16.04.2012
Traditionsmannschaft

Norbert Nachtweih - Ich habe der Eintracht viel zu verdanken

Wir haben vor dem Spiel gegen Aue Norbert Nachtweih getroffen. Der ehemalige Abwehr- und Mittelfeldspieler und Inhaber der Trainer A-Lizenz arbeitet seit 2005 als “Lehrer” der Eintracht Frankfurt Fußballschule.

Hallo Norbert, Aue gegen Frankfurt?
Das hätte es früher nur im Osten gegeben und dann auch nur an der Oder. Ich bin so froh, dass die deutsch-deutsche Geschichte sich gewendet hat und ich heute das Spiel Frankfurt gegen Aue hier in Hessen erleben darf.

Haben Sie schon gegen Aue gespielt?
Das habe ich und es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, da ich im Spiel Aue gegen Halle mein zweites Tor gemacht habe. Ein Freistoßtor war es. Damals hieß der Verein noch Wismut Aue und mein Heimatverein war der Hallescher FC Chemie.

Sie waren erfolgreich als Sportler in der DDR. Was hat sie bewegt zu fliehen?
Ich bin in der ehemaligen DDR geboren und dort auch aufgewachsen. Aber ich wusste schon früh, dass ich in den Westen will. Jürgen Pahl und ich haben trainiert wie die Irren, um in die U21 Mannschaft der DDR aufgenommen zu werden. Das gelang, und wir durften mit zum Länderspiel in die Türkei reisen. Ein Amerikaner hatte uns seine Fluchthilfe angeboten. Als wir auf einem Basar in Bursa waren, haben wir die Chance genutzt.

Und die Fans im Osten haben ihnen das nicht übel genommen?
Die richtigen Fans nicht. Wir waren für sie der Beweis, zu welchen sportlichen Leistungen wir als ihre Idole fähig waren, wenn wir nur in einer anderen Umgebung spielen konnten. Für die DDR-Sportfunktionäre waren wir Verräter.

Das hieß?
Auch wir wurden verhört. Vom Verfassungsschutz in München. Und die Funktionäre im Osten waren es auch, denen es gelang mich und Jürgen für zwei Jahre sportlich sperren zu lassen.

Die Eintracht aber wartete diese Sperre ab?!
Ja, der Eintracht haben wir wirklich viel zu verdanken. Nach der Flucht 1976 landeten wir in Gießen im Notaufnahmelager. Wir wurden recht schnell von der Eintracht geholt und man hielt uns die Treue, auch wenn wir 16 Monate kein Pflichtspiel bestreiten durften. Nach Ablauf der Sperre debütierte ich im März 1978 für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga.

Und eine beeindruckende Karriere begann.
Das kann man aus sportlicher Sicht sagen. Ich habe definitiv meine Chance genutzt. 1980 wurde ich mit Eintracht Frankfurt UEFA-Pokal-Sieger, ein Jahr darauf holten wir den DFB-Pokal-Sieg.

Und dann ging es zu den Bayern?
Der Wechsel ist schweren Herzens geschehen, weil ich wirklich eine super Zeit in Frankfurt hatte. Aber es war ein weiterer Schritt in meiner Karriere. Und ein richtiger. Immerhin habe ich mich dort sieben Jahre gehalten.

Und das mit beachtlichen Erfolgen und berühmten Kollegen.
Ja, viermal wurde ich mit den Bayern deutscher Meister, zweimal DFB-Pokal-Sieger und stand 1987 im Finale des Europapokals der Landesmeister. Ich war mit den Spielern wie Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge in der Mannschaft und spielte mit Lothar Matthäus und Andy Brehme. Das war damals schon die Elite-Auswahl der Bundesliga.

Aber es blieb ihnen in Deutschland etwas Wichtiges verwährt, obwohl sie in den 80er Jahren zu den besten deutschen Fußballern gehörten. Was war das?
Man ließ mich nicht in der Nationalmannschaft spielen, weil ich ja für die DDR Auswahlspiele absolviert hatte. Ich hätte mir gewünscht, dass die Verantwortlichen sich damals stärker für mich eingesetzt hätten.

Nach den Bayern ging es zum AS Cannes. Wie war die Zeit in Frankreich?
Mir hat es sehr gut getan. Die Franzosen fingen zu dieser Zeit verstärkt an auf die Jugend zu setzen und somit Akademien, Internate und Fußballschulen zu gründen.

Dort war auch ein besonderes Talent zu finden?
Zinedine Zidane war damals in der Fußballschule von Cannes und spielte ein paar Mal bei uns mit. Er war gerade in seinen Anfängen, aber sein Talent konnte man schon sehen. Ich bin nach zwei Jahren wieder nach Deutschland und erst dann kam seine wirklich große Zeit.

Und Sie kehrten an ihre alte Wirkungsstätte zurück?
Nach dem Abstecher nach München und Cannes zog es mich im Sommer 1991 wieder an den Main, wo sich unter anderem bereits DDR-Flüchtling Kruse eingefunden hatte. Jörg Berger hatte uns beide geholt. In dieser Saison spielte auch ein ehemaliger Spieler von Aue bei den Adlern: André Köhler.

Beschäftigen Sie heute noch die Clubs im Osten Deutschlands?
Natürlich. Ich verfolge sehr interessiert, die Lage der Mannschaften und würde gerne mehr von ihnen im bezahlten Fußball sehen.

Wie steht es mit Aue?
Aue war schon immer ein schwieriger Gegner. Das hat die Eintracht in der Hinrunde auch gespürt. Erst kurz vor Schluss gelang unseren Adlern der Siegtreffer.

Wird es heute auch eng?
Ich glaube nicht. Die Eintracht ist gut in Form und wird kein Risiko eingehen. Ich tippe auf einen Sieg für die Eintracht.

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