10.08.2022
Museum

Historie: Die Eintracht und Real Madrid

Die Eintracht und Real: Das ist eigentlich eine ausgeglichene Angelegenheit. Schaut man in die Historie, findet man einen Sieg, zwei Unentschieden und eine Niederlage. Und doch ist da so viel mehr.

Denn ein Aufeinandertreffen beider Mannschaften hat Fußballgeschichte geschrieben. Aber zunächst zur Statistik. Und da fangen wir mit den Erfolgen an: Am 7. August 1983 traf die SGE im Rahmen des Zanussi-Pokals in Udine auf Real Madrid. Vor 30.000 Zuschauern brachte Jan Svensson die SGE in der 22. Minute in Führung, Charly Körbel erhöhte kurz nach der Pause auf 2:0. Für die „Königlichen“ reichte es gegen die SGE nur noch zum Ehrentreffer, den erzielte San Jose in der 83. Minute.

Ticket vom Spiel gegen Real Madrid im Jahr 1971.

Daneben gab es zwei Unentschieden gegen Real. Viele werden sich an die Saisoneröffnung 2008 erinnern, als es am 12. August im Frankfurter Stadion zum Freundschaftsspiel kam. 50.800 Fans kamen und staunten nicht schlecht, als Habib Bellaid die SGE in der 7. Minute in Führung brachte. In der 71. Minute gelang den Gästen durch Robinho der Ausgleich. Ein weiteres Unentschieden gab es am 22. September 1971. Heute schwer vorstellbar: Damals spielte eine Städtemannschaft mit Spielern von Kickers Offenbach und der SGE gegen Real Madrid. Die Partie endete 2:2, die Tore für Frankfurt/Offenbach erzielten Thomas Parits und Erwin Kostedde, für Real traf zweimal Amancio.

Das Jahrhundertspiel

Denkt man an die SGE und Real, denkt man aber trotz des Sieges von 1983 und trotz der kuriosen Städtemannschaft von 1971 letztlich nur an ein Spiel: Das Endspiel um den Europapokal 1960. Damals traf die Eintracht im Hampden Park in Glasgow auf den Serien-Europapokalsieger. 1956, 1957, 1958 und 1959 hatte Real den Henkelpott gewonnen, gegen die Eintracht sollte der fünfte Sieg in Folge gelingen.

Dass die Eintracht das Finale erreicht hatte, war 1960 eine große Sensation. Für deutsche Mannschaften war im Europapokal in der Regel spätestens im Viertelfinale Schluss. Doch die SGE schaffte im Halbfinale die Sensation und besiegte die Glasgow Rangers mit 6:1 und 6:3. Während die Rangers eine Profimannschaft waren, waren Fußballer in Deutschland noch Amateure. Und so verdiente die Eintracht-Mannschaft ihr Geld noch mit seriösen Berufen: Erwin Stein betrieb einen Tabakladen, Richard Kreß hatte im Oeder Weg eine Drogerie, Alfred Pfaff an der Hauptwache eine Kneipe, Dieter Stinka arbeitete bei der Post, Hansi Weilbächer bei der Hoechst AG  – und Torhüter Egon Loy bei der Metallgesellschaft. Und nun stand diese Truppe im Endspiel gegen die Weltauswahl aus Madrid. Die Namen von Real kannte jeder Fußballfan: Puskas, di Stefano, Santamaria, del Sol.

127.621 Fans, darunter einige Tausend aus Frankfurt, strömten am Abend des 18. Mai 1960 in den Hampden Park. Das ist bis heute Rekord für ein Endspiel im Europapokal der Landesmeister. Die Schotten hatten die Eintracht im Halbfinale als faire Mannschaft kennengelernt, so lagen die Sympathien des Publikums beim krassen Außenseiter. Und dann das: Die Eintracht startete wie die Feuerwehr und kam in den ersten Minuten zu guten Chancen. In der 18. Minute erzielte Richard Kreß die Führung. Das Stadion tobte.

Richard Kress erzielt das 1:0.

Doch nach und nach kam Real besser ins Spiel, die abgebrühten Profis setzten sich immer mehr durch und kamen in der 27. Minute durch di Stefano zum Ausgleich. Zwei Minuten später erzielte di Stefano die Führung, mit dem Halbzeitpfiff erhöhte Puskas auf 3:1.

Mein Gegenspieler Santamaria hat mich im Zweikampf manchmal fast ausgezogen.

Erwin Stein

Erwin Stein staunt noch heute über die aggressive Spielweise der Madrilenen, die man in Deutschland nicht kannte. „Und wir hatten natürlich einen Riesenrespekt vor den Weltstars.“ Direkt nach Wiederanpfiff bekam Real vom Schiedsrichter einen Elfmeter geschenkt, der von Puskas humorlos zum 4:1 verwandelt wurde.

Damit war die Messe gelesen, aber die Eintracht stürmte mutig weiter. In der 60. und 70. Minute erhöhte wiederum Puskas auf 6:1, ehe Erwin Stein in der 72. Minute einen weiteren Eintracht-Treffer erzielen konnte. Di Stefano erzielte in der 74. Minute das 7:2. Doch den Schlusspunkt setzte die Eintracht. In der 75. Minute traf Erwin Stein zum 3:7 und erzielte damit seinen zweiten Finaltreffer. Heute lacht er darüber und sagt: „Zwei Tore in einem Europapokalfinale gegen Real – das haben nicht viele gemacht.“

Szene aus dem Europapokalfinale 1960.

Dass das Spiel vom 18. Mai 1960 ein historisches war, merkten an diesem Tage alle im Stadion. Als Real den Pokal zum fünften Mal in Folge überreicht bekam, standen die Eintracht-Spieler im Spalier auf dem Platz und applaudierten dem Gegner. „Ich hätte meinem Gegenspieler am liebsten den Kopf abgerissen“, lacht Erwin Stein, „aber Paul Oßwald hat uns zusammengetrommelt und gesagt, ihr stellt Euch jetzt da hin und applaudiert.“ Direkt nach Schlusspfiff aber hatte sich Richard Kreß, der Schütze des 1:0, auf den Weg zum Schiedsrichter gemacht – und diesem den Ball abgeluchst. Beim abendlichen Bankett ließ Kreß den Ball von den Spielern unterschreiben. Den Ball hütete Richard Kreß bis zu seinem Tod 1996.

Der Ball vom Spiel gegen Real Madrid 1960.

Kurz vor der Eröffnung des Eintracht-Museums hat uns Richards Frau Inge den Ball übergeben. Dieser Ball ist einer der ganz großen Schätze unseres Museums. 2008, beim Saisoneröffnungsspiel, kamen die Offiziellen von Real Madrid ins Museum und fragten, ob sie den Ball für ihr Museum bekommen könnten. Schließlich sei der Sieg von 1960 ja der fünfte Titel in Folge für die Königlichen. Präsident Peter Fischer hat damals ein Machtwort gesprochen: Der Ball ist unverkäuflich.

Mit dem heutigen Spiel um den UEFA Supercup in Helsinki schreiben wir nun ein neues Kapitel in der gemeinsamen Historie beider Vereine.

Mittwoch, 18. Mai 1960

Eintracht Frankfurt - Real Madrid 3:7

SGE: Loy, Lutz, Höfer, Weilbächer, Eigenbrodt, Stinka, Kreß, Pfaff, Lindner, Meier, Stein

Madrid: Domínguez, Marquitos, Santamaría, Pachín, Vidal, Zárraga, Canário, del Sol, di Stéfano, Puskás, Gento

Schiedsrichter: Mowat (Schottland)

Tore: 1:0 Richard Kreß (18.), 1:1 Alfredo di Stéfano (27.), 1:2 Alfredo di Stéfano (29.), 1:3 Ferenc Puskás (45.), 1:4 Ferenc Puskás (56., Elfmeter), 1:5 Ferenc Puskás (60.), 1:6 Ferenc Puskás (70.), 2:6 Erwin Stein (72.), 2:7 Alfredo di Stéfano (73.), 3:7 Erwin Stein (75.)

Zuschauer: 127.621

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