04.11.2013
Klubmagazin

Man sieht, dass der Eintracht nur noch wenig fehlt, um im vorderen Drittel dabei zu sein

Im letzten Stadionmagazin haben wir mit unserem Tradi-Spieler Ronny Borchers (1970 bis 1984 Eintracht Frankfurt) ein Interview geführt.

Herr Borchers, Sie sind mit der Eintracht UEFA-Cup- und DFB-Pokalsieger geworden, haben 213 Bundesligaspiele absolviert und es bis in die Nationalmannschaft geschafft. Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was empfinden Sie da heute?

(lacht) Naja es gibt immer zwei Ansichten: Die einen sagen das ist viel zu wenig, die anderen sagen es ist viel zu viel. Von daher ist es natürlich schwierig. Aber wer kann schon von sich sagen, er habe immer alles zu 100% richtig gemacht. Ein paar Fehler sollte man schon gemacht haben, da nehme ich mich nicht aus.

Nun, Fehler sind das eine, was Sie aber erreicht haben, muss man erst mal schaffen. Von daher kann man doch auch durchaus stolz sein, oder nicht?

(lacht) Der Mensch trachtet ja immer nach mehr und höherem, mir geht es natürlich ab und an ge-nauso, aber insgesamt ist es schon in Ordnung.

Ihre aktive Zeit als Profi liegt in den siebziger und achtziger Jahren. Jüngere Generationen von Eintracht-Anhängern haben diese Zeit nicht oder zumindest nicht als Fan erlebt. Erzählen Sie doch kurz, wie Sie zur Eintracht gekommen sind.

Mein erstes Erlebnis mit Eintracht Frankfurt hatte ich als Kind, als ich Ende der sechziger Jahre zu-sammen mit zwölf, dreizehn Mannschaftskameraden von Germania 08 Ginnheim ein Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besuchte. Die Eintracht gewann damals 3:0. Das erste Mal im Stadion dabei zu sein, mit meinen Mitspielern und die Eintracht dann ein überragendes Spiel machen sehen. Das bindet natürlich. Ich habe auch in jungen Jahren von meiner Tante ein Eintracht-Trikot geschenkt bekommen. Das Alles hatte zur Konsequenz, dass ich ab 1970 auch für die Eintracht in der Jugend spielen durfte.

Und wie ist das dann, wenn man aus der Jugend kommend in der Bundesliga debütiert?

Der erste Gedanke war: Ich habe alles erreicht. Das ging mir auch beim ersten Länderspiel so. Aber man muss natürlich sagen, dann geht’s erst richtig los.

Neben den großen Spielen, bei denen es um Titel ging, gibt es oft noch andere Begegnungen, die besonders im Gedächtnis bleiben. Wissen Sie noch, was am 14. November 1981 geschah?

(überlegt) November ‘81… hm. Da war es sicher kalt… das wird wohl das Spiel gegen Bremen gewe-sen sein!

So ist es. Die Eintracht gewann damals 9:2 gegen Werder, Ihnen gelang ein lupenreiner Hattrick – eine besondere Leistung.

Ja, natürlich, es hat ja nicht jeder drei Tore in einem Spiel gemacht und ich war ja auch nicht der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Bundesliga. Das sind Highlights die einen – das konnte man an diesem 14. November noch nicht wissen – das ganze Leben begleiten.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Mannschaftskameraden?

Ja, natürlich. Wir spielen z.B. des Öfteren Golfturniere, da sieht man sich regelmäßig. Der Willi Neu-berger spielt ja, ganz im Gegensatz zu mir, ein fantastisches Golf. Aber auch Jürgen Grabowski, Bernd Nickel oder Bernd Hölzenbein treffe ich immer wieder auf dem Golfplatz, auch Heribert Bruchhagen. Man trifft die alte Garde auch von Zeit zu Zeit im Stadion, oder aber über die Traditionsmannschaft, ganz klar. Das ist immer schön, wenn man in diesem Rahmen die alten Zeiten ein wenig aufleben lassen kann, auch wenn man ein paar Kilo mehr drauf hat als früher.

Kommen wir zur aktuellen Situation der Eintracht. Wie schätzen Sie den bisherigen Saisonverlauf ein?

Nun, es fällt zunächst auf, dass die Eintracht auch bei ihren Unentschieden von der Spielanlage her außergewöhnlich gut und schön fürs Auge auftritt, das macht insgesamt einen sehr stabilen Eindruck. Leider gibt es dann immer wieder Situationen, in denen man das Gefühl hat, dass sie nur noch verwalten und dann gehen leider viele Punkte flöten. Trotzdem: Ich bin sicher dass diese kleinen Fehler, die dann große Folgen haben, abgestellt werden und man dann auch die verdienten Dreier holt. Man sieht, dass nur noch wenig fehlt, um im vorderen Drittel dabei zu sein und ich bin auch überzeugt dass man das wieder schafft. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden.

In der Europa League läuft es bislang wie am Schnürchen. Sie gehören zu der Garde, die den UEFA-Cup zum ersten und einzigen Mal für die Eintracht gewonnen hat. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Der internationale Wettbewerb steht für Erfolg und Frankfurt lechzt nach Erfolg. Die letzten Auftritte auf der europäischen Bühne liegen lange zurück. Was ich heute noch greifen und fühlen kann ist, wie die gesamte Fansituation ins Positive schwankte, als das Stadion für die WM umgebaut wurde. Ich würde gerne messen, wie viel Gewicht der ein oder andere Fan in der Kurve verliert, weil der 90 Minuten hüpft. Das ist unglaublich! Mit dieser Euphorie im Rücken und wenn man von größerem Verletzungspech verschont bleibt, ist diese Saison in der Europa League einiges möglich.

Der heutige Bundesliga-Gegner, der VfL Wolfsburg, ist hochkarätig besetzt, zeigt jedoch recht unbeständige Leistungen. Was erwarten Sie von diesem Spiel?

Bei Wolfsburg ist weiß Gott alles andere als Stabilität drin. Das ist nicht mal im Ansatz mit der Ein-tracht vergleichbar. Es ist fraglos schwer, wenn man ein solches Gehaltsgefälle im Kader hat, das sorgt auch innerhalb einer Mannschaft für Unruhe. Da ist viel Geschick beim Teambuilding und der Steuerung der Spieler durch die Trainer gefragt. Unterschätzen darf man die Wölfe aber auf keinen Fall. Man sieht ja immer wieder, wozu sie fähig sind, wenn es bei ihnen läuft. Heute ist aber keiner dieser Tage. Ich tippe auf 2:0 für die Eintracht.

Thema Traditionsmannschaft: Wie lange sind Sie schon dabei?

Schon einige Jahre. In der Vergangenheit hatte ich beruflich bedingt weniger Einsatzzeiten, in dieser Saison bin ich aber schon recht häufig dabei gewesen. Es macht sehr viel Spaß, man muss ein bisschen auf sich achten, gescheit essen und trinken, man wird ja auch nicht jünger. Insofern ist das ein guter Anschub, auch in Hinblick auf meine Frau, die noch sehr adrett daher kommt. Da muss man einiges tun um dem entsprechen zu können.

Wie ist es im Vergleich zu früher mit den alten Spezies zusammenzuspielen?

(lacht) Naja, das ist doch alles etwas langsamer geworden. Wir haben aber eine gute Gemeinschaft und hoffen, dass Dietmar Roth jetzt schnell wieder auf die Beine kommt, das ist das wichtigste.

Gibt es besondere Erlebnisse mit der Traditionsmannschaft?

Ein besonderer Reiz besteht immer darin, dass wir nie wissen, was auf uns zukommen wird. Nicht selten spielen wir gegen eine erste Mannschaft, mit ehrgeizigem Trainer, da kann es schon zu Tumulten kommen. Wenn wir dagegen eine klassische Traditionsmannschaft von Vereinen antreffen, ist alles etwas lockerer, dann können wir auch das ein oder andere Kabinettstückchen zeigen. Und wenn wir gegen ganz junge Burschen marschieren müssen, dann versuchen wir eben unsere Erfahrung auszuspielen. Im Allgemeinen ist es immer sehr, sehr nett. Die Leute empfangen einen rührend und man merkt, dass die Eintracht in der Region und darüber hinaus einen hervorragenden Ruf genießt.

Sie waren als Profifußballer und Trainer höchsten sportlichen Ansprüchen verpflichtet, jetzt arbeiten Sie im Rahmen der Eintracht Frankfurt Fußballschule auch mit Kindern, die teilweise zum ersten Mal gegen einen Ball treten. Was lernt man da?

Es ist manchmal durchaus schwieriger mit jungen Kerlen umzugehen, die in diesem Alter noch ein bisschen zappelig und nervös sind und lieber in den Himmel schauen als auf den Fußballplatz. Die meisten sind aber brutal motiviert, sind heiß, oft auch noch angefeuert durch die Eltern, die von draußen rein rufen. Das sind schöne und oft auch tiefgreifende, sensible Situationen. Die Kinder da nach vorne zu führen ist uns wichtig. Vor allem geht es aber darum, die glänzenden Kinderaugen zu sehen und den Spaß am Fußball zu vermitteln.

Zum Abschluss: Was machen Sie heute? Was sind Ihre Ziele und Wünsche für die Zukunft?

Ich bin seit nunmehr über zwanzig Jahren selbständig in der Werbebranche tätig und beruflich somit noch ziemlich aktiv. Für die Zukunft gilt es gesund zu bleiben. Alles andere erledigt sich von selbst.

(Quelle: Stadionmagazin VFL Wolfsburg, 02.11.2013)

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