07.03.2016
Traditionsmannschaft

„Man bekommt ja keinen Profi-Vertrag, weil man so schlecht ist“

Patrick Glöckner durchlief bei der Eintracht ab der C-Jugend sämtliche Altersklassen, spielte in den Neunzigern für die Eintracht Amateure und die Profis und war nach der Karriere Co-Trainer der U19 und U23

Logisch, dass der 39-Jährige bei so viel Verwurzelung auch für die Traditionsmannschaft der SGE im Einsatz ist. Im Interview spricht er über die Stärken junger Trainer, seinen schweren Stand als Nachwuchsspieler und seine Pläne für die Zukunft.

Patrick, wusstest du eigentlich, dass du mit 85 Einsätzen für die Traditionsmannschaft in den Top Ten der Spieler mit den meisten Matches rangierst?

Nein, das war mir nicht bewusst.

Kein Wunder eigentlich, du bist schon lange dabei. Wie kam es dazu?

Das ging damals über Charly Körbel, den ich seit langem mal wieder getroffen hatte. Er fragte mich, wo ich aktiv sei und ich erzählte ihm, dass ich aufgrund meiner Kniebeschwerden keinen Profifußball mehr spielen konnte. Gelegentliche Einsätze mit der Traditionsmannschaft gingen aber und so hat er mich zum Spiel eingeladen. Das hat Spaß gemacht, man hat viele alte Bekannte wiedergetroffen und wenn man einmal dabei ist, dann bleibt man auch dabei.

Wie ist es, mit der alten Garde zusammenzuspielen?

Wie früher ist es nicht mehr (lacht). Das Spiel ist ein wenig langsamer geworden, aber es macht auch so sau viel Spaß. Die Sprüche in der Kabine sind noch wie früher. Von daher macht es eine Riesenfreude, wenn man ein paar Mal im Jahr zusammenkommt.

Wenn man dich spielen sieht, machst du einen äußerst fitten Eindruck. Deinen Knien merkt man die Beschwerden nicht an. Wie geht es dir körperlich?

Bis auf die Knie geht es mir sehr gut. Ich habe in beiden eine Arthrose, das merke ich natürlich nach den Spielen. Die Belastung ist hoch und danach ist es schon so, dass ich ein, zwei Tage ein bisschen humpele. Ansonsten bin ich fit, mache Krafttraining und schwimme.

Deine Vita ist eng mit der Eintracht verwoben: Du kamst als C-Jugendlicher in den Verein, spieltest für die Amateure und später auch für die Profis in der zweiten Liga. Nach deiner Karriere warst du als Video-Analyst und Co-Trainer in der U23 und U19 tätig. Was bedeutet dir die Eintracht?

Sehr viel. Ich gehe jetzt immer noch so oft es geht ins Stadion und habe in den letzten drei Jahren beim e.V. gearbeitet – zwei Jahre als Co-Trainer von Alex Schur in der U23, ein Jahr in der U19. Die Tradition in Frankfurt trägt man natürlich mit sich. Ich bin hier aufgewachsen, bin mit 14 in den Verein gekommen, war insgesamt 11 Jahre bei der Eintracht tätig. Das prägt und bedeutet mir unwahrscheinlich viel. Ich kann mich immer gut in die Fans, Spieler und Trainer ‘reinversetzen. Es macht mich dann auch ein bisschen stolz, dass ich für die Traditionsmannschaft spielen kann, obwohl ich ja nicht so viele Profi-Spiele absolviert habe wie die anderen. Da bin ich ja noch einer, der die wenigsten hat.

Als Profi hast du 1996/97 in der zweiten Liga unter Stepanovic debütiert. Du wurdest in der laufenden Hinrunde hochgezogen und warst zunächst gesetzt. In der Rückrunde spieltest du unter dem neuen Trainer Horst Ehrmanntraut keine Rolle mehr. Warum?

Horst Ehrmanntraut kam und hat so ziemlich alle Jungen aussortiert und auch keine Chance mehr gegeben. Ich denke, vom Spielerischen her waren meine Einsätze unter Stepi okay, sonst hätte ich die Spiele auch nicht über die volle Distanz bekommen. Auch an der Fitness lag es nicht, ich hatte ja immer die besten Sprint-, - und Laktatwerte. Wenn der Horst einen einmal gefressen hatte, dann war es einfach vorbei. Da konnte man machen was man wollte.

Wie hast du das erlebt?

Wir waren damals ein Trio: Toni da Silva, Sascha Amstätter und ich. Für uns gab es dann keinen Trainingsbetrieb oder sonst irgendetwas, das mit Fußball zu tun hatte. Nur stures Laufen mit dem Co-Trainer im Wald. Toni da Silva wurde in den Jahren danach deutscher Meister mit Stuttgart und hat mit Dortmund, Mainz und Karlsruhe zig Spiele gemacht. Das Potenzial des Spielers war also nicht das Problem.

Wie hält man das als junger Spieler aus?

Das war psychisch für uns eine Katastrophe. Man kommt immer ans Trainingsgelände, hat ja auch Anwesenheitspflicht. Man möchte ein Teil der Mannschaft bleiben und dazu beitragen, dass es sportlich gut läuft und dann hat man immer die Probleme, dass man sich fehl am Platz fühlt und sich schämt in die Kabine zu gehen, obwohl man nichts verbrochen hat. Man bekommt ja keinen Profi-Vertrag, weil man so schlecht ist, sondern weil man schon gezeigt hat, dass man etwas drauf hat. Klar hat jeder Trainer seine Vorstellungen und kann einen auch absägen, es kommt aber auch auf die Art und Weise an. Das ging wirklich unter die Gürtellinie und war für uns drei der absolute Negativpunkt im Fußballgeschäft.

Reden wir über die schöneren Aspekte des Profifußballs. Wie war es als Spieler, der aus der Jugend kam, im Waldstadion zu debütieren?

Das war natürlich das, worauf man hingearbeitet hatte. Wenn du in der C-Jugend startest und den Weg kontinuierlich nach oben gehst, ist das mit viel Arbeit verbunden. Man kommt nicht selbstverständlich in den nächsten Jahrgang. Bei der Eintracht war und ist es so, dass man sich Jahr für Jahr für den nächsten Schritt qualifizieren muss. Und wenn man dann den Weg von der Drittligamannschaft in die erste Mannschaft der Profis schafft, ist das überwältigend. Wenn du da aufläufst und die Zuschauer siehst, das Stadion, das Flutlicht, die Atmosphäre – das ist unbeschreiblich. Das ist nach der Geburt meiner Tochter das Größte, was ich bisher erlebt habe.

Was waren deine weiteren Karrierehighlights?

Das größte Highlight war der Sieg in Berlin, als wir die Hertha 2:1 geschlagen haben. Wir lagen zurück, waren auch klar unterlegen und haben dann doch aus dem Nichts heraus die zwei Tore gemacht. Das war natürlich ein tolles Erlebnis, so ein Spiel zu drehen. Dann die ganzen Mitspieler, die ich damals gehabt habe: Da waren ja einige Größen dabei wie Maurizio Gaudino, Rudi Bommer, Ralf Weber, Alex Schur, Uwe Bindewald, Oka Nikolov. Das sind alles Leute, mit denen ich gespielt habe und an die ich mich sehr gerne erinnere. Dann wäre da noch mein erstes Auswärtsspiel in Jena, als ich auch gute Kritiken von der Presse bekommen habe. Solche Sachen vergisst du nicht.

Aufgrund der angesprochenen Knieprobleme musstest du deine Karriere sehr früh beenden. Bald darauf hast du auf Trainer umgesattelt. Wie kam es dazu?

Alex Schur hat für die U23 einen Co-Trainer gesucht, dem er zu 100% vertrauen kann und mit dem er auf einer Wellenlänge liegt. Das ist im Fußball immer so: Das Trainerverhältnis ist ein riesen Vertrauensverhältnis. Wir haben die U23 dann zwei Jahre mit dem zweit- oder drittgeringsten Etat in der Liga gehalten. Im ersten Jahr mit Ach und Krach, im zweiten Jahr dann schon souveräner. Dann wurde die U23 abgeschafft, weil die Eintracht das damals für das Sinnvollste hielt.

Dir wurde eine neue Rolle zugewiesen…

Ja, danach habe ich die Top-Talente der U17 und U19 betreut. Ich habe als Video-Analyst in den Jahrgängen die Spieler beobachtet, habe die Stärken und Schwächen herausgesucht und versucht Fehlerquellen herauszufinden. Die Auswertung  habe ich dann den Trainern mit auf den Weg gegeben, um zu zeigen, wo die Defizite liegen und diese auszumerzen.

In der letzten Saison hast du erneut als Co-Trainer von Alex Schur die U19 in akuter Abstiegsgefahr übernommen und die Klasse sensationell gehalten…

Wir haben das Team mit 6 Punkten übernommen. Die waren nicht akut gefährdet, die waren eigentlich schon abgestiegen. Denn mit 6 Punkten aus der Hinrunde ist es eigentlich vorbei. Und dann haben wir in der Rückrunde 28 Punkte geholt und mit 34 die Klasse gehalten. Das war natürlich eine sehr coole Erfahrung als Trainer. Ein tolles Erfolgserlebnis.

Wieso bist du in der aktuellen Saison nicht mehr dabei?

Ich möchte gerne wieder als Cheftrainer arbeiten. Ich hatte vorher schon die zweite Mannschaft des FSV Frankfurt als Cheftrainer geführt.  Die Kombination mit Alex war natürlich perfekt und ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Jetzt möchte ich aber erstmal selbst wieder die Führung übernehmen. Ich habe mich für den Eignungstest zum Fußballlehrer angemeldet. Um auf dem Level arbeiten zu können, der mir vorschwebt, brauche ich diese Qualifikation.

Mit Julian Nagelsmann hat ein blutjunger Trainer den Sprung in die Bundesliga geschafft. Ist das auch dein Ziel?

Ich denke, es sollte für jeden Trainer das Ziel sein, so hoch wie möglich zu arbeiten. Jetzt von der Bundesliga zu sprechen, wäre etwas zu weit gegriffen. Ich muss ja schauen, dass ich überhaupt erstmal einen Verein bekomme und dass ich die Lizenz machen kann. Das können pro Jahr nur 24 sein und da sind super qualifizierte Anwärter dabei. Da bin ich nur einer von vielen. Aber was gibt es Schöneres, als mit Fußball seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Wie kann sich ein so junger Trainer ohne die Lorbeeren einer eigenen Spielerkarriere bei erfahrenen Profis Respekt verschaffen?

Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Teamführung und mannschaftliche Geschlossenheit hängen nicht vom Alter des Trainers ab. Im Gegenteil: Ein junger Trainer wie Nagelsmann kann sich mit Sicherheit besser in eine Mannschaft hineinversetzen als ein älterer, weil er altersmäßig näher dran ist. Er weiß vielleicht nicht aus eigener Erfahrung, was im Kopf eines Profis in bestimmten Situationen vorgeht, aber es gibt doch auf dem Trainermarkt weiß Gott genug Beispiele von Trainern, die keine große Karriere als Spieler vorzuweisen haben. Ralf Rangnick etwa, Alexander Zorniger oder früher Christoph Daum.

Was zeichnet solche Persönlichkeiten aus?

Ich glaube man muss einfach für das Profigeschäft gemacht sein. Man muss ein gesundes Selbstbewusstsein haben und wissen, was man kann. Das merken die Spieler ganz schnell. Wenn ich wie ein Fels in der Brandung stehe und meine Meinung vertrete, dann kann ich mich auch durchsetzen. Aber wenn ich schwanke und schon beim Reinkommen auf den Boden gucke und wie ein Schluck Wasser dastehe, dann ist es nach einer Woche vorbei. Deswegen ist es keine Frage des Alters, sondern des Auftretens.

Haben Leute wie Pep Guardiola oder Zinédine Zidane als ehemalige Weltstars nicht automatisch eine Aura, die Ehrfurcht erzeugt?

Klar. Aber mit der Zeit relativiert sich das. Dann zählt nur noch der Mensch. Wie behandele ich die Spieler, wie gehe ich mit der Mannschaft um? Kriege ich Disziplin ‘rein, kriege ich sie fit? Verstehen sie meine Spielphilosophie, verstehe ich ihre? Die Jungs gehen für dich durch Feuer, wenn sie sehen, dass du sie fair behandelst und zwischenmenschlich gut mit ihnen klarkommst. Das hat nichts damit zu tun, wie viele Bundesligaspiele man hat.

Vielen Dank für das Gespräch, Patrick. Verrate uns zum Ende bitte noch, wie das heutige Spiel gegen Ingolstadt ausgeht.

Ich tippe auf 2:1 für die Eintracht.

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