23.03.2017
Traditionsmannschaft

„Ich war nie ein Trashtalker“

Slobodan Komljenovic ist Adlerträger durch und durch. Der Frankfurter Bub erlebte bei der Eintracht zwischen 1992 und 1997 die komplette Bandbreite des Wahnsinns von „Fußball 2000“ bis 2. Liga. Und auch heute lässt er keine Gelegenheit aus, für unsere Traditionsmannschaft aufzulaufen. Im Interview verrät der 46-Jährige, warum sein erstes Bundesligator in keiner Statistik auftaucht, was er Uli Stein verdankt hat und worin das besondere Prickeln gegen den heutigen Gegner aus Gladbach besteht.

Slobo, als vor dem Dortmund-Heimspiel in dieser Saison Jay Jay Okocha zu Gast in der Commerzbank-Arena war, wurde natürlich sein legendäres Tor gegen Oliver Kahn und den KSC 1993 gebührlich abgefeiert. Was die meisten Leute nicht auf dem Schirm haben ist, dass du in diesem Angriff eine ganz entscheidende Rolle gespielt hast. Kannst du dich an deinen Part erinnern?

(lacht) Ja klar. Wir haben gekontert und Uwe Bein hat mich auf der linken Seite angespielt. Ich habe den Ball kurz mitgenommen und den Uwe dann steil in den Strafraum geschickt. Er legte dort zum Jay Jay ab. Wenn man sich das Video anschaut, sieht man, wie der Uwe und ich uns links und rechts vorm leeren Tor anbieten, während der Jay Jay seinen Tanz aufführt. Ich denke mal, wenn der Ball nicht reingegangen wäre, hätten wir ihm den Kopf abgerissen (lacht).

Was ging in diesem Moment in dir vor?

Schieß endlich oder spiel ab! Was anderes war ja nicht möglich, nach gefühlten fünf Minuten des Hin- und Herdribbelns.

Habt ihr noch ab und zu Kontakt?

Zuletzt gesehen habe ich ihn beim Benefizspiel für Dietmar Roth. Wir haben da unsere aktuellen Handynummern ausgetauscht und auch mal telefoniert. Insgesamt sehen wir uns aber viel zu selten, was schade ist, weil Jay einfach ein überragender Typ ist. Er kam stets mit einem breiten Grinsen in die Kabine, hat immer Spaß verbreitet, egal ob auf oder neben dem Platz. Da ich selbst so eine Frohnatur bin, sind wir sehr gut miteinander klar gekommen.

Das angesprochene Tor steht stellvertretend für den „Fußball 2000“, den ihr Anfang der Neunziger zelebriert habt. Du warst ein fester Bestandteil dieser Mannschaft und hast dir als junger Bursche schon in deiner ersten Saison als Profi 1992/93 einen Stammplatz erkämpfen können. Warst du nicht eingeschüchtert von all den Stars?

Nein, überhaupt nicht. Das war der Vorteil vom Riederwald damals. Wir hatten als Amateure täglichen Kontakt zu den Profis, haben nebenan trainiert und ich durfte auch schon unter Jörg Berger einmal in der Woche bei den Profis mitmachen. Als ich selbst Profi wurde, kannte ich schon alle und fühlte mich irgendwie auch schon als Teil des Teams. Das habe ich dann also auch nicht als Riesensprung empfunden.

Klingt ziemlich abgeklärt. Warst du bei deinem Bundesliga-Debüt gegen Schalke am 14. Spieltag der Saison 1992/93 auch so cool?

Was soll ich sagen, ich bin halt nicht so leicht einzuschüchtern. Mein Debüt im Parkstadion fand vor ausverkaufter Kulisse statt und ist für mich eigentlich ganz gut gelaufen. Naja, in einer Szene wurde ich ausgetanzt, aber zum Glück hatten wir mit Uli Stein einen Riesentorwart hinten drin. Der hat mich gerettet, so dass es beim 0:0 geblieben ist und mein Fehler nicht bestraft wurde.

Und dann hat dir der Uli vermutlich die Leviten gelesen?

(lacht) Nein, überhaupt nicht. Er hat den Ball gehalten und alles war gut. Wenn der Ball reingegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich ein kleines Problem bekommen.

Uli Stein war nicht das einzige Alphatier in der Mannschaft. Immer wieder gab es zwischen einzelnen Spielern und Grüppchen Auseinandersetzungen. Wie schafft man es als Youngster, sich in solch einem Umfeld nicht die Finger zu verbrennen?

Einfach ignorieren und sich gar nicht auf irgendeine Seite ziehen lassen. Ich habe mich aus allen Streitereien rausgehalten und versucht mein Ding zu machen. Solche Nebenkriegsschauplätze lenken von den eigentlichen Zielen ab. Ich habe immer versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich hatte meine Chance bekommen und die wollte ich unbedingt nutzen. Dem Erfolg muss man alles unterordnen, da dürfen interne Scharmützel keine Rolle spielen.

Als Verteidiger warst du nicht unbedingt für deinen Torhunger bekannt. Erst in deinem dritten Jahr gelang dir dein erster Treffer. Dafür hast du dir aber ein besonders dramatisches Spiel ausgesucht…

(lacht) Ha! Ausgleich in München zum 3:3-Endstand. Das war ein verrücktes und vor allem sehr gutes Spiel. Es ging hoch und runter, wir lagen zweimal vorn und dann plötzlich mit 2:3 zurück. Es war nicht mehr lange zu spielen, da bin ich mit nach vorne in den Strafraum gegangen. Die Flanke kam von links und ich habe aus einiger Entfernung ins lange Eck geköpft. Irgendwie war Oli Kahn für uns ein dankbarer Gegner, jedenfalls konnte er auch diesen Ball nicht halten. Für uns war das 3:3 bei den Bayern natürlich ein super Ergebnis.

Besser kann man sich sein erstes Tor doch gar nicht ausmalen, oder?

Ja, allerdings muss ich zugeben, dass das in meiner eigenen Wertung gar nicht das erste Tor war. Das gefühlte erste Bundesligator habe ich gegen den KSC zuhause erzielt. Es wurde mir aber vom Schiri abgepfiffen, weil ich angeblich im Abseits stand. Das stimmte aber gar nicht. Hui, da war ich sauer. Für mich persönlich zählt der Treffer (lacht).

Deine eigentliche Stärke bestand weniger im Tore schießen als vielmehr im Tore verhindern. Welcher Gegenspieler lag dir besonders und wer hat dir die meisten Probleme bereitet?

Sehr unangenehm fand ich Karsten Bäron vom HSV. Der war lang und schlaksig und hat sich irgendwie ganz seltsam bewegt. Immer ist er mit seinem Fuß noch an den Ball gekommen und hat seinen Körper dazwischen geschoben, um den Ball zu behaupten. Es war für mich sehr schwer da Zugriff zu bekommen. Dagegen waren Spieler wie Jürgen Klinsmann einfacher zu verteidigen, obwohl der Jürgen ein Topstar war.

Wie kann man sich ein Duell mit Jürgen Klinsmann vorstellen? Immerhin war das ja noch eine Zeit, in der viel mit Manndeckung gearbeitet wurde und man entsprechend oft am Gegner klebte. Was habt ihr euch da verbal mitgegeben?

Gar nichts. Ich war nie ein Trashtalker, der seine Gegner provoziert. Das hat mich alles nicht interessiert. Ich habe meine Gegenspieler grundsätzlich ignoriert und versucht ihnen den Ball wegzuspitzeln. Bei Klinsmann war es sogar so, dass ich gar nicht eng dran war, sondern ein, zwei Meter Abstand gehalten habe. Er war ja nicht als großer Dribbler bekannt, der ins Eins-gegen-Eins ging, sondern er kam über den Sprint an den kurzen Pfosten. Gegen solche Spieler war es cleverer ein wenig Vorsprung zu haben.

Blickt man auf deine Karriere insgesamt, stößt man auf zahlreiche Highlights, aber auch auf schmerzhafte Tiefpunkte. Bist du zufrieden, wie alles gelaufen ist?

Ja, im Großen und Ganzen bin ich sehr glücklich mit der Karriere. Ich hätte natürlich gerne einen Titel gewonnen. Mit dem MSV Duisburg war ich im Pokalfinale gegen die Bayern 1998 ganz nah dran. Wenn Michael Tarnat den Bachirou Salou nicht ins Krankenhaus tritt und auch noch ungeschoren davonkommt, holen wir den Pott wahrscheinlich. Aber was will man machen? Mit der jugoslawischen Nationalmannschaft durfte ich in Frankreich an der WM und in Belgien/Holland an der EM teilnehmen. Das waren auch ganz unvergessliche Erlebnisse. Und natürlich die Zeit bei der Eintracht mit allen Aufs und Abs. Ich bin dankbar, dass ich das alles erleben durfte.

Heute empfängt die Eintracht Borussia Mönchengladbach. Deine persönliche Bilanz gegen die Fohlen ist ziemlich ausgeglichen: Vier Siege, fünf Niederlagen, ein Unentschieden. Was waren das für Spiele?

Gegen Gladbach zu spielen hat immer sehr viel Spaß gemacht. Egal ob zuhause oder auf dem Bökelberg. Es war immer etwas los, es gab viele Tore zu sehen, die Tradition dieser Begegnung war greifbar, was man auch am hohen Zuschauerzuspruch gemerkt hat. Es ist komisch, aber man spürt, dass da etwas Besonderes aufeinander prallt. Diese lange gemeinsame Geschichte – da prickelt es noch einmal mehr als sonst.

Was erwartet uns heute gegen Gladbach?

Es erwartet uns ein sehr starker Gegner, der schnell umschaltet und gegen den wir uns keine Fehler erlauben dürfen. Ich hatte ja gehofft, die Gladbacher würden in der Euro League weiterkommen, so dass sie zumindest im DFB-Pokal gegen uns noch mit der Dreifachbelastung zu kämpfen haben. Jetzt in der Liga hoffe ich auf einen 1:0-Sieg, es wird aber ganz sicher ein schweres Spiel.

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