In diesen Tagen startet der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. In Teil 2 geht es um die Jahre 1934 bis 1946. Die WM im Schatten von Politik und Weltkrieg.
Die WM im Schatten von Politik und Weltkrieg
Auf das Fernbleiben der meisten europäischen Länder 1930 folgte 1934 die Retourkutsche. Nachdem Titelverteidiger Uruguay, Bolivien, Paraguay, Peru und Chile verzichteten hatten, fuhren aus Südamerika nur Brasilien und Argentinien nach Italien, dem auf dem FIFA-Kongress 1932 in Stockholm die Ausrichtung des Turniers zugesprochen worden war. Die USA qualifizierten sich erst drei Tage vor Beginn des Turniers durch ein 4:2 über Mexiko in Rom. Nach zwei Siegen gegen Palestina war Ägypten mit vierjähriger Verspätung erster afrikanischer WM-Teilnehmer. Mit Deutschland, Italien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, der Schweiz, Spanien, der Tschechoslowakei und Ungarn gaben neun der zwölf europäischen Teams ihr WM-Debüt. Von dem Quartett von 1930 fehlte nur Jugoslawien, das gegen die Schweiz und Rumänien den Kürzeren gezogen hatte.
Über das Turnier 1934, das ebenso wie 1938 im K.O.-System ausgetragen wurde, ist viel geschrieben worden: Bestechung und Korruption, die (angebliche) Einflussnahme von Benito Mussolini bei der Schiedsrichterauswahl für die Spiele der italienischen Mannschaft und den Einsatz von in Südamerika geborenen italienischstämmigen Spielern. Dr. Alfredo W. Pöge warf der FIFA 1995 in der Fußball-Weltzeitschrift sogar vor, mit italienischen Faschisten kollaboriert, Regelverstöße toleriert und mit zweierlei Maß geurteilt zu haben. „Gäbe es eine Gerechtigkeit, müssten die Italiener noch heute im Nachhinein disqualifiziert werden und den Weltmeistertitel von 1934 aberkannt bekommen.“ Auch wenn das Viertelfinale gegen Spanien von brutalen Fouls beider Mannschaften und schwachen Schiedsrichterleistungen überschattet war, hatte Italien in den 1930er Jahren ein Top-Team. Je zwei WM- und EM-Titel sowie der Olympiasieg 1936 sprechen eine deutliche Sprache. Das Finale der WM 1934 gewann Italien mit 2:1 nach Verlängerung gegen die Tschechoslowakei.
Fünf Monate nach dem Sieg von Rom kam es in London zum „wahren“ WM-Endspiel, das in England als „Battle of Highbury“ in die Geschichte einging. In einer überharten Partie gewann England gegen Italien mit 3:2. Die Italiener gelten dagegen in der Heimat bis heute als „Leoni di Highbury“, da Luis Monti – 1930 noch mit Argentinien im WM-Finale – schon nach zwei Minuten mit gebrochenem Fuß ausgefallen war und Giuseppe Meazza nach einem 0:3-Rückstand noch zwei Tore gelangen.
Die WM 1938 in Frankreich
Den Zuschlag für die WM 1938 hatte Frankreich auf dem FIFA-Kongress 1936 in Berlin im ersten Wahlgang gegen Argentinien und Deutschland bekommen. Neben dem Gastgeber und Titelverteidiger Italien wurden Europa (inklusive Ägypten und Palästina!) elf weitere Startplätze zugestanden, Amerika (Nord und Süd!) zwei und Asien einer. Doch bereits in der Qualifikation regierte das Chaos: So erreichte Rumänien die Endrunde kampflos, da Ägypten den Hinspieltermin in Kairo nicht akzeptierte und ausgeschlossen wurde. Auch Brasilien fuhr ohne Qualifikation nach Italien, da es zunächst als einziges südamerikanisches Land gemeldet hatte. Österreich war nach dem Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 kein selbständiger Staat mehr. Die FIFA bot den nun freien Platz England an, das aber erneut verzichtete. Die USA und Kuba erreichten die interkontinentalen Play-offs ohne Spiel, ebenso Argentinien, das nachgemeldet hatte. Auch Niederländisch-Indien (das heutige Indonesien) blieb die Qualifikation erspart. Zuerst verzichtete Japan wegen des Krieges mit China, dann die USA. Kuba sollte am 29. Mai 1938, knapp eine Woche vor dem WM-Start, in Bordeaux gegen Argentinien antreten, das sich aber wegen Streitigkeiten zwischen dem Verband und den Klubs wieder zurückzog. So gingen 1938 nur 15 Mannschaften an den Start.
Anders als Italien konnte Deutschland, 1934 noch WM-Dritter, den Fußball international nicht propagandistisch nutzen. Schon das Olympia-Aus 1936 in Berlin gegen Norwegen war ein herber Rückschlag. Zudem gab es seitdem hinter den Kulissen ein Kompetenzgerangel zwischen Prof. Dr. Otto Nerz und Sepp Herberger, der im Zuge der „Neuregelung der sporttechnischen Leitung“ am 2. November 1936 zum Reichstrainer ernannt worden war. Da Nerz aber weiterhin dem Fachamtsleiter Felix Linnemann „unmittelbar und allein verantwortlich“ war „für alles, was mit der Nationalmannschaft zu tun hat“, blieb er weiterhin Herbergers Vorgesetzter.
Zwei Tage vor dem letzten WM-Test am 14. Mai 1938 gegen England in Berlin (3:6) trat Nerz „für die Außenwelt überraschend, vom Kenner her erwartet“ zurück (Fußball-Woche vom 31. Mai 1938). Es war vielleicht auch ein leiser Protest gegen die „von oben“ angeordnete Berücksichtigung von Wiener Spielern für die WM, die auch Herberger nicht guthieß: „Aus zwei Guten mache eine Bessere. Oh welch heilige Einfalt . . .“ („vgl. „kicker vom 3. September 2018 und 25. April 2019). Die von ihm paritätisch mit sechs Akteuren aus dem „Altreich“ und fünf Wienern besetzte Mannschaft unterlag nach einem 1:1 nach Verlängerung im Wiederholungsspiel mit 2:4 gegen die Schweiz.
Ein Spektakel erlebten dagegen 13.452 Zuschauer in Straßburg beim 6:5 nach Verlängerung zwischen Brasilien und Polen. Dreimal traf der Wunderstürmer Leonidas, viermal der 1916 im damals noch deutschen Kattowitz geborene Ernest Wilimowski (deutsch: Ernst Willimowski). Nach 22 Länderspielen für Polen (21 Tore) spielte er 1941/42 auch achtmal für Deutschland. Sein Grab in Karlsruhe ist bis heute Pilgerstätte vieler Fans und spiegelt seine deutsch-polnische Identität wider: Auf dem Grabstein ist der Vorname auf Deutsch (ohne zweites „e“), der Nachname auf Polnisch (nur mit einem „l“) geschrieben.
Auf dem FIFA-Kongress 1938 in Paris sollte auch über die Vergabe der Endrunde 1942 entschieden werden, für die sich Deutschland und Brasilien beworben hatten. Da die Südamerikaner nach zwei Turnieren in Europa die WM für sich reklamierten und es innerhalb der FIFA Widerstand gegen die NS-Politik gab, wurde die Entscheidung auf den nächsten Kongress 1940 vertragt. Als 1939 mit Argentinien ein weiterer Bewerber auftauchte, reiste FIFA-Präsident Jules Rimet sogar zu Sondierungen nach Südamerika. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurden allerdings alle Planungen für eine WM 1942 eingestellt. Erst 1946 fand in Luxemburg der nächste FIFA-Kongress statt, auf dem die Gastgeber für 1950 (Brasilien) und 1954 (Schweiz) bestimmt wurden.
von Ulrich Matheja
Den dritten Teil der WM-Geschichte finden Sie hier: Zum dritten Teil der WM-Geschichte.
Den ersten Teil finden Sie hier: Zum ersten Teil der WM-Geschichte.





