingen im Regen zum Appellplatz, wo die Inhaftierten vor und nach ihren Arbeitseinsätzen bis zur Erschöpfung stehen mussten. Die Nahrung war äußerst knapp. Einer der Häftlinge gab später sinngemäß zu Protokoll:
„Montags gab es Nudelsuppe ohne Nudeln, dienstags Gemüsesuppe ohne Gemüse und mittwochs Kartoffelsuppe ohne Kartoffeln.“

In der Dunkelzelle sprechen Einkerbungen an den Wänden die stumme Sprache des Leids der Häftlinge. Sämtliche Fenster waren vergittert; selbst die Möglichkeit zur Selbsttötung wurde ihnen genommen. Auch die seltene Nutzung der Duschen brachte keine Erleichterung – das Wasser war im Sommer wie im Winter eiskalt. Noch kurz vor der alliierten Befreiung des Lagers mussten die letzten verbliebenen Häftlinge ihre eigene Gruft ausheben. Auf dem Weg dorthin gelang zwei von ihnen die Flucht. 28 Gefangene wurden erschossen; für die übrigen rund 70 reichte die Zeit nicht mehr – sie überlebten.

Über viele Jahre hinweg blieben die Ereignisse von Breitenau weitgehend unbeachtet. Bis 1973 wurde das Gelände als Mädchenerziehungsheim genutzt. Die damalige Heimleiterin war bereits während der NS-Zeit in der Fürsorge tätig gewesen; die angewandten Methoden blieben entsprechend repressiv, das Heim wurde erst durch die Heimaufstände und deren überregionaler Wirkung Anfang der 1970er Jahre aufgelöst. Erst Ende der 1970er-Jahre stießen Studierende der Universität Kassel auf Dokumente, die das NS-Geschehen an diesem Ort belegten. 1982 wurde eine erste Ausstellung gezeigt, 1984 folgte die offizielle Einrichtung der Gedenkstätte.

Den Kopf voller Eindrücke kehrten wir schließlich über die A7 nach Frankfurt zurück. Frankfurt vergisst nicht. Und die Spurensuche wird weitergehen. Muss weitergehen. Wohin, wird sich zeigen.

Frankfurt vergisst nicht.

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