30.11.2020
Museum

Einfach nur Diego

Maradona ist und war allgegenwärtig. Zeitweise auch in Frankfurt. Ehemalige und aktuelle Adlerträger sowie ein langjähriger enger Vertrauter aus Frankfurt erinnern sich.

Es ist der 27. Januar 2001, die Eintracht verliert zu Hause 1:5 gegen den 1. FC Köln. Auch wenn die Eintracht an diesem Abend auf dem Platz nicht für Furore sorgt, zieht zumindest ein besonderer Gast auf der Tribüne des Waldstadions die Aufmerksamkeit auf sich: Diego Maradona. Den Schal, den Maradona auf den Aufnahmen seines Besuches trägt, hatte er extra vor dem Spiel gemeinsam mit seinem Freund und Berater Angelo Brizzi, einem Frankfurter Gastronomen, auf dem Stadiongelände gekauft. Zu ihm sagte Diego auch, nach dem die ersten fünf Minuten des Spiels vorüber waren: „Ihr werdet heute mit zwei, drei Toren Unterschied verlieren.“ Maradona meint es halb im Spaß, um den Freund zu ärgern, halb ernst und sollte am Ende Recht behalten. Nach fünf Minuten hatte es übrigens noch 0:0 gestanden. Der Grund für Maradonas Besuch in Deutschland war der am späteren Abend geplante Auftritt in der Unterhaltungsshow „Wetten, dass…“, den er mit einem Besuch in Frankfurt verband.

Maradona zu Besuch im damaligen Waldstadion.

Maradonas Vertrauter in Frankfurt

Seine Besuche in Deutschland und Europa nutzte Maradona regelmäßig, um in das Lokal seines Freundes Angelo einzukehren. Nach seinem Lieblingsgericht musste ihn der Gastronom nicht mehr fragen, er kannte seinen Geschmack: Pasta Aglio, Olio e Pepe­ron­cino und viel Fisch beispielsweise.

Maradonas Besuch war freilich eine Meldung wert.

Angelo Brizzi und Diego Maradona lernten sich Ende der 1980er Jahre kennen. Natürlich brachte der Fußball die beiden zusammen. Brizzi organisierte mit Willi Konrad, einem ehemaligen Fußballfunktionär, ein Freundschaftsspiel zwischen dem Hamburger SV und dem SSC Neapel. An diesem sollte Maradona natürlich teilnehmen. Um ihn zu überzeugen, reiste Brizzi damals, den Vertrag auf Spanisch zum Unterschreiben schon in der Tasche, zu Maradona und konnte ihn tatsächlich für das Spiel gewinnen. Über seine erste Begegnung mit ihm sagt Brizzi: „Zwischen uns hat von Anfang an die Chemie gestimmt. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick.“ Eine Freundschaft, die bis zuletzt Bestand hatte. Maradona, so sagt er, war wie ein Bruder für ihn. Die beiden sahen sich kurz vor der Weltmeisterschaft 2018 in Russland das letzte Mal persönlich, zuletzt sprachen sie kurz vor Maradonas Gehirn-OP. Drei Wochen danach, am 25. November, starb Diego Maradona im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt.

Glanz und Gloria auf dem Platz

Diego Armando Maradona wurde am 30. Oktober 1960 in Lanus in Argentinien geboren. Sein Debüt im Profifußball gab er am 20. Oktober 1976 im Trikot von Argentinos Juniors, seine Tricks und Dribbelkünste eilten ihm schon damals voraus. Im roten Dress der Juniors wurde er fünf Mal Torschützenkönig, jedoch nie Argentinischer Meister. Das gelang ihm 1981 nach seinem Wechsel zu den Boca Juniors. 1982 ging es für Maradona dann nach Europa zum FC Barcelona und 1984 nach Italien zum SSC Neapel. Als Maradona zu Napoli wechselte, war er für den Verein und seine Fans im wirtschaftlich schwachen Süden Italiens so etwas wie der Heilsbringer, um dem reicheren Norden nun auch auf dem Platz Paroli zu bieten. 70.000 Fans begrüßten ihn bei seiner Vorstellung im Stadion.

Der Plan, mit Neapel die italienische Meisterschaft zu holen, ging, wenn auch mit einiger Verzögerung, auf. Der SSC Neapel gewann mit ihm 1986/87 den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte, 1990 folgte der zweite und bis dato letzte. 1986 wurde Maradona zudem Weltmeister mit Argentinien, eines seiner Tore im Viertelfinale gegen England machte er mit der berühmten „Hand Gottes“, ein selbsterfundener Begriff, das zweite Tor ging als Jahrhundert-Solo in die Geschichtsbücher ein. Allein das machte ihn bereits Zeit seines Lebens zur Legende.

Angelo Brizzi sagt über Maradonas Zeit in Italien: „Neapel war sein Herz.“ Adlerträger Amin Younes spielte 2018 bis 2020 ebenfalls für Neapel und er bestätigt: „Maradona ist in Neapel der Allergrößte. Die Menschen lieben ihn immer noch, ihm begegnet man überall in der Stadt.“ 1989 folgte der UEFA-Cup-Sieg gegen den VfB Stuttgart. Als Maradona 1989 mit Neapel im UEFA-Cup-Halbfinale gegen den FC Bayern in München antrat, absolvierte Maradona ein mittlerweile legendäres Aufwärmprogramm. Zu dem Opus-Klassiker „Live Is Life“ bot er den Zuschauern für einige Minuten eine wahre Show. „Maradona ging auf den Platz, hielt den Ball hoch, schoss ihn in die Luft, stoppte ihn wieder mit dem Spann oder fing ihn mit dem Nacken auf. Das war toll mit anzusehen und dieses Warm-up reichte, um anschließend zwei Tore zu schießen“, erzählt Marc Hindelang, Pressesprecher von Eintracht Frankfurt, der ihn seinerzeit im Münchner Olympiastadion hautnah erlebte.

Ein Pflichtspiel zwischen der Eintracht und einem Maradona-Verein hat es zwar nie gegeben. Aber Ronald Borchers, Eintrachts Markenbotschafter, begegnete ihm bei einem Freundschaftsspiel zwischen seinem damaligen Klub Grasshopper Zürich und Argentinien im Vorfeld der WM 1986. Borchers erzählt: „Die Ansage war, dass Maradona auf keinen Fall etwas passieren darf. Also waren wir in den Zweikämpfen vorsichtig, es ging ja um nichts.“ An seiner Seite auf dem schlammigen Platz in Zürich spielte übrigens auch Martin Andermatt, Ex-Coach der Adlerträger. Borchers ergänzt voller Anerkennung über Maradonas Karriere: „Er hat Dinge gemacht, die nicht von dieser Welt waren. Diese Momentaufnahmen mit Maradona waren außerirdisch. Er hat alles umspielt, die Mannschaftskollegen eingesetzt, selbst Tore erzielt – einfach unglaublich. Die Art und Weise, wie er Fußball gespielt hat, war außergewöhnlich. Ein Außerirdischer, an den sich noch Generationen nach uns erinnern werden.“

Was bleibt

Sein wollte Maradona im Grunde immer nur Diego. Das bestätigte auch Angelo Brizzi in einem gemeinsamen Gespräch: „Den Diego Maradona, den die Öffentlichkeit kennt, ist nur eine Facette von ihm. Er war so viel mehr als Sex, Drugs und Rock ‘n Roll, mehr als das, was die Presse über ihn berichtet hat.“ Was Brizzi damit vor allem meint, ist, dass Diego Maradona nie vergaß, wo er herkam und sich Zeit seines Lebens für die Armen und Schwachen einsetze. Ein Engagement, das er öffentlich so gut wie nie zur Schau stellte. Angelo Brizzi erinnert sich im Zuge dessen besonders gerne an ein Ereignis, dass sich im Anschluss an den Besuch im Waldstadion und bei „Wetten dass…“ ereignete. Maradona ließ die Kinderabteilung in einem Frankfurter Kaufhaus leer kaufen. Die Aktion in Frankfurt war keine einmalige, Maradona machte das in vielen weiteren Städten und ließ die Kleidung dann nach Südamerika schicken, an die Kinder, die es brauchten.

Was bleibt also von Diego Maradona? Er ist der Goldjunge, die Hand Gottes, für viele war und ist er der größte Fußballer aller Zeiten. Das bestätigt auch Andreas Möller, der Maradona bei im WM-Finale 1990 spielen sah: „Es war toll für mich, einen der besten Spieler der Welt so nah erleben zu dürfen. Diego Maradona hat den Fußball geprägt und sein Können war Vorbild für viele Nachwuchsfußballer. Er hat mich inspiriert und natürlich hat man ihm auf dem heimischen Bolzplatz auch gerne nachgeeifert.“ Maradona war ein fußballerisches Genie, ein Stehaufmännchen auf und neben dem Platz, einer der den Fußball brauchte, genau wie der Fußball ihn.

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