02.10.2020
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Kleine Fußnoten und große Fußstapfen

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal. Berührungspunkte mit der Eintracht finden sich einige: Über Axel Kruse, Kevin Trapp und eine Reform mit Folgen.

Nicht nur, aber auch den seit längerem als reisefreudig bekannten Anhängern von Eintracht Frankfurt ist das Gefühl aus den vergangenen Jahren vertraut: Einhergehend mit zwei DFB-Pokalendspielen 2017 und 2018 in Berlin scheint ein Abstecher zum Brandenburger Tor so selbstverständlich wie die Bratwurst im Stadion. Was es aber bis zum 22. Dezember 1989 nicht war, als der designierte Einheitskanzler Helmut Kohl und der neue DDR-Ministerpräsident Hans Modrow den pompösen Marmorbogen auf dem Pariser Platz offiziell öffneten – 28 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961, die erst am 9. November 1989 wieder passierbar werden sollte.

Es war bekanntermaßen der erste große von vielen kleinen Schritten auf dem Weg zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland am 3. Oktober 1990, die sich am Samstag zum 30. Mal jährt. Knapp elf Monate zwischen innenpolitischer Verhandlungsmanöver und globaler Machtgeplänkel. Eine historische Phase, in der die Eintracht aus Frankfurt, seinerzeit immerhin ihren 91. Geburtstag feiernd, nicht mehr als eine Fußnote bildet, aber gleichwohl wie alle Menschen und Gesellschaftsbereiche ihre eigene Geschichte erlebte. Eine Auswahl unmittelbarer und indirekter Berührungspunkte.

Verschärfter Wechselkurs

Was läge näher, als abseits der politischen auch die sportlichen Verschiebebewegungen unter die Lupe zu nehmen, zumal wenige Tage vor der Schließung des Transferfensters. Nachdem die Eintracht 1989/90 die Bundesliga als Tabellendritter beendet hatten, ließen namhafte Verstärkungen nicht lange auf sich warten. David Wagner, Andreas Möller, Slobodan Komljenovic und Anthony Yeboah kamen ins Herz Europas, allesamt Namen, die bis heute nicht in Vergessenheit geraten sind, auch wenn Wagner, einem Talent aus der Region, zumindest als Spieler bei der Eintracht der große Wurf verwehrt blieb (ein Bundesligaeinsatz). Im darauffolgenden Winter aber stieß ein junger Mann zum Traditionsverein, der der Wende gewissermaßen ein paar Monate zuvorgekommen war. Die Rede ist von Axel Kruse. Aufgewachsen in Wolgast und bei Hansa Rostock zum Profi gereift, nutzte der Stürmer am 8. Juli 1989 die Gunst der Stunde. Weil Hansa im Rahmen des Intertoto-Cups in Kopenhagen spielte, ging damit eine Sonderreisegenehmigung einher. Mithilfe eines als Taxifahrer getarnten Bekannten gelang in jener Nacht die Flucht nach Westberlin. „Über Rødbyhavn fuhren wir mit der Fähre nach Puttgarden. In Puttgarden hielten wir an einer Tankstelle. Ich stieg aus und schmiss meinen Wohnungsschlüssel und die restlichen 50 Ost-Mark in einen Mülleimer. Die Angst war weg. So begann mein neues Leben“, erinnerte sich Kruse 2011 in einem Interview mit dem Spiegel. Es folgten später ein Vertrag beim damaligen Zweitligisten Hertha BSC und schließlich bis 1993 71 Pflichtspiele für die Eintracht.

Die Reisen in den Ostblock damals waren auf der einen Seite manchmal etwas beschwerlich, aber immer schön. Moskau, Dnjepropetrovsk, Lubljana, Bukarest, Lodz, Plovdiv, Vilnius – wir sind schon rumgekommen.

Rainer Falkenhain

Umgekehrt ergab es sich für die Hessen im Verlauf der 1990er Jahre ein ums andere Mal, in Osteuropa anzutreten, überwiegend im UEFA- aber auch im UI-Cup. Rainer Falkenhain sind die Reisen noch heute gegenwärtig: „Persönlich ist mir in besonderer Erinnerung, dass wir in der Saison 1993/94 in dem ersten Charterflugzeug gereist sind, das auf dem Militärflughafen in Dnjepropetrovsk landen durfte – ein absolutes Novum in der damaligen Zeit. Apropos Auswärtsspiele Anfang der 1990er: Die Reisen in den Ostblock damals waren auf der einen Seite manchmal etwas beschwerlich, aber immer schön. Moskau, Dnjepropetrovsk, Lubljana, Bukarest, Lodz, Plovdiv, Vilnius – wir sind schon rumgekommen.“

Des Kaisers Prophezeiung

Vom Einzelschicksal zurück in die Geschichtsbücher. Während die Regierungschefs im In- und Ausland die Weichen für die formale Wiedervereinigung stellten, sorgte im Juli 1990 ein Kaiser für sommerliche nationale Glücksgefühle. Natürlich, Franz Beckenbauer, seines Zeichens Bundestr... – pardon: Teamchef – der Westdeutschen Nationalmannschaft, führte die schwarz-weißen Adlerträger bei der Weltmeisterschaft in Italien zum dritten Titel. Mittendrin: Uwe Bein, 1989 vom Hamburger SV in die Mainmetropole gewechselt, und Andreas Möller, der für die neue Saison von Borussia Dortmund heimgekehrt war. Mit Blick auf die nahende Wiedervereinigung frohlockte Beckenbauer nach dem Triumph in Rom: „Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein!“ Nun ja, es dauerte danach zwar 24 Jahre bis zum vierten Stern. 1996 gehörte Möller zum deutschen Team, das in England Europameister wurde.

Geborene Adlerträger

Damals bereits auf Erden wandelten übrigens nur sechs aktuelle Eintracht-Profis. Wahrscheinlich sogar sieben, denn exakt am 8. Juli 1990 erblickte in Merzig ein gewisser Kevin Trapp das Licht der Welt. Jedenfalls trainieren dieser Tage genau drei Spieler im Deutsche Bank Park, die zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung geboren sind: Neben Nationalkeeper Trapp außerdem Torhüterkollege Felix Wiedwald am 15. März 1990 in Thedinghausen sowie Timothy Chandler, geboren am 29. März 1990 in Frankfurt am Main. Der erste aktuelle Adlerträger, der nach der Wende auf die Welt kam, ist übrigens Sebastian Rode am 11. Oktober 1990 in Seeheim-Jugenheim.

Fleischgewordene (Fußball-)Geschichte

Sie alle könnten nicht nur gemäß ihrer Liebe zum Verein, sondern problemlos auch demografischer Natur die Kinder von Karl-Heinz Körbel sein. Der gebürtige Dossenheimer ist bis heute Rekordbundesligaspieler. 602 Spiele, das erste 1972, das letzte 1991, jedes einzelne für die Eintracht vom Main. Richtig gerechnet, das Karriereende trat auf der Zielgeraden der letzten Meisterschaft, welche die Vereine der von Ostdeutschland abgespaltenen Bundesrepublik unter sich ausmachten. Das feierliche Abschiedsspiel stieg derweil am 6. Oktober 1991.

Wende vor Wunder

Vier DFB-Pokalsiege und der UEFA-Cup-Sieg 1980 stehen für alle Ewigkeit auf der Visitenkarte des heute 65-jährigen Markenbotschafters. Ein weiterer Titel kam 1991 nicht mehr dazu, aber immerhin ein respektabler vierter Rang. Die internationale Reise wiederum hätte um ein Haar länger andauern können als lediglich bis Herbst 1990; und hier schließt sich der Kreis. Nachdem die SGE in der ersten Runde des UEFA-Cups das Hinspiel bei Bröndby IF 0:5 verloren hatte, waren vorzeitige Abgesänge nicht zu verdenken. Beim Rückspiel allerdings waren die Dänen mit 4:1 noch gut bedient. Ein Blick in den Kalender legt nahe, dass sich die Debatte zwischen Wunder und Waterloo im Waldstadion in Grenzen hielt. Wir schreiben den 3. Oktober 1990...

Reform mit Folgen

Einigkeit und Recht und Freiheit! Nachdem am 20. September 1990 die DDR-Volkskammer und der Bundestag den Einigungsvertrag ratifiziert hatten und der Bundesrat tags darauf nachgezogen war, war es nicht nur mehr Formsache, sondern einzig eine Frage der Geduld, ehe der historische Kontrakt in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Kraft trat. Mit Folgen nicht nur für jeder Manns und Frau Gemüt, sondern letztlich alle Lebensbereiche innerhalb der erweiterten Landesgrenzen. Dahingehend bildete die in dieser Form seit 1963 bestehende Fußballbundesliga keine Ausnahme. Im Zuge der Eingliederung der zwei bestplatzierten DDR-Oberligisten Dynamo Dresden und Hansa Rostock beherbergte das deutsche Oberhaus zum ersten und bislang letzten Mal 20 Vereine. Bei manchem wird es schon geklingelt haben, aber um mögliche seelische Wunden gar nicht erst wieder aufzureißen, sei präventiv lieber auf die zwangsläufig stattgefundenen vier zusätzlichen Spieltage verwiesen. Nach 34 Partien grüßte Eintracht Frankfurt von der Spitze. Nach 35, 36 und 37 wiederum auch. Nur eben nicht nach 38 Runden und dem atemraubenden Nervenkrimi – ausgerechnet im Ostseestadion...

Ein Trauma, wie es seit jeher überall geschrieben steht, welches die wenigsten Eintrachtler bis heute verwunden haben mögen, aber im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang zweifellos nicht mehr als eine zu verkraftende Nebenwirkung bleibt. Zumal sich unter Umständen – und nur deshalb – am 13. Mai 2021, dann steigt nämlich in der deutschen Hauptstadt das 78. DFB-Pokalfinale, die nächste Gelegenheit bietet, durchs Brandenburger Tor zu schlendern. Nach diesen Zeilen dann vielleicht nicht ausschließlich siegestrunken und mit großen Adleraugen, sondern auch einer Portion Demut. Und natürlich: in Eintracht.

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