12.04.2022
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Kurze politische Geschichte des FC Barcelona

Von Julian Rieck, Historiker mit Schwerpunkt auf der spanischen Fußballgeschichte.

Um die Geschichte des FC Barcelonas ranken sich bis heute viele Legenden aus der Vergangenheit, die sich zusammen mit aktuellen politischen Konflikten Spaniens zur Vereinsidentität verdichten. Der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán spitzte dies in seinem berühmten Ausspruch „Der FC Barcelona ist die unbewaffnete Armee Kataloniens“ zu. Montalbán bezieht sich damit nicht nur auf die katalanische Identität des Vereins, sondern auch auf die vermeintliche Rolle als Oppositionsklub während der Franco-Diktatur, die von 1936/39 bis 1975/78 in Spanien herrschte. Doch der Reihe nach:

Der FC Barcelona wurde 1899 auf Initiative des Schweizers Hans „Joan“ Gamper geründet, der in der Sportzeitung Los Deportes Mitstreiter für die Gründung eines Fußballklubs suchte. Während Vereine wie Real Madrid von Beginn an zentralistisch-spanisch eingestellt waren bildete sich beim FC Barcelona zunächst eine regional-katalanische Identität heraus. Die ersten Mitglieder des Klubs waren mit der Lliga Regionalista verbunden, einer bürgerlichen Partei, die für die politische Autonomie Kataloniens kämpfte und eine stark konservative wie katholische Identität vertrat. Erst als dem Fußball in Spanien während der 1920er Jahre der Durchbruch zum Massenphänomen gelang und auch die sozioökonomischen Verhältnisse der wachsenden Arbeiter- und Angestelltenschaft mehr Freizeit und Konsum erlaubte, traten mehrheitlich links und separatistisch eingestellte socios dem Klub bei.

1925 entflammte der erste große Konflikt um das politische Selbstverständnis des Klubs. Weil 1925 bei einem Freundschaftsspiel gegen den Stadtrivalen Jupiter die Zuschauer die spanische Hymne niederpfiffen, aber die englische mit Applaus bedachten, kamen Zweifel an der Loyalität des Klubs zur spanischen Nation auf. Der Zivilgouverneur untersagte dem Verein alle Aktivitäten für sechs Monate. Gründer Joan Gamper musste das Land für einige Wochen verlassen und reiste in seine Schweizer Heimat aus.

Diese Jahre waren geprägt durch die rechtsautoritäre und zentralistische Nationalstaatsbildung unter der Militärdiktatur Miguel Primo de Riveras (dem Vater von José Antonio Primo der Rivera, Gründer der faschistischen Partei Falange). In diese Zeit fiel auch die Einführung der spanienweiten höchsten Spielklasse, der primera división, im Jahre 1929. Rivalitäten auf lokaler Ebene, wie die zwischen den spanischen Nationalisten von Español Barcelona und den katalanischen Regionalisten des FC Barcelona, bestanden zwar weiterhin fort. Aber durch das häufigere Aufeinandertreffen in der Liga begann sich nun zusätzlich eine Rivalität mit Real Madrid zu entwickeln. Auslöser dafür waren zunächst sportliche Gründe, da der Madrid FC (in der Republik wurde der Zusatz „Real“, also königlich, in den Vereinsnamen gestrichen) seit Gründung der Republik 1931 zu einer der führenden Mannschaften Spaniens aufstieg. Diese Entwicklung wurde allerdings jäh durch den Putsch der Generäle gegen die demokratisch legitimierte Regierung im Sommer 1936 unterbrochen. Neben all den Problemen, die der Bürgerkrieg mit sich brachte, stach für den FC Barcelona jedoch ein Ereignis hervor: Im August 1936 geriet der Barça-Präsident und Parlamentsabgeordnete der linkskatalanischen Esquerra Republicana Josep Suñol auf von Franquisten kontrolliertes Gebiet in der Sierra de Guadarrama nördlich von Madrid. Er und seine Begleiter wurden entdeckt und ermordet. Während des Bürgerkriegs wurde an ihn vonseiten des Klubs durch die Bezeichnung „abwesender Präsident“ erinnert.

Im Zeichen des Bürgerkriegs

Der sich nach dem Putsch entwickelnde Bürgerkrieg und der geographischen Teilung des Landes in eine republikanische und eine franquistische Zone konnte der Ligaspielbetrieb nicht fortgesetzt werden. In Katalonien wurde allerdings bereits im Herbst eine katalanische Meisterschaft ausgetragen. Der Madrid FC bemühte sich um eine Aufnahme, doch obwohl sich unter anderem die katalanische Fußballspielergewerkschaft aus Solidarität mit der belagerten Hauptstadt für eine Teilnahme Madrids ausgesprochen hatte, wurde das Gesuch abgelehnt. Aus Sicht Madrids war dies vor allem auf die ablehnende Haltung des FC Barcelonas zurückzuführen und kann als erster wichtiger außersportlicher Auslöser für die Rivalität gelten. Während die Aktivitäten des Madrid FC während des Bürgerkriegs nahezu zum Erliegen kamen, reiste die Mannschaft des FC Barcelona durch verschiedene Länder der Welt, um für Solidarität mit der bedrohten Republik zu werben, aber auch um mit den Einnahmen von Freundschaftsspielen das Überleben des Vereins zu sichern.

Wie in allen Klubs nach dem Sieg der Franquisten, wurden auch beim FC Barcelona sämtliche republikanisch und demokratisch eingestellte Funktionäre kaltgestellt. Die Vereine wurden den neuen franquistischen Verhältnissen untergeordnet und in die Strukturen des so genannten „Neuen Staates“ eingegliedert. Alle Sportvereine mussten mindestens zwei Mitglieder der faschistischen Falange in ihren Vorständen vorweisen. Englische Fußballbegriffe und Vereinsnamen wurden durch spanische ersetzt. So wurde aus dem FC Barcelona der Barcelona Club de Fútbol und auch die katalanische Fahne musste aus dem Vereinswappen getilgt werden. Die Rivalität zu Real Madrid lebte in dieser Zeit nicht nur wieder auf, sondern erreichte 1943 mit dem Ausscheiden im Pokalhalbfinalrückspiel auch einen ersten Höhepunkt, der bis heute als einer der Auslöser für die Rivalität gilt: Nach einem 3:0-Heimsieg im Hinspiel lag Barça im Madrider Estadio Chamartín bereits zur Halbzeit mit 8:0 zurück und verlor am Ende mit 11:1. Eine Legende wird hier immer wieder hervorgekramt und um neue Elemente erweitert. Je nach Erzählung sei ein Uniformierter bereits vor dem Spiel in der Kabine erschienen und habe mit vorgehaltener Waffe den Spielern mit Erschießung gedroht, wenn sie nicht verlieren würden. Hier wird eine Erzählung aufgegriffen, die unterstellt, ganz Katalonien sei durch die franquistische Hauptstadt Madrid unterdrückt worden, und die unterschlägt, dass Madrid bis zum Ende des Bürgerkriegs auf republikanischer Seite stand. Natürlich galt den Franquisten der Separatismus als höchste Form des Vaterlandsverrats. Aber weder waren bei weitem nicht alle Katalanen Separatisten und noch viel weniger alle Madrilenen Faschisten. Dennoch hält sich dieses Narrativ bis heute. Aufklärung über die Vorfälle gibt ein Interview mit den letzten beiden überlebenden Barça-Spielern aus dem Jahr 2000: Nach dem 8:0-Halbzeitstand wollten die Spieler der Gastmannschaft zunächst nicht wieder auf das Feld, was zu dieser Zeit nicht unüblich war, wenn sich eine Mannschaft ungerecht behandelt fühlte. Nun kam tatsächlich ein Uniformierter in die Kabine, aber nicht um eine Niederlage einzufordern, die bei dem Spielstand ohnehin unausweichlich war, sondern um die Spieler dazu zu drängen, weiterzuspielen. Dabei habe er mit der Verhaftung aller Spieler gedroht, so die beiden Zeitzeugen. Daraus wurde im Zeitverlauf die Geschichte eines verschobenen Spiels gestrickt, die Beleg dafür sein soll, dass Real Madrid vom Regime gezielt bevorzugt und Barça unterdrückt worden sei. Dass Real Madrid dann aber das Pokalfinale ausgerechnet gegen Athletic Club de Bilbao verlor, scheint der Legendenbildung keinen Abbruch zu tun.

Real Madrid gehört meist das letzte Wort

Barça hingegen konnte schon früher an die Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen und gewann bis 1953 bereits fünf Meisterschaften und vier copas. Mit Lazlo Kubala verfügte der Verein über den Starspieler dieser Zeit, dem vor dem Camp Nou ein Denkmal aufgestellt wurde. Als ungarischer Geflüchteter vor dem Kommunismus trat er noch als Aktiver 1955 in dem franquistischen Propagandafilm „Zwei Asse suchen den Frieden“ auf. Gemeinsam mit Alfred Di Stéfano hätte er wohlmöglich eines der besten Spielerduos der Geschichte bilden können. Doch nachdem der Argentinier Di Stéfano bereits im Sommer 1953 in Barcelona angekommen war und gemeinsam mit Kubala im Stadion Les Corts abgelichtet wurde, zerschlug sich sein Wechsel wegen unklarer Transferrechte zwischen seinem argentinischen Verein River Plate und den kolumbianischen Millonarios de Bogotá. Der FC Barcelona war sich zwar mit River Plate über den Transfer einig geworden, Real Madrid aber mit den Millonarios. Da die franquistischen Sportverantwortlichen fürchteten, die Konflikte im Fußball könnten außer Kontrolle geraten und eine politische Dimension annehmen, versuchten sie eine salomonische Lösung zu finden. Di Stéfano sollte in den kommenden vier Jahren abwechselnd bei beiden Vereinen spielen. Letztendlich verzichtete Barça und trat seine Transferrechte gegen eine Ablöse an die merengues ab. Auch wenn die historischen Quellen klar belegen, dass vonseiten des falangistischen Sportverbandes keine Bevorzugung bestand, gilt dieser Wechsel Di Stéfanos als weiterer Beweis für die Benachteiligung Barças. Denn mit dem argentinischen Spieler gelang Real Madrid 1955 die erste Meisterschaft nach über 20 Jahren und garantierte damit die Teilnahme am neu geschaffenen Europapokal der Landesmeister, den Real fünf Mal in Folge gewinnen sollte. Währenddessen trat Barça im Messestädtepokal an, einem Wettbewerb, der zwar zunächst finanziell attraktiver schien, sich jedoch jeweils über zwei bis drei lange Jahre erstreckte und sich als sportlich nicht sonderlich interessant erwies. Barça gewann diesen Wettbewerb in den Jahren 1958, 1960 und 1966.

Alfred Pfaff am 18. Mai 1960 beim Wimpeltausch mit José María Zárraga. Ausgerechnet nach dem 7:3 von Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt brach die erste Hochphase des FC Barcelona an.

Ein halbes Jahr nachdem Real Madrid im Jahrhundertspiel die Eintracht im Hampton Park in Glasgow mit 7:3 besiegt hatte und sich im Herbst desselben Jahres zum ersten Mal die Krone als beste Vereinsmannschaft der Welt aufsetzte, gelang es dem FC Barcelona, die Siegesserie der Königlichen im Europapokal der Landesmeister zu durchbrechen: Im November 1960 schalteten die Katalanen den Erzrivalen im Achtelfinale erstmals aus „ihrem“ Wettbewerb aus. Jetzt schäumten die Madrilenen, das Spiel sei von den englischen Schiedsrichtern verschoben worden, was mit der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Spanien und England zu erklären sei. Am Ende misslang Barça jedoch der ganz große Triumph: Am 31. Mai 1961 mussten sich die Katalanen im Finale gegen Benfica Lissabon mit 2:3 geschlagen geben.

Häufig wird behauptet, dass das Stadion des FC Barcelona der einzige Ort gewesen sei, an dem während der Francodiktatur in der Öffentlichkeit Katalanisch gesprochen werden konnte, ohne Repressionen des Regimes zu befürchten. Dem widerspricht allerdings die Tatsache, dass die Vereinsverlautbarung „Barça“ schon in den 1950ern begann, die katalanische Sprache zu verwenden, ebenso der Gebrauch des (inoffiziellen) katalanischen Namens des Stadions Camp Nou ([kam nɔu̯] ausgesprochen). Der katalanische Regionalismus der Barça-Funktionäre dieser Zeit stand nicht wie häufig behauptet im Gegensatz zum spanischen Nationalismus franquistischer Prägung, sondern war – wie der Historiker Alejandro Quiroga treffend formulierte – ein „katalanisierter Lokal-Franquismus“, der sich der gesamtspanischen Nation unterordnete. Erst mit der Krise des Regimes und dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975 wurden im Umfeld des FC Barcelonas Zeichen gegen die Diktatur gesetzt. In der Retrospektive wird dieser Antifranquismus gerne auf die gesamte Zeit der Diktatur projiziert. Vor allem während des Übergangs zur Demokratie – der so genannten transición – setzten sich Zuschauende für eine Autonomie Kataloniens ein. Beim Finale des Pokal der Pokalsieger gegen Fortuna Düsseldorf in Basel 1979 wurden hunderte von senyeras, die katalanische Regionalfahne, geschwenkt und das in einer Zeit, in der über die Einführung des Autonomiestatuts für Katalonien innerhalb des spanischen Staats noch nicht abschließend verhandelt worden war. Der Sieg im heute nicht mehr existenten Wettbewerb Pokal der Pokalsieger war der bislang größte internationale Erfolg des FC Barcelona, bis Ronald Koeman mit seinem Freistoß 1992 den Gewinn im Europapokal der Landesmeister sicherte. Im selben Jahr fanden in Barcelona die olympischen Sommerspiele statt, die nicht nur der Stadt selbst einen großen Imagegewinn brachten, sondern auch die Grundlage für eine Sportbegeisterung und -förderung legte, von der die Stadt in den 2000ern profitieren sollte.

Prägte die erfolgreichste Ära in diesem Jahrtausend: Lionel Messi.

2005 gelang unter Trainer Frank Rijkaard der erste Gewinn der Champions League, und mit der Beförderung Pep Guardiolas zu dessen Nachfolger begann die erfolgreichste Zeit in der Geschichte des Klubs. Guardiola entwickelte den von Johan Cruyff aus den Niederlanden mitgebrachten totaalvoetbal zum el toque, dem Ballkontakt, weiter und gewann gleich im Jahre seines Debuts als erster Trainer weltweit sechs Titel. Der Ballbesitzfußball, auch leicht abschätzig tiki taka genannt, wurde mit den Erfolgen der spanischen Nationalmannschaft zum beherrschenden Spielsystem der letzten 15 Jahre. Als der ehemalige Dolmetscher und Co-Trainer beim FC Barcelona, José Mourinho, 2010 Trainer bei Real Madrid wurde, spitzte sich die Rivalität beider Mannschaften erneut zu. Dass sich hier die beiden besten Fußballer des 21. Jahrhunderts Lionel Messi und Cristiano Ronaldo mit ihren Torrekorden zu immer neuen Höchstleistungen anspornten, wurde außerhalb des Platzes nicht nur im sprichwörtlichen Sinne von Sticheleien zwischen beiden Vereinen begleitet: Beim Clásico 2011 steckte Mourinho dem mittlerweile an Krebs verstorbenen Co-Trainer Tito Vilanova seinen Finger ins Auge. Aufgeladen war dieses Duell auch durch eine erneute tiefe Krise Spaniens: Spätestens seit 2010 flammte der Konflikt um die Autonomie Kataloniens wieder auf und brachte der Separatismus-Bewegung großen Zulauf. Im Camp Nou rufen seitdem Teile der Fans in Minute 17 und 14 Sekunden nach der Unabhängigkeit, die Katalonien im Jahre 1714 an Spanien verloren habe. Das aus Sicht Spaniens nicht verfassungsmäßige Referendum vom 1. Oktober 2017 wurde in Katalonien von der Polizei niedergeprügelt und das für denselben Tag angesetzte Meisterschaftsspiel gegen UD Las Palmas abgesetzt. Dabei ist der Klub in der Frage der Unabhängigkeit selbst gespalten und muss den Spagat zwischen Weltmarke mit Millionen Followern auf allen Kontinenten und dem lokal verwurzelten, mitgliedergeführten Verein bewältigen. Nicht nur die Coronapandemie und das Ausbleiben der Millionen von Touristen, die sich sonst die 25 Euro teure Stadiontour gönnen und sich im anschließenden Fanshop mit blau-granatapfelrot-farbenen Trikots eingedeckt haben, verursachten im Verein eine Finanzkrise nie dagewesenen Ausmaßes. Auch die verfehlte Transfer- und Gehaltspolitik war maßgeblich dafür verantwortlich, dass mit Messi der beste Spieler, der je in den Reihen von Barça stand, ab Sommer 2021 plötzlich keinen Vertrag mehr hatte. Des einen Leid, des anderen Glück: Dem frühen Ausscheiden aus der Champions League geschuldet, wartet am Donnerstag der zweite große Verein aus Spanien zum nächsten Jahrhundertspiel auf die Eintracht.

Zum Autor

Julian Rieck ist Historiker und Bildungsreferent. Er forscht seit vielen Jahren zur Geschichte des Fußballs und zur spanischen Geschichte, ist Fan von Fortuna Düsseldorf und unabhängig davon ein gerne gesehener Gast im Eintracht Frankfurt Museum.

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