01.05.2018
Traditionsmannschaft

„Direkt eine Gänsehaut bekommen“

Manni Binz war zwischen Mai 1987 und März 1994 der Dauerbrenner der Frankfurter Eintracht. 246 Bundesliga-Spiele in Folge absolvierte der Libero in dieser Zeit über die volle Distanz. Auch im DFB-Pokal verpasste er als Adler keine einzige Minute und erlebte den Pokalsieg von 1988 vom ersten Anpfiff bis zum endgültigen Triumph. Mit der „Eintracht vom Main“ erinnert sich unser Tradi-Spieler an den bislang letzten Titelgewinn der SGE vor 30 Jahren.

Manni, wie muss man sich das als Außenstehender vorstellen: Nimmt man sich als Mannschaft zu Saisonbeginn konkret vor, den Pokal zu gewinnen, oder schaut man zunächst nur von Runde zu Runde?

Binz: Wir haben uns das damals definitiv nicht vorab als Ziel gesetzt. Außer den Bayern macht das glaube ich niemand. Man macht am Anfang seine Scherze, so nach dem Motto: jetzt haben wir noch fünf Spiele, dann sind wir im Finale und dann holen wir das Ding. Tatsächlich haben wir aber von Runde zu Runde geschaut. Das gilt jedenfalls für mich.

Wenn man sich eure einzelnen Pokalspiele 1987/88 ansieht, fällt auf, dass ihr durchweg Gegner aus der Ersten und Zweiten Bundesliga hattet. Keine Amateure. Die erste Runde im August 1987 begann für euch gar mit dem gleichen Gegner, den die aktuelle Elf jüngst im Pokal-Halbfinale ausgeschaltet hat: dem FC Schalke 04.

Binz: Das war gleich ein schwerer Auftakt. Leider habe ich an dieses Spiel aber kaum konkrete Erinnerungen. Ich weiß noch, dass Olaf Thon mit zwei Treffern unsere Führung ausgleichen konnte. Das Spiel stand auf der Kippe, am Ende haben wir aber mit 3:2 gewonnen.

Weiter ging es mit einem 3:0 und einem 1:0-Sieg gegen die Zweitligisten SSV Ulm und Fortuna Düsseldorf. Im Viertelfinale gegen Bayer Uerdingen hast du die Eintracht mit deinem Tor zum zwischenzeitlichen 3:2 auf die Siegerstraße gebracht…

Binz: Ein hartes Spiel, ja. Wieder ging es hin und her. Woran ich bei diesem Spiel zu allererst denken muss, ist das Ausgleichstor von Lajos Détári zum 1:1. Was für ein Treffer! Er hat zwei Mann am Sechszehner ausgetrickst und das Ding oben reingefeuert. Ein absolutes Traumtor. Mein eigener Treffer ist mir dagegen gar nicht mehr in Erinnerung. Ich weiß, dass ich das 3:2 erzielt habe, aber frag mich nicht wie. Vermutlich irgendwie reingestumpt (lacht).

Im Halbfinale ging es dann zum späteren Meister Werder Bremen. Ihr wart klarer Außenseiter. Wie ist dieses Spiel gelaufen?

Binz: Das weiß ich noch genau. Vorhin hast du gefragt, ob man sich das mit dem Pokalsieg vornimmt. Wenn ich auf den Pokalsieg 1988 zurückblicke und an dieses Spiel denke, weiß ich gar nicht, wie wir überhaupt ins Finale gekommen sind. Wir haben in Bremen gespielt, die waren Topfavorit. Es war ein Spiel auf ein Tor, wir standen brutal unter Druck. Wir hatten gefühlt eine Statistik von 3:28 Torschüssen, das muss man mal nachprüfen. Da waren mehrere 100-prozentige von den Bremern dabei. Uli Stein hat alles gehalten. Wirklich eine Wahnsinnsleistung, Note Eins Plus. Dann machen wir einen tollen Angriff über Dieter Schlindwein, der spielt in die Schnittstelle zu Frank Schulz, der damals einen super präzisen Spannschuss hatte. Frank macht das 1:0 und dann mussten wir das noch über die Zeit bringen.

Eine ganze Halbzeit lang …

Binz: Ja, das war brutal. Es ist mir wirklich in Erinnerung geblieben. Es gibt manchmal Spiele, die darfst du eigentlich gar nicht gewinnen. Mit vier Gegentreffern wären wir gut bedient gewesen.

Und dann ging es ins Endspiel gegen den VfL Bochum.

Binz: Es war ein Traum für uns, so weit gekommen zu sein. Pokalfinale. Berlin. Weißt du, was das heißt? Wow. Voll geil. Wir sind ein, zwei Tage vorher angereist und haben im Olympiastadion trainiert. Es war richtig sonnig und heiß. Du siehst das riesige Stadion und denkst: Morgen ausverkauft, da geht die Post ab. Du warst schon total fokussiert und hast allen Trubel um dich herum ausgeblendet. Ich brauchte unbedingt meine Ruhe vor dem Spiel. Am 28. Mai kamen wir raus zum Warmmachen und haben direkt eine Gänsehaut bekommen, als wir zum Block blickten mit 25.000 Eintracht-Fans. Was für ein Fahnenmeer. Ich hatte noch nie so viele Eintracht-Fans in einer Kurve gesehen. Klar war auch das Waldstadion bei besonderen Spielen ausverkauft, aber das Fassungsvermögen der Kurve war ja nicht mit Berlin zu vergleichen. So viele Fans auf einem Haufen, das war einfach stark. Dieses Bild hat sich mir total eingeprägt.

Wie hast du das Spiel erlebt?

Binz: Wir hatten gegen Bochum traditionell immer unsere Schwierigkeiten. Auch in der ersten Hälfte von Berlin wieder. Ich würde nicht sagen, dass der VfL ein Angstgegner war, aber wir hatten einen schweren Stand. Eigentlich haben wir auch das 0:1 durch Uwe Leifeld kassiert, was glücklicherweise aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition nicht gegeben wurde. Zu Unrecht, muss man sagen. Die Bochumer waren am Drücker und der Führung näher als wir. In der zweiten Halbzeit haben wir aber richtig aufgedreht und einige Torchancen erspielt. Wobei ich mich noch erinnere, dass Thomas Epp eine Riesenchance gegen uns hatte. Er stand mit dem Rücken zum Tor, hat sich schnell gedreht und knapp verzogen. Es blieb also beim 0:0. Unser Druck wurde größer und Lajos hat dann den entscheidenden Freistoß selbst herausgeholt. In dem Moment, als der Schiedsrichter gepfiffen hatte, dachte ich: der Lajos trifft, nur er kann den jetzt reinhauen. Freistöße waren ja sein Ding, er war Spezialist dafür. Und dann haut er das Ding tatsächlich oben in den Winkel rein. Weißt du, wie geil das war? Der Zeitpunkt war auch optimal, nur noch wenige Minuten auf der Uhr. Nicht so wie in Bremen.

Was ging in dir vor, als es geschafft war?

Binz: In der letzten Aktion des Spiels habe ich den Ball in Richtung Mittellinie geführt. Dann kam der Abpfiff und ich Eierkopp habe den Ball weggeschossen. Heute würde ich den schnell unter mein Trikot stopfen. Aber ich habe den Ball weit weg geschossen und bin in die Kurve zu den Fans. Dort habe ich dann auch noch direkt mein Trikot verschenkt. Ich habe also kein Andenken mehr (lacht). Aber das war ein absolutes Highlight. Mein einziger richtiger Titel. Ich bin auch mit Brescia Zweitliga-Meister in Italien geworden, aber das war nicht mit dem Pokalsieg vergleichbar.

Wie habt ihr den Titel gefeiert?

Binz: Am Abend ging es in Berlin erstmal ins Aktuelle Sportstudio bei uns im Hotel. Zusammen mit Charly Körbel, Uli Stein und Kalli Feldkamp. Beim Spiel selbst hatte ich noch einen ordentlichen Dreitagebart, fürs Sportstudio habe ich mich schön glattrasiert (lacht). Am nächsten Tag wurden wir mit Cabrios vom Flughafen in Frankfurt abgeholt und sind im Korso zum Römer gefahren. Dort haben wir uns ins Goldene Buch der Stadt eingetragen und uns von der begeisterten Menge vom Balkon aus feiern lassen. Das war ein unvergessliches Erlebnis. Das Geschäft ist sehr schnelllebig, aber Titel bleiben. Es wäre überragend, wenn wir 30 Jahre nach dem letzten Pokalsieg wieder den Pott nach Frankfurt holen würden. Das wäre eine dieser Stories, die nur der Fußball schreibt. Klar, Bayern ist haushoher Favorit. Aber im Pokal ist alles möglich, denk an unser Halbfinale damals in Bremen. Ein Finale hat erst recht seine eigene Dynamik.

Bilduntertitel:

Bild 1: Titel bleiben: Charly Körbel und Manni Binz feiern mit Frank Schulz und Dieter Schlindwein (v.l.n.r.) den letzten großen Pokal-Triumph der Eintracht vor 30 Jahren in Berlin (Foto: Klein)

Bild 2: Im zweiten Durchgang aufgedreht: Binz mit Offensivdrang gegen Bochums Frank Heinemann. Dieter Schlindwein (links) und Ralf Sievers (rechts) sichern nach hinten ab (Foto: Picture Alliance).

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