19.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Rumpelfußball, Suppenkasper, Weltmeister

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 7.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 7 berichtet von den Turnieren 1982 bis 1990. Bleiben Sie am Ball, das endet mit einem Titel!

Dreimal in Folge das WM-Endspiel erreichten bisher nur Deutschland (1982 bis 1990) und Brasilien (1994 bis 2002). 1986 und 1990 gab es sogar dieselbe Finalpaarung und 2014 standen sich Deutschland und Argentinien ein drittes Mal gegenüber! Brasilien gegen Italien gab es zweimal: 1970 und 1994. Soweit die Statistik.

Die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien

1982 gingen erstmals 24 Länder an den Start. Gespielt wurde in sechs Vierergruppen, danach dienten vier Dreiergruppen zur Ermittlung der Halbfinalisten. Seit 1978 war Jupp Derwall Bundestrainer, hatte 1980 den EM-Titel geholt und die Qualifikation für das Turnier in Spanien mit acht Siegen souverän gemeistert. Erstmals seit 1970 war England wieder dabei, dazu Schottland und Nordirland. Neuseeland hatte in der Qualifikation ein Mammutprogramm von 15 Spielen zu absolvieren.

Deutschland und Österreich mogelten sich mit einem „Nichtangriffspakt“ (1:0) über die Tordifferenz in die zweite Runde: Deutschland (+3), Österreich (+2) und Algerien (0) waren punktgleich. Nicht nur die algerischen Fan waren aufgebracht, die Zeitung „El Comercio de Gijon“ druckte den Spielbericht in den Polizeimeldungen als „mutmaßlichen Betrugsfall“ ab. Das kicker-sportmagazin verzichtete auf die übliche Einzelkritik, „da über weite Strecken ein Fußballspiel überhaupt nicht stattfand“. Den Spielern wurde außerdem vorgeworfen, „jeden Realitätssinn“ und „jede Verbindung zu denen, die sie bezahlen und für die sie spielen“ verloren zu haben.

Lange eine verlässliche Tradition: Eine WM-Platte unter Mitwirkung der deutschen Elf.

Der spätere Weltmeister Italien erreichte nach drei Remis die Zwischenrunde. Zum dritten Mal in Folge schied Schottland wegen der schlechteren Tordifferenz aus. Ungarn nutzte selbst der bis heute einzige zweistellige WM-Sieg nichts: 10:1 gegen El Salvador. Bei Frankreich gegen Kuwait (4:1) winkte Scheich Fahd al-Ahmad al-Dschabir as-Sabah, Sohn des kuwaitischen Staatsoberhaupts und Verbandspräsident Kuwaits, seine Mannschaft vom Feld und forderte die Annullierung eines Tores von Alain Giresse. Ein Pfiff von den Rängen habe die Spieler Kuwaits irritiert. Referee Stupar (UdSSR) knickte tatsächlich ein und wurde im Nachgang von der FIFA lebenslang gesperrt! Der Nordire Norman Whiteside unterbot indes mit 17 Jahren und 41 Tagen den seit 1958 von Pelé gehaltenen Rekord (17/234) des jüngsten WM-Spielers aller Zeiten.

In der zweiten Runde protestierten polnische Fans gegen die UdSSR (0:0) mit „Solidarnosc“-Bannern gegen das Kriegsrecht in ihrer Heimat. Titelverteidiger Argentinien schied gegen Italien (1:2) und Brasilien (1:3) aus. Paolo Rossi schoss die Azzurri gegen Brasilien (3:2) und Polen (2:0) fast im Alleingang ins Endspiel. Deutschland schaffte es nach einem 0:0 gegen England und 2:1 gegen Gastgeber Spanien vor dem Fernseher in die Runde der letzten Vier, da England auch gegen Spanien nicht traf: 0:0.

Das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich in Sevilla wurde überschattet durch den Bodycheck von Toni Schumacher gegen Patrick Battiston. Schumacher sah nicht einmal Gelb und zeigte keinerlei Reue („Sag ihm, ich zahl‘ ihm die Jacketkronen.“), was der deutschen Mannschaft die letzten Sympathien kostete. Dass in der Verlängerung ein 1:3 aufgeholt wurde und es das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte gab (5:4), war zweitrangig. Das Endspiel verlor die DFB-Elf dann jedoch sang- und klanglos mit 1:3 gegen Italien. Hardy Grüne und Dietrich Schulze-Marmeling zogen eine vernichtende Bilanz: „Sportlich weit gekommen, spielerisch weit verkommen, menschlich völlig verkümmert.“

Die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko

Nachdem Kolumbien aus finanziellen Gründen auf die WM 1986 verzichtet hatte, wurde Mexiko zum zweiten Mal nach 1970 WM-Gastgeber. Seit dem EM-Aus 1984 in Frankreich war Franz Beckenbauer Teamchef. Aber auch der „Kaiser“ konnte Wunder nicht auf Knopfdruck vollbringen, denn nach einem 5:1 in der Tschechoslowakei im April 1985 folgten sechs Spiele ohne Sieg. Ein Fiasko wurde die Goodwill-Tour nach Mexiko im Juni, da fast die gesamte Mannschaft von „Montezumas Rache“ heimgesucht wurde und gegen England (0:3) und den Gastgeber (0:2) verlor. Ein 0:1 in Stuttgart gegen Portugal im Oktober 1985 war die erste deutsche Niederlage in der WM-Qualifikation.

Während die DDR den Sprung nach Mexiko knapp verpasste, schaffte es Dänemark mit dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Sepp Piontek als Trainer erstmals zur WM. In den Playoffs setzte sich Belgien dank Auswärtstor gegen die Niederlande (1:0, 1:2) und Schottland gegen Australien (2:0, 0:0) durch. Dave Mitchell wechselte anschließend zur Eintracht und war der erste Australier in der Bundesliga. Kanada war neben Mexiko das zweite Team aus Nord-/Mittelamerika. Obwohl er wegen des Iran-Krieges keine Heimspiele austragen durfte, gelang dem Irak die Qualifikation.

1986 gab es nun wieder K.O.-Spiele, für die sich auch die vier besten Gruppendritten qualifizierten. Für Ungarn, im März noch 3:0-Sieger über Brasilien (mit einem Tor von Lajos Détári!), war das 0:6 gegen die UdSSR schon der Anfang vom Ende. Das DFB-Team mit den Langzeitverletzten Karl Allgöwer, Pierre Littbarski, Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler hatte nicht nur auf dem Platz Probleme. Teamchef Beckenbauer hatte mit einem verbalen Rundumschlag das Niveau des deutschen Fußballs in den schwärzesten Farben gemalt, was für Turbulenzen im Kader sorgte. Als Uli Stein ihn in Anspielung auf seine frühere „Knorr“-Werbung als „Suppenkasper“ bezeichnete, musste er die Koffer packen. Schon nach 56 Sekunden gehen musste auch der Uruguayer José Batista beim 0:0 gegen Schottland, es war die schnellste Rote Karte der WM-Geschichte!

Bei der WM 1986 wurden die bereits früher genutzten K.O.-Spiele wieder eingeführt.

Im Achtelfinale hatte Danish Dynamite, im offiziellen FIFA-Report als „definitiv beste Mannschaft der Gruppenphase“ bezeichnet, nasses Pulver und unterlag 1:5 gegen Spanien. Auch für Titelverteidiger Italien kam das Aus mit einem 0:2 gegen Frankreich. Deutschland quälte sich bei 34 Grad in Monterrey gegen Marokko 87 Minuten, bis Lothar Matthäus traf. Im Viertelfinale gab es drei Elfmeterschießen, die Sieger hießen Frankreich (4:3 gegen Brasilien), Deutschland (4:1 gegen Mexiko) und Belgien (5:4 gegen Spanien). Argentinien half beim 2:1 gegen England die „Hand Gottes“ und zog gegen Belgien durch zwei Tore von Diego Maradona ins Endspiel ein. In Guadalajara zeigte Deutschland bei der Neuauflage des Halbfinales von 1982 seine beste Leistung und gewann 2:0 gegen Frankreich. „Endlich kam zum kämpferischen Engagement auch das spielerische Element“, hieß es im kicker-sportmagazin.

Im Finale war davon nicht mehr viel zu sehen und Argentinien führte durch Brown (23.) und Valdano (56.). Die Euphorie nach dem Ausgleich durch Rummenigge (74.) und Völler (81.) wurde jäh gestoppt, als Burruchaga nach Zuspiel von Maradona einen Konter zum Siegtor nutzte (84.). Franz Beckenbauer war trotzdem zufrieden und wertete „den Erfolg von Mexiko mit der Vizeweltmeisterschaft noch höher als meinen eigenen Titelgewinn 1974.“ Maradona wurde trotz seines irregulären Tores gegen England mit großem Vorsprung vor Toni Schumacher mit dem „Goldenen Ball“ ausgezeichnet.

Die Weltmeisterschaft 1990 in Italien

Am 19. Mai 1984 bekam Italien in Zürich mit 11:5 Stimmen gegenüber der UdSSR den Zuschlag für die WM 1990. In der Qualifikation traf das DFB-Team auf die Niederlande, gegen die es im EM-Halbfinale 1988 in Hamburg 1:2 verloren hatte. Nach zwei Unentschieden gegen Oranje und einem 0:0 in Wales musste im Rückspiel unbedingt ein Sieg her, um als einer der beiden besten Gruppenzweiten zur WM fahren zu dürfen. Thomas Häßler erzielte den erlösenden Treffer zum 2:1. Am selben Abend – sechs Tage nach Fall der Berliner Mauer – qualifizierte sich auch Österreich mit einem 3:0 gegen die DDR! Ozeanien-Sieger (!) Israel scheiterte in den Playoffs an Kolumbien, dem „schlechtesten“ Gruppensieger aus Südamerika, knapp 0:1 und 0:0.

Im Eröffnungsspiel der WM sorgte Kamerun mit einem 1:0 gegen Weltmeister Argentinien für den ersten Paukenschlag und wurde Gruppensieger. In der Gruppe F gelang nur England ein Sieg (1:0 gegen Ägypten), der allerdings den Gruppensieg bedeutete. Die Republik Irland wurde durch Losentscheid Zweiter vor den punkt- und torgleichen Niederländern, die damit im Achtelfinale erneut auf Deutschland trafen, das seine Gruppe souverän vor Jugoslawien (4:1), Kolumbien (1:1) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (5:1) gewann.

Eine Spuckattacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler, für die überraschend beide Rot sahen, überschattete das Spiel in Mailand, das Deutschland nach Toren von Klinsmann und Brehme 2:1 gewann. Kamerun sorgte weiter für Furore und schaltete Kolumbien durch zwei Tore von Roger Milla mit 2:1 nach Verlängerung aus. Argentiniens Sieg gegen Brasilien (1:0) hatte einen faden Beigeschmack, da ein argentinischer Masseur einem Brasilianer eine mit Beruhigungsmitteln gefüllte Wasserflasche reichte, was Maradona 2004 in einem Fernsehinterview bestätigte. Zum erneuten Einzug ins Finale waren zwei Elfmeterschießen notwendig, die Südamerikaner eliminierten auf diese Weise Jugoslawien (3:2) und Italien (4:3).

Kamerun fehlten gegen England sieben Minuten zu einer weiteren Sensation. Dann traf Gary Lineker per Elfmeter zum 2:2 und sorgte in der Verlängerung erneut per Strafstoß für den ersten Halbfinaleinzug seit 1966. Auch in Turin fiel die Entscheidung über den Finaleinzug durch Elfmeter, da es nach 120 Minuten zwischen Deutschland (hatte zuvor die ČSFR ausgeschaltet) und England 1:1 stand. Lineker verwandelte als Erster. Dann parierte Illgner beim Stand von 3:3 gegen Stuart Pearce, Olaf Thon traf zum 4:3 und Chris Waddle jagte den Ball übers Tor! Deutschland war im Finale.

Im Finale 1990 kam es zu einer Neuauflage des Duells von 1986 - diesmal mit dem besseren Ende für die deutsche Elf.

Im Gegensatz zu 1986 enttäuschte Argentinien in Italien spielerisch und hatte in sechs Spielen ganze fünf Tore erzielt. Aber auch der deutsche Angriffsmotor war nach zehn Toren in der Vorrunde ins Stottern geraten: 2:1, 1:0, 1:1 - so hießen die Ergebnisse der DFB-Elf in den K.O.-Runden. So entwickelte sich ein zwar spannendes, aber nicht hochklassiges Finale, das durch einen Elfmeter entschieden wurde, nachdem Sensini Rudi Völler zu Fall gebracht hatte. Andreas Brehme verwandelte nervenstark (85.). Während die Spieler den dritten deutschen WM-Titel ausgelassen feierten, spazierte Franz Beckenbauer, gerade als Zweiter nach dem Brasilianer Mario Zagallo als Spieler und Trainer Weltmeister geworden, nachdenklich über den Rasen des sich leerenden Olympiastadions von Rom. Auf die Frage, was ihm dabei durch den Kopf ging, antwortete er 2014: „Ich weiß es nicht, bis heute nicht.“

von Ulrich Matheja

Zum achten Teil der WM-Geschichte.

Zum sechsten Teil der WM-Geschichte.