26.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Quo vadis, WM?

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 10.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Im letzten Teil der Serie zur WM-Geschichte blickt Ulrich Matheja, der uns in den vergangenen Wochen die spannende Geschichte des Turniers geschildert hat, ganz persönlich in die Gegenwart der aktuellen WM.

Die Weltmeisterschaft 2018 in Russland

Im Dezember 2010 wurden in Zürich die Gastgeber der Endrunden 2018 und 2022 festgelegt. Im zweiten Wahlgang bekam Russland den Zuschlag für 2018. England war bereits in der ersten Runde mit nur zwei Stimmen ausgeschieden. Für 2022 waren vier Wahlgänge notwendig, am Ende siegte Katar mit 14:8 gegen die USA.

In der Qualifikation für 2018 ließ das Team von Jogi Löw nichts anbrennen: zehn Siege, 43:4 Tore. 2017 wurde außerdem noch der Confederations Cup gewonnen. Da spielte die deutsche Mannschaft dreimal in Sotschi am Schwarzen Meer, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 und bis 2022 der beliebteste Bade- und Kurort Russlands. Heute ist die Region auch vom Krieg in der Ukraine betroffen und Ziel von Drohnenangriffen. Jogi Löw hätte dort gerne 2018 Quartier bezogen, „doch Oliver Bierhoff setzte sich durch“, schrieb der kicker im WM-Sonderheft: „Das Quartier in Moskau garantiert uns kurze Wege.“ Angesichts von Spielen in Moskau und Kasan nachvollziehbar, aber der Watuniki Hotel Spa Complex hatte „die Offenheit und Wohlfühl-Atmosphäre vom Campo Bahia, jener Oase vor vier Jahren am brasilianischen Strand, […] nicht im Ansatz zu bieten.“ Das sollte sich rächen und den einzigen Sieg in einem WM-Spiel, ein 2:1 gegen Schweden, gab es in Sotschi!

Damit ist die deutsche WM-Episode 2018 auch schon erzählt. kicker-Chefreporter Oliver Hartmann sprach vom einem „kollektiven Versagen: In Russland war keine Mannschaft am Start.“

Während die DFB-Elf bereits in der Gruppenphase scheiterte, holte Frankreich 2018 den zweiten WM-Titel.

Die Weltmeisterschaft 2022 in Katar

Joachim Löw blieb trotzdem im Amt und trat erst nach der wegen Corona auf 2021 verlegten EM zurück. Unter seinem Nachfolger Hansi Flick wurde es 2022 in Katar nicht besser. Nach einer selbst verschuldeten Pleite zum Auftakt gegen Japan (1:2) stand das Team gegen Spanien, das Costa Rica mit 7:0 vom Platz gefegt hatte, bereits mit dem Rücken zur Wand. Doch weder das 1:1 noch das erst in der Schlussphase zustande gekommene 4:2 gegen Costa Rica reichten, da die Japaner Spanien mit 2:1 schlugen – mit einem Treffer des heutigen Eintrachtlers Ritsu Doan! Aus den strahlenden Weltmeistern von 2014 waren Scheinriesen geworden. Sieger gab es natürlich auch noch. 2018 siegte Frankreich mit 4:2 gegen Kroatien (mit Ante Rebic). 2022 reichten Frankreich drei Treffer von Kylian Mbappé nicht zum Sieg gegen Argentinien (3:3), im Elfmeterschießen siegte Argentinien. Abseits des sportlichen Aspekts bleibt das Turnier vor allem aufgrund zahlreicher Kritik, unter anderem an der Menschenrechtslage in Katar, in Erinnerung. Auch Boykottaufrufe gab es in diesem Zusammenhang.

Rund um die WM 2022 gab es auch Stimmen, die - auch für die DFB-Elf - einen Boykott des Turniers forderten.

Die Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA

2026 nehmen in den USA, Kanada und Mexiko 48 Mannschaften teil! Das sind doppelt so viele wie 1994, als die WM in den USA ein großes Fest war. Die Frage, ob sich das 2026 wiederholen kann, lässt sich angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage schwer beantworten. Im Jahrbuch des Museums hatte ich im Januar geschrieben „Wer weiß, was Donald Trump bis zum Auftakt am 11. Juni in Mexiko-Stadt noch alles einfällt.“ So wollte er von Demokraten regierten Städten – und das sind bis auf Dallas alle! – die WM-Spiele entziehen. Für Entsetzen sorgten auch Bilder von Einsätzen der ICE (U.S. Immigration and Customs Enforcement) in einigen US-Städten. Das größte Problem blieben jedoch die Beziehungen zum Iran, mit dem sich die USA seit dem 28. Februar im Kriegszustand befinden – trotz andauernder Gespräche über ein Friedensabkommen.

Ein weiteres Ärgernis sind die Eintrittspreise, die im Vergleich zu 2018 und 2022 astronomische Höhen erreicht haben. Für die Gruppenspiele der deutschen Mannschaft lag die Preisspanne zwischen 51 und 600 Euro, wie eine am 16. Dezember 2025 im kicker veröffentlichte Tabelle zeigt. Ab der K.O.-Runde geht es dann richtig ans Portemonnaie. Heute kaum noch vorstellbar, dass man 1974 das Gruppenspiel zwischen Brasilien und Schottland im Frankfurter Waldstadion auf einem Stehplatz für zehn Mark sehen konnte! 1974 konnte man WM-Karten sogar bei der Eintracht erwerben – wenn man Mitglied wurde. So kam der von der Waldtribüne bei SGE-Heimspielen bekannte „Doc“ Hermann zu günstigen Karten sowohl für das WM-Finale als auch für das Spiel um den dritten Platz – und konnte sich am Ende genau wie Grabi und Holz Weltmeister nennen.

Auch die US-Tourismusbranche war in Sorge, da die Buchungen weit unter den Erwartungen lagen. Hohe Preise, politische Unsicherheit und der Trump-Effekt treffen das Turnier gleichzeitig. Hoffnungen auf kurzfristige Buchungen werden zudem durch die großen Entfernungen zwischen den Spielorten in drei Ländern erschwert. Die Frankfurter Rundschau berichtete bereits Ende April, dass viele Fans auf Kanada oder Mexiko ausweichen, wo die Einreisebedingungen einfacher sind. „Ob die WM den USA also tatsächlich den erhofften Boom bringen wird, bleibt abzuwarten.“ Nimmt man die TV-Bilder der ersten Gruppenspiele als Maßstab, gab es gut gefüllte Stadien mit feiernden Fans. Ob allerdings die Fans der Elfenbeinküste beim Spiel gegen Deutschland aus ihrer Heimat kamen oder ob es sich um in Frankreich oder den USA lebende Ivorer handelte, lässt sich natürlich nicht feststellen.

Quo vadis, WM?

Angesichts dieser Szenarien stellt sich die Frage, wer sich künftig überhaupt noch die Ausrichtung eines WM-Turniers leisten kann? 2030 soll auf drei Kontinenten und in sechs Ländern gespielt werden: Spanien, Portugal, Marokko, Uruguay, Argentinien, Paraguay. Bereits im Januar 2026 hatte der kicker über die Afrika-Meisterschaft in Marokko berichtet, dass „das Sozialsystem das Geld viel nötiger hätte als der Profisport.“ Für 2034 ist Saudi-Arabien einziger Bewerber. Selbst England hat sich seit 2010 für kein WM-Turnier mehr beworben und konzentriert sich lieber auf die EM 2028 in Großbritannien und Irland. Aber selbst da gab es Ende 2024 Einschnitte, weil die Kosten eines geplanten Stadionumbaus in Belfast explodiert waren. Nordirland ist also draußen. Und für Länder wie die Schweiz, Schweden oder Chile dürfte der Traum einer WM im eigenen Land für alle Zeit vorbei sein.

Schon 2010 und 2014 war viel Geld in Stadien investiert worden. In Südafrika sollen es 1,4 Mrd. Euro für zehn, in Brasilien rund drei Milliarden für zwölf Arenen gewesen sein. Neun der zehn Stadien in Südafrika gelten heute als „weiße Elefanten“, da sie die hohen Kosten nicht rechtfertigen konnten. Lediglich die Soccer City in Johannesburg könne als Erfolgsmodell gelten, schrieb Stadionwelt 2020. In Brasilien war es nicht anders. Man wollte „der Welt ein Bild zeigen von einem Land im Aufstieg. […] Die Regierung hatte Interesse an einer WM, die das ganze Land einschließt, das keine Region ohne Stadion bleibt.“ Die WM sollte „Entwicklung, Fortschritt, Arbeitsplätze, Einkommen bringen. […] Das ist nicht passiert. Der Effekt verpuffte in einer finanziellen Krise, brachte Arbeitslosigkeit, Gewalt, Schwierigkeiten zu überleben.“ Giovane Élber hatte schon 2014 den Stadionbau in Manaus kritisiert, weil es da keine Profimannschaft gab: „Das ist ein Stadion, wo man später nicht spielen wird.“ Das 450 Millionen Euro teure Stadion in der Hauptstadt Brasilia wurde 2015 als Parkplatz für Busse und als Büro genutzt. Selbst in Katar sollte das Container-Stadion mit dem Namen Stadion 974 nach dem Turnier 2022 zurückgebaut und an einem anderen Ort der Welt wieder errichtet werden. Im Dezember 2025 fanden dort aber Spiele des FIFA Arab Cup statt.

von Ulrich Matheja

Zum neunten Teil der WM-Geschichte.

Zum ersten Teil der WM-Geschichte.