16.05.2022
Museum

Historie: Die Eintracht und die Glasgow Rangers

Vor dem Spiel am Mittwoch spricht alle Welt vom Traumfinale, und was sollen wir sagen: Recht hat sie, die Welt! Die gemeinsame Historie beider Vereine beginnt im Jahr 1960 - gleich mit einem Highlight.

Die Eintracht und die Rangers sind zwar noch nicht oft aufeinandergetroffen, aber die Treffen sind in nachhaltiger Erinnerung geblieben und waren für beide Vereine prägend. Gleich das erste Spiel gegen die Rangers wurde auf Frankfurter Seite zum Mythos. Im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister 1959/60 traf die Eintracht auf die damals schier übermächtigen schottischen Fußballprofis der Glasgow Rangers. In Deutschland gab es noch keinen Profifußball, unsere Spieler gingen unter der Woche einem seriösen Beruf nach und trainierten nach Feierabend. Bis heute schwärmen alte Eintrachtler vom besten Spiel, das die Eintracht jemals gemacht hat (seit 2018 wird allerdings auch das Pokalfinale noch ergänzend erwähnt). Gegen die Rangers siegte die Eintracht an jenem 13. April 1960 vor 77.000 begeisterten Fans mit sage und schreibe 6:1. Das Spiel ging jedoch ernüchternd los: In der 8. Minute verschoss Richard Kreß einen Elfmeter. In der 28. Minute gelang Dieter Stinka die Frankfurter Führung, die postwendend durch Caldow per Strafstoß ausgeglichen wurde. Doch im zweiten Durchgang spielte sich die Eintracht in einen Rausch: Pfaff (2), Lindner (2) und Stein sorgten für den Kantersieg der SGE.

Eintrittskarte vom Heimspiel des Europapokal-Halbfinales 1960 gegen die Glasgow Rangers.

Und wir wollen hier nicht verschweigen, dass die Presse und die Eintracht in den folgenden Tagen nicht nur die Spieler überschwänglich lobte, sondern auch die Fans: Die hatten nämlich zuhauf ihre übrig gebliebenen Silvester-Raketen mitgebracht und nach den Toren immer wieder abgefeuert. Das Feuerwerk kam bei den Medien gut an und selbst in der Vereinszeitung der Eintracht konnte man lesen: „Eine Viertelstunde vor Spielbeginn – das Vorspiel war aus – kochte dann das Stadion wie ein Kessel Wäsche oder besser noch wie der Krater eines Vulkans. Rauchschwaden, Raketen, Leuchtkugeln, bengalisches Feuer, wogende Massen und schließlich der große Ausbruch der Stimmorkane machten die Illusion fast zur gespenstischen Wirklichkeit – ein surrealistisches Bild. Der Lautsprecher sprach von kleinen Waldbränden und beschwor zahlreiche Menschen, die in die Lichtmasten gestiegen waren, wegen Lebensgefahr herunterzukommen. Vergeblich. Nun stiegen noch mehr gen Himmel.“ Geldstrafen gab es damals für das Feuerwerk übrigens keine, nur viel Lob von allen Seiten.

Szene aus dem Heimspiel des Europapokal-Halbfinales gegen die Glasgow Rangers am 13.04.1960.
Mittwoch, 13. April 1960

Eintracht Frankfurt - Rangers Football Club 6:1

SGE: Loy, Höfer, Weilbächer, Eigenbrodt, Lutz, Stinka, Kreß, Pfaff, Lindner, Meier, Stein

Rangers: Niven, Caldow, Little, Baird, Paterson, Murray, Scott, Stevenson, McMillan, Miller, Wilson

Schiedsrichter: Lindberg (Schweden)

Tore: 1:0 Stinka (28.), 1:1 Caldow (29., Elfmeter), 2:1 Pfaff (52.), 3:1 Pfaff (55.), 4:1 Lindner (73.), 5:1 Lindner (84.), 6:1 Stein (87.)

Zuschauer: 77.000

Fair Play im Rückspiel

Nach dem sensationellen Hinspiel gewann die Eintracht auch das Rückspiel in Glasgow, diesmal mit 6:3. Lindner, Pfaff (2), Kreß und Meier (2) trafen am 5. Mai 1960 für die SGE, die Rangers-Tore erzielten McMillan (2) und Wilson. Nach Abpfiff staunten die Spieler nicht schlecht: Das Publikum applaudierte der SGE, die Mannschaft musste im Ibrox-Park eine Ehrenrunde laufen. Und als die Spieler an den Spielertunnel kamen, hatten sich da die Rangers im Spalier aufgestellt und applaudierten den Frankfurtern ebenfalls. Dies Geste des britischen „Fair Play“ kannte man in Deutschland nicht, sie beeindruckte Spieler, Fans und Medienvertreter, die in den Folgetagen ausführlich darüber berichteten. Neben dem vielen Applaus bekam Alfred Pfaff vom Rangers-Direktor John Wilson übrigens noch einen englischen Bowler, kurz „Koks“, auf dem Tablett serviert, der Hut hatte es Alfred angetan – und er wollte ihn unbedingt haben. Der signierte „Koks“ ist heute im Eintracht-Museum ausgestellt.

Die Spieler der Eintracht freuen sich in Glasgow über den Sieg.
Donnerstag, 5. Mai 1960

Rangers Football Club - Eintracht Frankfurt 3:6

Rangers: Niven, Caldow, Little, Davis, Paterson, Stevenson, Scott, McMillan, Miller, Wilson, Baird

SGE: Loy, Lutz, Höfer, Weilbächer, Eigenbrodt, Stinka, Kreß, Pfaff, Lindner, Meier, Stein

Schiedsrichter: Lööw (Schweden)

Tore: 0:1 Lindner (8.), 1:1 McMillan (12.), 1:2 Pfaff (20.), 1:3 Kreß (27.), 2:3 McMillan (53.), 2:4 Meier (67.), 2:5 Meier (69.), 3:5 Wilson (73.), 3:6 Pfaff (88.)

Zuschauer: 69.000

Das Finale im Europapokal der Landesmeister haben wir dann gegen Real Madrid knapp verloren, aber das ist ja heute hier nicht Thema. Kurz erwähnen möchten wir aber zwei Sachen: Zunächst einmal die Tatsache, dass das Spiel im Hampden Park in Glasgow stattfand, und zwar vor 127.621 Zuschauern, bis heute Zuschauerrekord für ein Champions League-Finale. Die Eintracht kannte man aufgrund der Halbfinalspiele und das Team hatte die Sympathien der Schotten. Und nach der Niederlage haben sich die Spieler der Eintracht im Spalier aufgestellt und Real Madrid applaudiert. Eintracht-Trainer Oßwald hatte die Geste der Rangers nach dem Halbfinale so beeindruckt, dass er seine Truppe rechtzeitig zusammentrommelte und um Aufstellung bat. Mit dem Abstand von 50 Jahren hat uns Erwin Stein 2010 gestanden, dass er seinem Gegenspieler damals am liebsten „den Kopp abgerissen hätte“, da er während dem Spiel recht unfair gewesen sei. Aber auch Erwin hielt sich an die Anweisungen des Trainers und applaudierte freundlich mit. Wir sind sehr froh, dass Erwin und die anderen sich an die Anweisung des Trainer gehalten haben, denn der Applaus für Real Madrid brachte unserem Verein weitere Sympathien.

Und ganz ernsthaft, liebe Leserinnen und Leser: Wenn Sie mal in Schottland Urlaub machen, gehen Sie in einen Pub und sagen den alten Herren hinten am Tresen, dass Sie aus Frankfurt sind. Sie werden Respekt ernten und anerkennende Worte für die Eintracht, die in Schottland bis heute einen fabelhaften Ruf genießt.

Zuschauerrekord im Freundschaftsspiel

Programm vom Freundschaftsspiel gegen die Rangers im Jahr 1961.

Bevor wir jedoch zu viel von 1960 schwärmen, widmen wir uns einem weiteren denkwürdigen Spiel gegen die Rangers, das am 17. Oktober 1961 stattfand. Im Hampden-Park trafen die SGE und die Rangers zur „Revanche“ für 1960 aufeinander. In einem Freundschaftsspiel, das anlässlich der Flutlichteinweihung ausgetragen wurde. Das Besondere? Einmal mehr die Zuschauerzahl. 104.679 Zuschauer wollten das Aufeinandertreffen der Rangers und der Eintracht live sehen, das bedeutete Zuschauerrekord für ein Freundschaftsspiel. Und wieder lieferte die SGE ein tolles Spiel. Bereits in der 8. Minute brachte Richard Kreß die Mannschaft in Führung, zehn Minuten später erhöhte Lothar Schämer auf 2:0. Kurz nach der Pause sorgte Hermann Höfer mit seinem Treffer zum 3:0 für die Vorentscheidung. Doch die Rangers kamen noch einmal heran, Harold Davis traf gleich zweimal. Aber mit Glück, einer hervorragenden Abwehrleistung und einem bärenstarken Torhüter Egon Loy brachte die Eintracht den knappen Vorsprung über die Zeit.

Hermann Höfer trifft im Freundschaftsspiel gegen die Rangers zum 0:3.

„Das Spiel hatte keine Pause, es gab keine ruhige Minute. Ich glaube, dass wir so viel gelaufen sind, wie sonst in zwei Spielen. Die Anfeuerung durch das Publikum war einmalig“, zeigte sich Eintracht-Stürmer Erwin Stein beeindruckt. Die engen Bande, die die Eintracht und die Rangers 1960 geknüpft hatten, wurden beim abendlichen Bankett weiter gepflegt, wie der „Neue Sport“ zu berichten wusste: „Bei dieser Gelegenheit zeigte sich aufs Neue die Freundschaft zwischen den beiden Vereinen. Alfred Pfaff, der mit von der Partie war, erhielt von seinem Freund Jonny Wilson jr., dem Sohn des Rangers-Präsidenten, einen neuen steifen Hut, diesmal in brauner Farbe. Die Eintrachtspieler mussten mit ihrem Vorsänger Hans Weilbächer das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute..." anstimmen, und die Glasgower stimmten ihre Rangers-Hymne an. Als das glanzvolle Bankett vorüber war, ging die Verbrüderung weiter. Mittelläufer Patterson, Mittelstürmer Miller und der Kapitän der Rangers-Reserve saßen mit Hermann Höfer, Eberhard Schymik und Egon Loy noch lange im St.-Enoch-Hotel zusammen.“

Dienstag, 17. Oktober 1961

Rangers Football Club - Eintracht Frankfurt 2:3

Rangers: Ritchie, Shearer, Caldow, Davis, Patterson, Baxter, Scott, McMillan, Miller, Brand, Wilson

SGE: Loy, Lutz, Höfer, Weilbächer, Eigenbrodt, Schymik, Stinka, Kreß, Stein, Kreuz, Schämer

Schiedsrichter: Davidson

Tore: 0:1 Kreß (8.), 0:2 Schämer (17.), 0:3 (49.) Höfer, 1:3 (52.) Davis, 2:3 (55.) Davis

Zuschauer: 104.679

Das vorerst letzte Spiel gegen die Rangers war ebenfalls ein Freundschaftsspiel am 9. August 1967, welches im Rahmen der Saisonvorbereitung stattfand. Diesmal kamen 60.000 Fans in den Glasgower Ibrox-Park und diesmal siegten die Schotten. Die Führung erzielte Penman in der 9. Minute, drei Minuten später unterlief Günter Keifler ein Eigentor. Wolfgang Solz konnte nach 25 Minuten auf 2:1 verkürzen, doch noch vor der Pause erzielte Alex Ferguson das 3:1 für die Rangers. Auch nach dem Seitenwechsel blieben die Schotten das dominante Team, Ferguson und Persson erhöhten auf 5:1. Zumindest auf 5:3 kam die Eintracht noch heran, Wolfgang Solz traf noch zweimal. Doch am Ende unterlag die Eintracht dem Gastgeber, die bislang einzige Niederlage unserer SGE gegen die Rangers. Summa summarum stehen diesem verlorenen Freundschaftsspiel allerdings drei glanzvolle Auftritte gegenüber. Und ein Torverhältnis von 18:11. Das lässt uns optimistisch auf das Europa League-Finale am kommenden Mittwoch blicken.  AUF JETZT!

Mittwoch, 9. August 1967

Rangers Football Club - Eintracht Frankfurt 5:3

Rangers: Sörensen, Johansen, Provan, Jardine, McKinnon, Greig, Henderson, Penman, Ferguson, D. Smith, Johnstone

SGE: Tilkowski, Jusufi, Keifler, Friedrich, Wirth, Sztani, Bechtold, Grabowski, Huberts, Solz, Lotz

Schiedsrichter: J. H. Paterson

Tore: 1:0 Penman (9.), 2:0 Keifler (12., Eigentor), 2:1 Solz (24.), 3:1 Ferguson (41.), 4:1 Ferguson (52.), 5:1 Persson (61.), 5:2 Solz (82.), 5:3 Solz (84.)

Zuschauer: 60.000

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