03.05.2022
Museum

Historie: Die Eintracht und West Ham United - Teil 1

Ganz Frankfurt fiebert dem Donnerstag entgegen, wenn im Stadion das Rückspiel gegen West Ham United stattfindet. Wir haben die Geschichtsbücher gewälzt: Die gemeinsame Historie reicht weit zurück.

West Ham United im Jahr 1928.

Und zugegeben: Wir haben oft gegen die Hammers verloren. Aber noch nie ein Europapokalheimspiel! Wir starten bei unserer Zeitreise aber zunächst im Jahr 1924, und da ging es am Ende für die Eintracht tatsächlich um alles!

Das erste Spiel endet mit dem Gerichtsvollzieher

In den Anfangstagen des deutschen Fußballs waren Begegnungen gegen englische Mannschaften stets Höhepunkte. Die professionellen Spieler von der Insel waren bewunderte Stars – und in der Regel setzte es für die deutschen Teams deutliche Schlappen. Erstmals gegen eine englische Mannschaft gewinnen konnte der Eintracht-Vorgänger Frankfurter Fußball-Verein am 2. Mai 1914. Das 3:1 gegen Bradford City vor 4000 Fans am Rosegger war eine große Sensation. Wenige Wochen später brach der Erste Weltkrieg aus. Rudi Schlüter, mit drei Treffern Held des Bradford-Spiels, kehrte aus dem Krieg nicht mehr zurück, er fiel vermutlich 1915 in Galizien.

Nach Kriegsende war an deutsch-englische Begegnungen vorerst nicht zu denken. Noch 1920 war es die englische „Football Association“, die jeglichen Fußballkontakt zu den Mittelmächten strikt ablehnte und deswegen sogar aus der FIFA ausgetreten war. Doch Mitte der 1920er Jahre kam es wieder zu Annäherungen. Und 1924 traf auch die Eintracht wieder auf ein englisches Team: Die Sommertour führte West Ham United nach Deutschland und in die Schweiz. Von acht Spielen gewann West Ham sechs, lediglich das Spiel beim Freiburger FC verlor die Mannschaft mit 2:5. Da waren die Spieler aber auch erschöpft, denn das Spiel zuvor hatten sie bei der Eintracht gekickt.

Ankündigung des Spieles gegen West Ham United, 1924.

Am 17. Mai 1924 strömten bei strahlendem Sommerwetter 10.000 Fans an den Riederwald, um die englischen „Berufsspieler“ von West Ham gegen die Eintracht spielen zu sehen. „Die systematisch trainierten Berufsspieler zeigten ein ausgeprägtes Kopfspiel und glänzende Ballbehandlung. Sie besaßen Erfahrung im Abseitsstellen. Unsere Mannschaft , […] gefiel mit Ausnahme der beiden Außenläufer gegen diesen schweren Gegner recht gut“, berichteten die Eintracht-Hefte. Trotz der guten Leistung unterlag die Eintracht den Gästen mit 0:4. Während Torwart Trumpp einen Sahnetag hatte, vergaben die Stürmer der Eintracht viele gute Möglichkeiten. Trotzdem war man auf Seiten der Eintracht hochzufrieden.

Und auch das gesellschaftliche Leben kam nicht zu kurz: „Trumpp war der Held des Tages; der gegnerische Torwächter Kaine reichte ihm bei Schluss des Spieles glückwünschend die Hand. Das Überreichen von Nelken in den Frankfurter Farben an Gäste und Schiedsrichter war eine allgemein beifällig aufgenommene Aufmerksamkeit. […] In spielerischer und gesellschaftlicher Hinsicht waren die Engländer vollauf zufrieden. Das Spiel selbst bezeichneten sie als das fairste, das sie auf ihrer jetzigen Reise ausgetragen hätten. Am Abend war man zu Ehren der Gäste festlich versammelt. Die gehaltenen Reden sollen weit über den Rahmen des Alltäglichen hinausgegangen sein. Zur dankbaren Erinnerung an den schönen Tag wurde sowohl der Gästemannschaft als auch dem Schiedsrichter Koppehel (Berlin) ein Bild unserer Stadt überreicht.“ Die Feier fand übrigens im Zeil-Casino statt und „als die Musikkapelle ´God save the King´ intonierte war der Höhepunkt erreicht.“

So weit, so gut. Doch das spektakuläre Spiel gegen West Ham hatte für die Eintracht massive Konsequenzen, die fast zur Pleite des Vereins geführt hätten. Und das kam so: Kurz nach dem Spiel forderte die Stadt Frankfurt von der Eintracht den gesamten Überschuss der Einnahmen zuzüglich 7.000 Mark Steuer, da die Engländer Profis waren und „eine berufsmäßige Erlustigung des Publikums … mit 40% vergnügungssteuerpflichtig sei“. Die gleiche Argumentation wandte die Stadt für ein Spiel gegen Sparta Prag an, dass die Eintracht mit 2:4 verloren hatte. Damit beliefen sich die Forderungen der Stadt auf 12.000 Mark Vergnügungssteuer, die durch Verzugsaufschläge und Kosten für Mahnverfahren bis Oktober auf fast 20.000 Mark angewachsen waren. Vorgeworfen wurde der Eintracht auch die Durchführung eines Boxkampfs, der ebenfalls vergnügungssteuerpflichtig gewesen sei. Da der Verein diese Veranstaltungen „nicht rechtzeitig der Städtischen Vergnügungssteuerstelle angezeigt habe“, drohte dem Vorsitzenden Dr. Schöndube sogar eine Haftstrafe. Die Eintracht legte Einspruch ein, trotzdem schritt die Städtische Steuerstelle zur Zwangseintreibung und beschlagnahmte am 25. Oktober 1924 die Zuschauereinnahmen des Spiels gegen den VfR Frankfurt 01.

Erst als der „Ruin dieses alten, großen Vereins bevorstand, …erinnerte man sich im Hohen Magistrat, dass man auch ein Stadtamt für Leibesübungen habe, das eigentlich zur Hebung des Sportes da sei. Auch dachte man an das neue Stadion, das doch ohne unsere Sportler nur als gärtnerische Anlage zu betrachten wäre, und auf einmal konnte man nachgeben“, berichtete der „Fußball“ im Januar 1925. Die Stadt verzichtete auf die Zahlung der Vergnügungssteuer, damit war die Eintracht gerettet.

Ein Besucher aber beklagte beim Spiel gegen West Ham einen bleibenden Verlust: In der Stadiongaststätte bei Heinrich Kraushaar wurde an Tisch I ein Perlbeutel mit Geld, Schlüsselbund und Taschenbuch liegen gelassen. „Wir bitten den ehrlichen Finder, die Sachen gegen Belohnung bei Kraushaar abzugeben“, appellierten die Vereins-Nachrichten der Eintracht. Doch der Perlbeutel wurde scheinbar nicht zurückgegeben. Wenn ihn noch einer auf dem Dachboden hat, Sie wissen ja: Im Museum abgeben!

Samstag, 17. Mai 1924

Eintracht Frankfurt - West Ham United 0:4

SGE: Trumpp, Egly, Grünerwald, Roth, Kirchheim, Schneider, Weber, Schönfeld, Pfeiffer, Schenk, Österling

West Ham: Kaine, Henderson, Hebdon, Collins, Koy, Cadwell, Yeros, Robinson, Morre, Campbell, Williams

Schiedsrichter: Koppehel

Tore: 0:1 Robinson (20.), 0:2 Robinson, 0:3 Moore, 0:4 Robinson

Zuschauer: 10.000

EINTRACHT FRANKFURT INTERNATIONAL

Als West Ham 1928 wieder nach Frankfurt kam, freute man sich bei der Eintracht auf den Besuch von „alten Freunden“. Und wenn wir 2022 das Motto Eintracht Frankfurt International mit Stolz und Freude leben, taten wir das vor fast einhundert Jahren auch schon. In den Vereins-Nachrichten vom Mai 1928 verkündeten die Verantwortlichen jedenfalls mächtig stolz: „Wir waren als Eintracht in Bezug auf den Abschluss von Spielen mit ausländischen Mannschaften immer an erster Stelle zu finden und haben dies auch bis in die letzte Zeit beibehalten. … Uns sind die Direktoren von West Ham mit dem Generalsekretär Mister King noch in guter Erinnerung, wie auch den Engländern Frankfurt noch bestens erinnerlich sein wird, da sie ja seinerzeit nach der Ankunft in der Heimat in englischen Blättern rühmend gerade die Aufnahme in Frankfurt und auch besonders bei der Eintracht erwähnt haben.“

Ankündigung des Spiels gegen West Ham, 1928.

Im Mai 1928 tourten die Engländer erneut durch Deutschland, diesmal absolvierten sie Spiele gegen Karlsruhe, Nürnberg, Bayern München, Hertha BSC und die SGE. Das erste Spiel der Reise fand am 9. Mai in Frankfurt statt, diesmal im Waldstadion. Enttäuschend war die Zuschauerzahl. Nur 7000 bis 8000 Zuschauer kamen bei schlimmstem Aprilwetter ins Stadion, andere Quellen berichten immerhin von 10.000 Fans. Die teure Verpflichtung der namhaften Truppe hatte sich für den Verein damit finanziell nicht gelohnt. Doch die anwesenden Fans bekamen eine Eintracht zu sehen, die mit dem großen Favoriten gut mithalten konnte, am Ende trotzdem mit 1:2 unterlag. „Am auffallendsten war die Überlegenheit der Briten in der Ballbehandlung. Sie beherrschten das Leder in einer Vollendung, die ihnen das stoppen meist überflüssig machte, während die Frankfurter damit viel Zeit verloren. So kam es auch, dass die Eintrachtleute viel mehr laufen mussten als die Engländer“, berichtete der „Fußball“. Die Statistik über die Laufwege konnten wir leider nicht mehr auftreiben. Immerhin wissen wir, dass H. Kissinger das Tor für die Eintracht erzielte. Wer die Tore für die Gäste machte, ist nicht überliefert. Aber der Schiedsrichter kam aus Offenbach. Wir überlassen das Schlusswort dem „Fußball“: „Schiedsrichter Weingärtner machte bei seinen Abseitsentscheidungen unangenehme Fehler, hatte aber das Pfeifkonzert seiner Landsleute nicht verdient.“

Mittwoch, 9. Mai 1928

Eintracht Frankfurt - West Ham United 1:2

SGE: Trumpp, Schütz, Kirchheim, Kübert, Goldammer, Müller, Schaller, Döpfer, Ehmer, Dietrich, Kissinger

West Ham: Hufton, A.T. Earl, Norrington, Collins, Barrett, Cadwell, Jes, S. Earl, Loughlin, Moore, Ruffell

Schiedsrichter: Weingärtner

Tore: H. Kissinger, Torschützen West Ham unbekannt

Zuschauer: 7.000-10.000

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