02.12.2014
Klubmagazin

„Ich dachte nach zwanzig Minuten, mir explodiert der Brustkorb“

Manfred Binz war Mitte der Achtziger bis Mitte der Neunziger eine feste Größe im Team der Eintracht.

Der Frankfurter Bub absolvierte zehn Jahre lang fast alle Bundesliga-Spiele über die volle Zeit und erlebte vom DFB-Pokalsieg 1988 über die verpasste Meisterschaft 1992 bis hin zum Abstieg 1996 sämtliche Höhen und Tiefen mit der SGE. Mittlerweile gehört der 49-Jährige zum Trainerteam der Eintracht Frankfurt Fußballschule und spielt regelmäßig für die Traditionsmannschaft. Anlässlich des Spiels gegen den BVB, für den er gegen Ende seiner Karriere ebenfalls aktiv war, stand er für uns im Interview Rede und Antwort.

Manni Binz, heute trifft die Eintracht in der Bundesliga auf Borussia Dortmund. Du hast für beide Mannschaften gespielt. Mit welchen Gefühlen blickst du auf diese Partie?

Ich habe anderthalb Jahre in Dortmund gespielt, aber über zwölf Jahre lang für die Eintracht. Da ist es klar, dass mein Herz total für die Eintracht schlägt. Ich hoffe, das nimmt einen guten Ausgang für uns.

Beide Mannschaften sind zuletzt in der Tabelle abgerutscht. Wie bewertest du die Chancen der SGE gegen den an und für sich turmhohen Favoriten aus Dortmund?

Der Dortmunder Tabellenplatz trügt, weil sie einige sehr starke Leistungen abgeliefert haben und ihnen lediglich das nötige Quäntchen Glück gefehlt hat. Sie erarbeiten sich aber viele Chancen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die wieder effektiv nutzen. Aber natürlich wächst der Druck in einer solchen Situation und es bleibt abzuwarten, wie die Dortmunder damit umgehen werden. In jedem Falle ist die Eintracht nicht chancenlos. Das ist ja das Schöne an der Bundesliga.

Du hast selbst erlebt, wie eine an und für sich starke Mannschaft plötzlich durch eine Negativ-Serie unten reingerutscht ist und nicht mehr raus kam. Droht dem BVB eine ähnliche Entwicklung wie der Eintracht Mitte der Neunziger?

Bei Dortmund ist das eine ganz andere Situation. Die Pause wird ihnen den einen oder anderen Leistungsträger zurückbringen und sie sind als Mannschaft viel gefestigter als wir es damals waren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie schon sehr bald rauskommen aus diesem Schlamassel. Kloppo wird das richten.

Zu deiner Zeit bei der Eintracht waren die SGE und der BVB Gegner auf Augenhöhe. Als du nach Dortmund gewechselt bist, war die Schere zwischen diesen Vereinen schon weit auseinandergegangen. Welche Unterschiede in der Vereinsstruktur konntest du schon damals zwischen beiden Vereinen ausmachen?

Als ich nach Dortmund kam, hatten sie gerade die Champions League gewonnen und sich eine unheimlich starke Truppe mit vielen Nationalspielern aufgebaut. Sie haben sich frühzeitig auf die Fahne geschrieben Einnahmen durch Vermarktung zu generieren und hatten da aus meiner Sicht klarere Ziele als die Eintracht zu dieser Zeit.

Reden wir über deine Frankfurter Jahre. Du hast bei der Eintracht alles erlebt, hast den DFB-Pokal gewonnen, wurdest Nationalspieler, beinahe Meister und hast auch den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte mitgemacht. Welche Spiele sind dir noch besonders in Erinnerung?

Da wäre natürlich zu allererst mein Bundesligadebüt auf dem Betzenberg gegen Kaiserslautern 1985. Das war damals noch eine richtige Festung. Ich habe als Amateur gegen Rainer Geye gespielt und dachte nach zwanzig Minuten mir explodiert der Brustkorb, weil der gerannt ist wie ein Stier. Da bin ich erst gar nicht mit klargekommen, habe mich dann aber im Verlauf des Spiels daran gewöhnt. Wir haben das Spiel verloren, aber die Eindrücke waren trotzdem berauschend.

Welche Erinnerungen hast du an den 12. Spieltag der Saison 1986/87?

Da haben wir zuhause gegen Waldhof Mannheim gespielt. In diesem Spiel gelang mir mein erstes Bundesligator. Ich glaube Thomas Berthold hat einen Freistoß hereingebracht und ich habe eingeköpft. Das war ein geiles Gefühl. Der Traum vom Bundesligator, der in den Kinderjahren noch utopisch erschien, war plötzlich Realität.

Was bedeutet dir der DFB-Pokalsieg 1988?

Das ist der einzige nationale Titel meiner Karriere und damit etwas ganz besonderes für mich. Wir kamen raus ins Stadion um uns warm zu machen und da waren geschätzte 35.000 Eintracht-Fans und haben ihre Fahnen geschwenkt. Den Anblick dieses Fahnenmeers werde ich nie vergessen, da kriege ich noch immer eine Gänsehaut. Die Stadien heute sind natürlich gewaltig und die Fans toppen das alles noch mit ihren Choreografien, aber dieses Erlebnis hat sich richtig eingebrannt.

1991/92 kommt es dann zur verpassten Meisterschaft in Rostock. Wie hast du diesen Tag erlebt?

Das war ganz bitter. Ich kann mich gar nicht erinnern, wer von den Spielern an diesem Tag nicht geweint hat. Uli Stein vielleicht nur im stillen Kämmerlein, mag sein (lacht). Wir hatten uns sehr viel vorgenommen und haben auch eine ganz starke Runde gespielt. Nach 34 Spieltagen waren wir Tabellenführer und wären damit in einer normalen Saison Meister geworden. Nur hatte die Liga in diesem Jahr wegen der Wiedervereinigung 38 Spieltage. Ich habe kürzlich wieder ein paar Szenen gesehen, wir hatten solche Chancen in diesem Spiel aber irgendwie sollte es nicht sein.

Unmittelbar nach dieser Enttäuschung stand schon die nächste sportliche Herausforderung an: Du bist mit der Nationalmannschaft mit nach Schweden gereist und wurdest Vize-Europameister. Was überwiegt im Rückblick, der Stolz dabei gewesen zu sein oder der Frust, dass auch dieser Titel knapp verpasst wurde?

Ich denke, wenn man als Nationalspieler sein Land bei einem großen Turnier vertreten darf, ist das zunächst mal ein riesiger Erfolg. Ich kam in dieses Turnier mit einem Knacks nach der Enttäuschung von Rostock. Vorher war ich in der Nationalmannschaft cool dabei, dann stand ich plötzlich sehr in der Kritik und habe es versäumt, mich ein wenig mehr zur Wehr zu setzen. Ich wurde nach der Vorrundenniederlage gegen Holland als Sündenbock rausgesucht und habe das dann einfach über mich ergehen lassen. Das war sicherlich ein Fehler. Denn meine Leistungen im Verein blieben auch nach der EM auf konstant hohem Niveau. Ich hätte vielleicht mehr Druck machen müssen.

Es folgten weitere Jahre in denen die Eintracht im vorderen Tabellendrittel mitmischte und regelmäßig international vertreten war. Dann kam 1996 der plötzliche Abstieg. Was geschah da im Kopf?

Wir haben uns damals ziemlich lange blenden lassen. Ständig war noch die Rede vom UEFA-Cup, wir haben viel zu spät gemerkt, dass wir uns mitten im Abstiegskampf befanden. Es gab zu viele Grüppchen, wir waren eigentlich keine richtige Mannschaft auch wenn wir das damals anders sahen. Und dann sind wir in diese Abwärtsspirale geraten aus der es kein Entrinnen gab.

Nach dem Abstieg und deinem Weggang von der Eintracht dürfte dich der eine oder andere Eintracht-Fan aus den Augen verloren haben. Wie ging es damals weiter mit dir?

Ich hatte diverse Angebote aus dem Ausland und habe mich entscheiden nach Italien zu Brescia Calcio zu gehen. Dort hatte ich anderthalb ganz wunderbare Jahre, in denen ich viel Lebenserfahrung gesammelt habe und eine hohe Lebensqualität genießen konnte. Dann ging ich zu Borussia Dortmund wo ich ebenfalls anderthalb Jahre unter Vertrag stand. Ich bekam weit weniger Einsätze als ich gewohnt war. Als Spieler hat mir das nicht gefallen, als Mensch bin ich dadurch aber gereift. Ich habe damals gelernt, dass ich auch auf der Bank der Mannschaft als Teamplayer helfen kann.

Dann begann aus Frankfurter Sicht ein ganz düsteres Kapitel in deiner Laufbahn…

…(lacht) Das wird manchem nicht gefallen haben...

...jeder macht mal Fehler…

…na jedenfalls bin ich dann zu Kickers Offenbach in die 2. Liga gewechselt. Die Kickers waren damals Aufsteiger und ich habe drei Jahre für sie gespielt. Dann habe ich mich schwer verletzt und befand mich sechs Monate in der Reha. Das Coole ist, dass ich meine Karriere aber bei der Eintracht beendet habe. Ich weiß gar nicht, ob viele das wissen, aber die letzten vier Monate habe ich nochmal für die Eintracht Amateure gekickt.

Du kennst die Rivalität zwischen Offenbach und Frankfurt. Wie nimmt man das als Spieler wahr? Musstest du eventuell etwas länger überlegen um das Angebot anzunehmen?

Für mich gab es früher nur Eintracht Frankfurt. Offenbach war Ausland. Nach meinen Stationen in Brescia und Dortmund aber war die Hemmschwelle für einen Wechsel allgemein wesentlich geringer. Offenbach ist aus Frankfurter Sicht natürlich nicht irgendein ein Club, für mich war aber letztendlich entscheidend, dass ich ein Familienmensch bin und im Rhein-Main-Gebiet meine Heimat habe. Im Endeffekt habe ich mich für die Kickers entschieden und habe diesen Schritt auch nie bereut.

Wie wurdest du als ehemaliger Eintrachtler auf der anderen Main-Seite empfangen?

An dem Tag meiner Vertragsunterschrift in Offenbach kam ein Kickers-Urgestein auf mich zu, musterte mich von oben bis unten und meinte dann: „Du bist zwar Frankfurter, aber Nationalspieler. Das haben wir schon lange nicht mehr hier gehabt. Herzlich willkommen.“ Das war der Einstand in Offenbach und es ging gut weiter.

Nun bist du wieder bei der Eintracht angekommen, arbeitest seit diesem Herbst in der Fußballschule unter der Leitung von Charly Körbel. Was macht dir Spaß an der Arbeit mit den Kids?

Zunächst ist es toll zu sehen, mit welcher Freude die Kinder bei der Sache sind. Sie sind sehr lernwillig. Es macht Spaß sie zum Lachen zu bringen und ihre fußballerischen Fähigkeiten zu verbessern. Sie träumen alle diesen Traum, den jeder Fußballer kennt und den ich erleben durfte. Das ist einfach schön. Für mich ist entscheidend, dass wir Freude vermitteln können.

Wie kam das Engagement bei der Fußballschule zustande?

Ich stand im Sommer in Verhandlungen über einen Posten in Königstein. Die Gespräche waren relativ weit fortgeschritten und ich hatte mich schon darauf eingestellt, den Job anzunehmen. Doch dann kam Charly Körbel und hat mir seine Ideen vorgestellt. Und das war genau das Richtige für mich. Wir haben hier eine super Truppe, egal ob die Trainer auf dem Platz oder das Team im Hintergrund – das macht richtig Spaß.

Du bist ebenfalls Spieler in der Traditionsmannschaft der Eintracht. Was bedeutet dir Tradition?

Sehr viel. Die Eintracht ist ein Traditionsverein und diese Tradition gilt es zu bewahren. Die Einbindung ehemaliger Spieler über Institutionen wie die Fußballschule oder eben die Traditionsmannschaft halte ich für sehr wichtig, auch für die Außendarstellung des Vereins. Ich denke sogar, die Ehemaligen sollten noch stärker eingebunden werden. Nicht ins operative Geschäft, aber als Repräsentanten. Ich erlebe es im Stadion immer wieder, dass ich von alteingesessenen Fans erkannt werde. Die Leute wollen dann über die alten Zeiten sprechen und mit mir das Spiel sehen. Und so geht es den Anderen auch. Ich mache da also schon eine gewisse Nachfrage aus, die von den ex-Spielern bedient werden könnte.

Gerade erst sind mit Jürgen Grabowski und Marco Russ ein Ehemaliger und ein Aktiver aneinandergeraten...

Das muss man nicht so hoch hängen. Marco Russ und Jürgen Grabowski sind beides super Typen. Beim Fußball gehören eben auch Emotionen dazu. Es haben sich aus meiner Sicht zu viele Leute in diese Sache eingemischt. Ich bin mir sicher: Wenn sich die beiden begegnen und die Hand geben, ist alles vergessen. Die lachen dann darüber.

Wie ist es für dich, im Rahmen der Traditionsmannschaft mit den unterschiedlichen Generationen von Eintrachtlern zusammenzuspielen?

Super. Ich freue mich, wenn ich alle sehen kann. Wir lachen viel zusammen, die Stimmung ist immer sehr kameradschaftlich und herzlich. Wir lieben alle nach wie vor dieses Spiel und genießen die Matches. Nach den Spielen sitzt man oft gesellig zusammen, isst etwas, mischt sich auch unter die Leute, gegen die man eben noch auf dem Platz stand. Ich genieße das sehr.

Kommen wir mit der letzten Frage noch einmal auf das Spiel gegen Dortmund zu sprechen: Wie geht es aus?

(überlegt) ...3:2.

Vielen Dank für das Interview!

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