04.05.2022
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Historie: Die Eintracht und West Ham United - Teil 2

Im zweiten Teil unserer Reise durch die gemeinsame Geschichte der Eintracht und West Ham United geht es um ein Freundschaftsspiel in den 1960er Jahren sowie das erste Europapokalduell beider Mannschaften.

Ticket zum Spiel Eintracht Frankfurt vs. West Ham, 1976.

Das Freundschaftsspiel gegen West Ham United am 7. August 1965 würde man in heutigen Zeiten wohl als „Saisoneröffnung“ verkaufen. Es war der letzte Test vor dem Start der Saison 1965/66, der eine Woche später anstand. 30.000 Fans freuten sich auf den frisch gebackenen Europapokalsieger West Ham. Die Hammers hatten im Mai den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, im Londoner Wembley-Stadion gegen den TSV 1860 München. Der wiederum hatte den DFB-Pokal im Jahr zuvor gegen die SGE mit 2:0 gewonnen und sich damit für den Wettbewerb qualifiziert, aber das tut hier nix zur Sache.

Programm zu Freundschaftsspiel vs. West Ham, 1965.

Die Eintracht bot gegen West Ham eine gute Leistung, trotzdem gingen die Gäste in der 43. Minute durch Peters in Führung. Im zweiten Durchgang erzielte Lothar Schämer in der 65. Minute den zwischenzeitlichen Ausgleich, doch kurz vor Schluss konnte Sealie für die Gäste den Siegtreffer erzielen. Trotzdem war man auf Frankfurter Seite mit dem Spiel zufrieden. Die Fans hatten sich gefreut, den englischen Superstar Bobby Moore zu sehen, und ganz nebenbei erlebten sie auch Geoff Hurst, der ein Jahr später in Wembley Geschichte schreiben sollte. Noch mehr freute man sich auf Frankfurter Seite aber über die Rückkehr von Istvan Sztani. Der Ungar, der 1959 mit der Eintracht die Meisterschaft gefeiert hatte, kehrte nach sechs Jahren und 39 Tagen zurück ins Waldstadion und lief mit der Nummer 10 auf. „Er wurde in Lüttich offensichtlich reifer, routinierter, robuster, und die Hoffnungen, die viele auf ihn setzten, sind wohl nicht so unbegründet“, berichteten die Eintracht-Hefte. Ganz nebenbei erlebten die 30.000 Fans eine weitere Premiere: Jürgen Grabowski, der zur Saison 1965/66 aus Biebrich zur Eintracht wechselte, spielte gegen West Ham zum ersten mal vor „seinem zukünftigen Publikum“, vermeldete die Vereinszeitung. Laut „Kicker“ gehörte Grabi gleich zu den stärksten Spielern der SGE.

Samstag, 7. August 1965

Eintracht Frankfurt - West Ham United 1:2

SGE: Loy, Blusch, Höfer, Lutz, Lindner, Lechner, Huberts, Stinka, Grabowski (Solz), Sztani (Lotz), Schämer

West Ham: Dickie, Burnett, Burkett, Peters, Brown, Moore, Redknapp (Sealie), Boyce, Hurst (Bennitt), Dear, Sissons

Schiedsrichter: Heumann

Tore: 0:1 Peters (43.), 1:1 Schämer (65.), 1:2 Sealie (83.)

Zuschauer: 30.000

Erstmals im Pflichtspiel

Mehr als 50 Jahre nach dem ersten Freundschaftsspiel 1924 kam West Ham 1976 erstmals zu einem Pflichtspiel nach Frankfurt. Die Eintracht hatte sich im Europapokal der Pokalsieger durch Siege gegen Coleraine, Atletico Madrid und Sturm Graz für das Halbfinale qualifiziert. West Ham hatte sich über die Stationen Lahden Reipas, Ararat Jerewan und ADO Den Haag ins Halbfinale gespielt.

Am 31. März 1976 pilgerten 50.000 Fans ins Frankfurter Waldstadion. Die daheimgebliebenen konnten das Spiel im Fernsehen nicht live verfolgen. Ursprünglich hatte die Eintracht mit dem Hessischen Rundfunk eine Liveübertragung vereinbart, die dem Verein 20.000 DM eingebracht hätte. Nachdem die ARD aber das Spiel Real Madrid gegen Bayern München ins Programm aufnahm, wurde die Übertragung aus Frankfurt storniert.

Stadionzeitung vom Spiel gegen West Ham, 31.03.1976.

Die Fans vor Ort erlebten von Beginn an eine stürmische Eintracht. Schon in der fünften Minute hatte Wenzel die große Chance zur Führung, doch West Ham-Keeper Day konnte seinen Kopfball entschärfen. Kurze Zeit später der Schock: Grabi passte zu Neuberger, der trat über den Ball, Paddon erkämpfte sich das Leder und traf zur Gästeführung. Doch die Eintracht ließ sich nicht beirren und setzte West Ham weiterhin mächtig unter Druck, in der 12. Minute traf Neuberger zunächst den Pfosten, in der 29. Minute markierte er durch einen 16-Meter-Schuss den Ausgleich.

Jetzt wollte die Eintracht die Führung, doch West Ham verteidigte mit englischer Härte. Das bekam auch Charly Körbel zu spüren, der den Ellenbogen des englischen Torhüters Day ins Gesicht bekam. Nach einer halben Stunde war Körbels Nase gebrochen, trotzdem spielte er bis zum Schlusspfiff weiter. Die Nase wurde zwei Tage später von Dr. Degenhardt wieder gerichtet. Charly büßte bei der Operation übrigens „seinen gepflegten Schnäuzer ein, der dem Doktor beim Richten des doppelten Nasenbeinbruchs im Weg war“, wie die Bild-Zeitung berichtete. Doch zurück zum Spiel. Gerd Simons, dem Dietrich Weise den Vorzug gegenüber Weidle gegeben hatte, wuchs in der Partie über sich hinaus, bewachte Jennings und leitete immer wieder Angriffe ein. Kurz nach Wiederanpfiff gelang Wolfgang Kraus die Frankfurter Führung (47. Minute), und auch danach drückte die Eintracht weiter. Bernd Nickel kam zu drei Riesenchancen, hatte aber jeweils Pech. Erst in den letzten Minuten, als der Eintracht die Kraft ausging, kam West Ham besser ins Spiel. Am Ergebnis änderte sich nichts mehr. Die Enttäuschung auf Eintracht-Seite war nach dem Schlusspfiff groß und die Befürchtung, dass die knappe Führung im Rückspiel nicht reichen könnte, war überall zu spüren. Doch Trainer Dietrich Weise gab sich schon wieder optimistisch: „Wir werden auch in London unsere Chance in der Offensive suchen.“

Mittwoch, 31. März 1976

Eintracht Frankfurt - West Ham United 2:1

SGE: Kunter, Reichel, Neuberger, Simons, Beverungen; Körbel, Kraus (74. Weidle), Nickel, Grabowski, Hölzenbein, Wenzel

West Ham: Day, Coleman, Taylor, Bonds, Lampard, McDowell, Holland, Paddon, Brooking, W. Jennings, Robson

Schiedsrichter: Rudnow

Tore: 0:1 Paddon (9.), 1:1 Neuberger (29.), 2:1 Kraus (47.)

Zuschauer: 50.000

Unglückliche Schlammschlacht

„Wir brauchen heute Nerven wie Drahtseile“, mit diesen Worten schwor Dietrich Weise seine Mannschaft auf das Rückspiel bei West Ham United ein. Doch am 14. April 1976 ging ziemlich viel schief – und die Nerven der Spieler wurden schon vor Anpfiff schwer belastet. Die Eintracht hatte sich am Hyde-Park in ein schönes Hotel eingebucht, Kritiker sprachen von einem „Plüsch- und Prunkpalast“. Vor Ort war übrigens auch der verletzte Peter Krobbach, der in der Woche vor dem Spiel bei einem Treffen mit Fans in Niederseelbach berichtet hatte, dass er die Reise nach London selbst bezahle, denn „ich gehöre ja im Augenblick nicht zur Mannschaft.“

Vom Plüsch- und Prunkpalast aus ging es per Bus zum Stadion. Im Bus auch dabei: Journalisten und Fans. Und dann steckte der Eintracht-Tross mehr als zwei Stunden im Londoner Stau fest. Erst 35 Minuten vor Anpfiff kam der Bus endlich an, die Spieler hatten sich mittlerweile schon im Fahrzeug umgezogen, um sich wenigstens noch ein bisschen warm machen zu können.

Im Upton Park warteten 40.000 fanatische West Ham Fans, die die Eintracht bei strömendem Regenwetter gnadenlos auspfiffen. “Die Arena dröhnte von den Schlachtgesängen der prall gefüllten Stehplätze wider. Die Polizei hatte bereits alle Hände voll zu tun, um angertrunkene Randalierer und halb ohnmächtige Fans abzuführen bzw. abzutransportieren. Die Zuschauer standen so dicht am Spielfeld, dass der Torhüter ihren Atem spürt und die Spieler beim Eckstoß am Trikot festgehalten werden können“, berichtete die Abendpost Nachtausgabe. Dietrich Weise hatte den lange verletzten Bernd Lorenz aufgestellt, der in der Abwehr die vielen Flanken per Kopf aus der Gefahrenzone beförderte. Trotzdem hatte Peter Kunter im Tor der Eintracht genug zu tun und konnte mehrfach in höchster Not retten. Die Eintracht kam im ersten Durchgang nur zu einer großen Chance, doch Wenzels Schuss konnte Taylor von der Linie schlagen.

Programm vom Spiel in London bei West Ham United, 14. April 1976.

Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit ging West Ham durch einen Kopfball von Brooking in Führung. Jetzt gab die Eintracht ihre Zurückhaltung auf und drückte auf den Ausgleich. Doch die Mannschaft hatte Pech und konnte beste Möglichkeiten nicht im Tor unterbringen. Tragisch, dass der Schiedsrichter in der 56. Minute bei einer Rettungstat ein klares Handspiel auf der Torlinie übersah, der fällige Elfmeterpfiff blieb aus. In der Drangperiode der SGE machte West Ham das 2:0, Robson traf in der 68. Minute aus 25 Metern. Die Eintracht bäumte sich weiter auf, doch jetzt wurde man ausgekontert. In der 77. Minute erzielte Lampard das 3:0. Der Anschlusstreffer durch Beverungen in der 87. Minute kam zu spät. Die Eintracht war im Halbfinale ausgeschieden.

Tja, das war 1976. Vergangene Woche haben wir mit dem 2:1 bei West Ham ein neues Kapitel in der Geschichte der Eintracht geschrieben. Hoffen wir, dass dieses Kapitel am Donnerstag ein Happy-End findet.

Mittwoch, 14. April 1976

West Ham United - Eintracht Frankfurt 3:1

West Ham: Day, Coleman, Taylor, Bonds, Lampard, McDowell, Paddon, Brooking, Holland, Jennings, Robson

SGE: Kunter, Reichel, Neuberger, Lorenz, Beverungen, Weidle, Körbel, Grabowski, Nickel, Hölzenbein, Wenzel

Schiedsrichter: Hungerbühler

Tore: 1:0 Brooking (48.), 2:0 Robson (68.), 3:0 Brooking (77.), 3:1 Beverungen (88.)

Zuschauer: 40.000

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