13.10.2021
Museum

Eine Reise nach Weimar und Buchenwald

Die zweite Spurensuche des Museums und der Fanbetreuung führt nach Weimar und Buchenwald. Ein Erfahrungsbericht in drei Teilen.

Nachdem 2019 die erste Spurensuche, initiiert vom Eintracht Museum und der Fanbetreuung unter tätiger Mithilfe des Fritz Bauer Instituts, Fans der Eintracht ins einstige Ghetto Theresienstadt führte, bildete der Abschluss des zweiten Teils eine Fahrt nach Weimar beziehungsweise ins nahe gelegene ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Die schon länger geplante Reise musste wegen Corona mehrmals verschoben werden. Am Morgen des 8. Oktober ist es endlich soweit. Ein Pkw sowie ein Reisebus setzen sich gegen 11 Uhr am Eintracht Museum in Bewegung, 20 erwartungsvolle Mitfahrende an Bord.

Vor Ort werden sich noch zwei weitere Teilnehmer zur Reisegruppe gesellen. Gute 280 Kilometer Fahrt warten auf die Beteiligten – und das zu erwartende Programm ist eng getaktet. Neben einer Stadtführung durch Weimar direkt nach der Ankunft steht in der Früh des nächsten Morgens der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers an. Für den Abschluss der Reise sieht die Planung einen Abstecher zur Gedenkstätte am Glockenturm in Buchenwald vor, ehe die Heimreise am Sonntag wieder nach Frankfurt führen wird. Mit an Bord sind neben Matze und Beve vom Museum auch Nadine und Julian von der Fanbetreuung sowie Martin Liepach vom Fritz Bauer Institut und Stefan Minden, Vizepräsident des Vereins, der sich schon jahrelang mit der Shoah und deren Folgen beschäftigt.

Teil eins: Weimar

Noch vor Abfahrt des Busses lässt es sich Helmut „Sonny“ Sonneberg nicht nehmen, die Reisegruppe höchstpersönlich zu verabschieden. Sonny, der als Kind selbst nach Theresienstadt verschleppt wurde und das Ghetto überlebte, hatte die Teilnehmer der ersten Spurensuche damals als Zeitzeuge begleitet. Diesmal bleibt er aus privaten Gründen in Frankfurt, in Gedanken aber reist er mit.

Nach knapp fünf Stunden unaufgeregter Fahrt geht es wohlbehalten in die Unterkunft, der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte in Weimar, nur wenige Minuten Fußweg von der Weimarer Innenstadt entfernt. Liegt die Rezeption direkt an der Hauptstraße, so befinden sich die Unterkünfte einige Schritte dahinter idyllisch versteckt im Park. Der Reisetross bezieht nicht nur die Zimmer, sondern auch die Betten und keine halbe Stunde später treffen sich alle wieder an der Rezeption. Während viele noch rätseln, wann der Guide erscheint, sitzt Stadtführerin Diana Schmidt lächelnd auf der Mauer und gibt sich zu erkennen. Los geht’s!

Knapp 66.000 Menschen leben heute in und um Weimar. Und fast alle sind dieser Tage gekommen. Findet doch just an diesem Wochenende der Weimarer Zwiebelmarkt statt, ein Volksfest, bei dem sich alles um die Zwiebel dreht. Es wären sicher noch mehr, hätte das Fest nicht, wie so vieles, unter strengen Coronaauflagen zu leiden. Die Besuchsgäste lassen die Zwiebel jedoch zunächst links liegen und wandern über die Ilm ans nahe gelegene Stadtschloss. Natürlich hatte auch hier der alte Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe seine Finger im Spiel, den es im Alter von 26 Jahren nach Weimar verschlagen hatte. Es ist ja auch ein herausgeputztes Städtchen, in dem sich nichts einfach so ändern lässt. Über allem wacht nämlich heutzutage der Denkmalschutz.

Tausendsassa Goethe dichtete nicht nur den lieben langen Tag. Er widmete sich auch der Farbenlehre wie den Damen; und als es darum ging, das in die Jahre gekommene Stadtschloss wieder aufzubauen, gehörte er federführend der Schlossbaukommission an – und feierte 1796 das Richtfest. Ein Wunder, dass das Schloss nicht nach ihm benannt ist. Nebenan befindet sich die einstige Bastille, im Vorderhaus wohnten die Minister. Man hatte es also nicht weit. Der Herr von Goethe war gut bekannt mit der Herzogin Anna Amalia, nach der die hiesige Bibliothek benannt ist. Die Herzogin war eine große Förderin der Bibliothek, die einst im Stadtschloss ihre Heimat hatte, dann ein paar Meter weiter ins Grüne Schloss zog – und bis heute für Jedermann und Jederfrau offensteht. 2004 kam es dort zu einem großen Brand, just als die Bücher in ein neues, sicheres Lager umziehen sollten. Der Wind trieb die Blätter durch die ganze Stadt, derweil die Weimarer Bürger bemüht waren, die literarischen Schätze vor dem Verfall zu retten und sie händisch wieder einsammelten. Dennoch fielen etliche Werke dem Feuer zum Opfer und sind unwiederbringlich verloren. Die Restaurierungsarbeiten der geretteten Schriften werden noch Jahrzehnte dauern.

Die andächtige Wanderung führt anschließend an einem Ginkgobaum hinter der Musikhochschule vorbei, einem Naturdenkmal, welches selbst Goethe schon kannte und natürlich bedichtete, und schließlich in die Seifengasse. Dort wohnte Charlotte von Stein, die mit Goethe verbandelt war. Dieser zog es jedoch nach seinem Italienaufenthalt vor, sich die Zeit mit der so gar nicht standesgemäßen Putzmacherin Christiane Vulpius zu vertreiben, einige Nachkommen zu zeugen und seine neue Freundin 1806 schließlich zu ehelichen. Dies vergrätzte Charlotte von Stein derartig, dass sie sich nach dem Tod der nun Frau von Goethe verbat, dass der Weg des Trauermarschs an ihrem Haus vorbeiführte. Daran änderten auch die 1770 Briefe nichts, die Johann Wolfgang ihr einst geschrieben hatte. Dabei konnte er doch stets auf einen Sprung bei ihr vorbeischauen, liegt doch sein Wohnhaus nur wenige Schritte entfernt am anderen Ende der Seifengasse.

Auch Friedrich von Schiller war hier vor Ort ein ganz Großer. Deshalb gibt es hier auch eine Schillerstraße, ein Schillerhaus und ein Schillerkaufhaus. Und ein Schillerdenkmal. Und da Goethe ein guter Kumpel Schillers war, durfte dieser mit aufs Doppelstandbild. Dieses steht vor dem Nationaltheater, wo wiederum vom 6. Februar bis 11. August 1919 die Deutsche Nationalversammlung tagte, um die Reichsverfassung zu verabschieden. Daher auch der Name Weimarer Republik. Seinerzeit waren Goethe und Schiller jedoch bereits länger verstorben – und hatten ausnahmsweise nichts damit zu tun.

Nun treibt es die Gäste aus Frankfurt auf dem Marktplatz. Während mittlerweile auf dem Platz – und nicht nur dort – der Zwiebelmarkt die Weimarer auf die Gassen lockt, schrie in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auf dem Balkon des berühmtesten Hotels der Stadt, dem Hotel Elephant, Adolf Hitler unter dem Jubel der Menge seinen Hass in die Welt. Einen Hass, der Millionen das Leben kostete, darunter 56.000 Menschen in Buchenwald und dessen Außenlagern, keine zehn Kilometer entfernt. Nach einem Abstecher zu den Zwiebeln neigt sich auch der Stadtrundgang dem Ende entgegen, die Nacht legt sich über die Stadt und beginnt, die Leichtigkeit des Tages zu überdecken. Immerhin stößt noch der einstige Eintracht-Präsident Rolf Heller, der schon lange in Weimar zu Hause ist, dazu und spaziert anschließend mit der Truppe in die Unterkunft – fröhlich plaudernd aus dem Nähkästchen seiner Zeit im Herzen von Europa. Anschließend geht’s noch auf einen Absacker auf den Zwiebelmarkt. Damit endet der heitere Teil des Ausflugs – einmal davon abgesehen, dass ein ganzer Kasten Bier, gut versteckt unter den Bäumen des Parks, dem Abend noch den letzten Schliff gibt.

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