22.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Die schwere Hypothek von Kaiser Franz

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 8.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 8 berichtet von den Turnieren 1994 und 1998.

Die Weltmeisterschaft 1994 in den USA

Berti Vogts war als Spieler mit Borussia Mönchengladbach fünfmal Deutscher Meister, zweimal UEFA-Pokal- und einmal DFB-Pokal-Sieger. Er bestritt 96 Länderspiele und wurde mit Franz Beckenbauer 1972 Europa- und 1974 Weltmeister. Danach arbeitete er im Trainerstab des DFB und wurde 1990 als Nachfolger Beckenbauers Bundestrainer. Keinen Gefallen tat Kaiser Franz dem Terrier Vogts allerdings, als er nach dem WM-Sieg in Feierlaune sagte: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, doch Deutschland wird jetzt, da auch noch die ostdeutschen Spieler hinzukommen, in den nächsten Jahren nicht mehr zu besiegen sein.“ Da lag der Kaiser gewaltig falsch, denn bis auf den EM-Sieg 1996 gab es in den Folgejahren wenig Grund zum Feiern. 

Am 4. Juli 1988 erhielten die USA auf dem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag für die WM 1994 mit zehn Stimmen vor Marokko und Brasilien. Seit 1950 bei keiner WM mehr dabei, war es mit dem Ende der North American Soccer League, in der einst Pelé und Beckenbauer gespielt hatten, ruhig um den Soccer in den Staaten geworden. Die FIFA knüpfte die Vergabe deshalb mit der Auflage zur Bildung einer landesweiten Profiliga, die 1996 startete: Die bis heute höchste Spielklasse Major League Soccer (MLS). Durch eine FIFA-Sperre gegen Mexiko standen die Chancen für eine WM-Teilnahme 1990 gut, doch erst im letzten Spiel in Trinidad & Tobago (1:0) machte Paul Caligiuri (SV Meppen) den Weg frei nach Italien, wo man allerdings noch Lehrgeld zahlte. 

1994 wurde dann ein bis heute gültiger Zuschauerrekord aufgestellt: 3.587.538 Fans verfolgten die 52 Spiele (Schnitt 68.991), obwohl es ab der WM 1998 bei 32 Startern acht Spiele mehr gab. England und Frankreich waren nicht dabei, dafür erstmals Griechenland, Saudi-Arabien und Nigeria (mit Eintrachtler Jay-Jay Okocha).

Trotz des Gruppensiegs konnte die deutsche Mannschaft selten überzeugen. Als Stefan Effenberg deutschen Fans im letzten Spiel gegen Südkorea (3:2) den Stinkefinger zeigte, flog er aus dem Kader. Uli Stein fand Effes Verhalten im kicker-sportmagazin, „weitaus schlimmer als das, was ich in Mexiko über den Franz gesagt habe. Denn das war im Mannschaftsquartier. Effenberg hat sich in der Öffentlichkeit falsch verhalten.“ Weitaus schlimmer traf es jedoch Diego Maradona, der nach dem Sieg gegen Nigeria des Dopings überführt und für 15 Monate gesperrt wurde.

Der Russe Oleg Salenko, der mit sechs Toren mit dem Bulgaren Hristo Stoichkov Torschützenkönig wurde, erzielte fünf davon beim bedeutungslosen 6:1 im letzten Spiel gegen Kamerun. Mit Nigeria und Saudi-Arabien erreichten zwei WM-Debütanten das Achtelfinale. Jeweils vier Punkte holten Mexiko (3:3 Tore), die Republik Irland, Italien (jeweils 2:2) und Norwegen (1:1). Durch den Sieg im Auftaktspiel gegen Italien wurden die Iren Gruppenzweiter. Gastgeber USA erreichte als einer der besten Gruppendritten das Achtelfinale. Der Kolumbianer Andres Escobar, dem gegen die Amerikaner ein Eigentor unterlaufen war, das zum Ausscheiden der Los Cafeteros führte, wurde nach der Rückkehr in seine Heimat ermordet. Der Täter wurde dem Milieu der Drogen- und Wettspielmafia zugeordnet.

Eintrachtler Jay-Jay Okocha stand 1994 im Aufgebot Nigerias. Im Achtelfinalspiel gegen Italien schieden die Super Eagles trotz Führung mit 1:2 n.V. aus.

Im Achtelfinale gegen Belgien zeigte die deutsche Mannschaft ihre beste Turnierleistung und siegte mit 3:2. Rumänien schaltete Argentinien aus (3:2), Italien setze sich gegen Nigeria in der Verlängerung (2:1) und Bulgarien im Elfmeterschießen gegen Mexiko durch. Für das Viertelfinale war Fußball-Deutschland optimistisch, hatte es doch erst eine Niederlage gegen Bulgarien gegeben. Franz Beckenbauer war sich am 7. Juli (20 Jahre nach dem WM-Gewinn 1974!) im kicker-Interview sicher, dass „New York für Berti Vogts‘ Mannschaft nur eine Zwischenstation zum Finale“ sei. Dem hielt der beim HSV unter Vertrag stehende Yordan Letchkov jedoch dagegen: „Ich weiß, wie wir Deutschland schlagen können“. Er behielt Recht. New York wurde nicht zur Zwischen-, sondern zur Endstation! 

Dabei lief nach der Führung durch einen Foulelfmeter von Matthäus (49.) eigentlich alles nach Plan. Als ein zweites Tor von Völler nicht gegeben wurde (74.), kippte das Spiel. Zwei Minuten später ließ Stoichkov Illgner bei einem direkten Freistoß alt aussehen, dann sorgte Letchkovs Flugkopfball für die Entscheidung. Für kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh war das Aus „die Quintessenz aus einem spielerisch mäßigen Turnierverlauf mit nur einer überzeugenden Partie.“ Italien (2:1 gegen Spanien), Brasilien (3:2 gegen die Niederlande) und Schweden (im Elfmeterschießen gegen Rumänien) komplettierten das Halbfinale, in dem sich die Favoriten Brasilien und Italien durchsetzten. Schweden feierte mit Platz 3 die beste Platzierung seit 1958.

Im Gegensatz zu Mexiko 1970 brannten beide Teams vor 94.194 Zuschauern beim Finale in Pasadena jedoch kein Feuerwerk ab. Ein von Taktik dominiertes Spiel endete 0:0 – bis heute das einzige torlose WM-Endspiel und das erste, das im Elfmeterschießen entschieden wurde. Franco Baresi, der Weltmeister von 1982, und Roberto Baggio, mit fünf Toren Italiens bester Torschütze im Turnier, setzten ihre Elfmeter über das Tor. Brasilien war zum vierten Mal nach 1958, 1962 und 1970 Weltmeister, obwohl Trainer Carlos Alberto Parreira zuvor wegen seiner „zu europäischen Spielweise“ kritisiert worden war.

Die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich

Frankreich war auf dem FIFA-Kongress 1992 in Zürich zum Gastgeber der Endrunde 1998 gekürt worden. Von den 32 Mannschaften stellte Europa mit 15 fast die Hälfte, Afrika und Südamerika je fünf, Asien und Nord-/Mittelamerika je drei, wobei ein viertes asiatisches Land in die Play-offs mit dem Ozeanien-Vertreter musste. Kroatien, Südafrika, Japan und Jamaika gaben ihr WM-Debüt. Europameister Deutschland qualifizierte sich ohne Niederlage vor der Ukraine und Portugal. Wieder mit dabei war Chile, das 1994 ausgeschlossen war, nachdem Torhüter Roberto Rojas 1989 während eines WM-Qualifikationsspiels gegen Brasilien eine Verletzung vorgetäuscht hatte. 

Deutschland traf in der Vorrunde auf die USA, (Rest-) Jugoslawien und den Iran. Schon damals wurde die Begegnung der Amerikaner gegen den Iran wegen der Spannungen zwischen beiden Ländern als „brisant“ eingestuft. Auf dem Platz ging es aber sehr fair zu. „Spieler des Spiels“ und Torschütze zum 2:0-Endstand war Mehdi Mahdavikia vom VfL Bochum, der von 2007 bis 2010 auch bei der Eintracht spielte. Weniger friedlich ging es in Lens im Umfeld der deutschen Partie gegen Jugoslawien zu, als rechtsradikale Parolen gegrölt wurden und der Polizist Daniel Nivel so brutal verletzt wurde, dass er heute halbseitig gelähmt ist.

Das erste Gruppenspiel der DFB-Elf fand am 15.06. in Paris gegen die USA statt und wurde 2:0 gewonnen.

Trotz Gruppensieg tat sich das DFB-Team auch im weiteren Verlauf des Turniers schwer. Im Achtelfinale gegen Mexiko lief es lange einem Rückstand nach, bevor Klinsmann (74.) und Bierhoff (86.) trafen. Im Viertelfinale lieferte Deutschland bis zum Platzverweis von Wörns (40.) ein gutes Spiel, doch dann setzte sich die „technisch bessere Spielanlage der Kroaten gegen zehn Deutsche durch. Nach der Führung nutzten sie die totale Offensivstrategie von Berti Vogts durch Kontertore aus“, schrieb das kicker-sportmagazin. Am Ende hieß es 0:3. Dem Aus bei der WM folgte Anfang September auch das Aus von Bundestrainer Berti Vogts. Fortan sollte es der ehemalige Eintracht-Trainer Erich Ribbeck richten.

Auch Gastgeber Frankreich brillierte nicht immer. Gegen Paraguay erzielte Kapitän Laurent Blanc das Golden Goal, im Viertelfinale musste man gegen Italien ins Elfmeterschießen (4:3) und im Halbfinale gegen Kroatien drehte Lilian Thuram einen Rückstand zum 2:1. England scheiterte im Achtelfinale erneut im Elfmeterschießen, diesmal an Argentinien. Brasilien und die Niederlande erreichten das Halbfinale durch ein 3:2 gegen Dänemark beziehungsweise 2:1 gegen Argentinien.

Footix, das Maskottchen der WM 1998 in Frankreich.

Im Endspiel war Titelverteidiger Brasilien, das sich im Elfmeterschießen gegen die Niederlande durchgesetzt hatte, leicht favorisiert, doch Zinedine Zidane kaufte der Seleção schon in der ersten Halbzeit mit zwei Toren den Schneid ab. Selbst in Überzahl nach Gelb-Rot für Desailly (68.) blieb das Team vor Ehrfurcht erstarrt und kassierte in der letzten Minute noch das 0:3 durch Emmanuel Petit. 60 Jahre nach der ersten WM im eigenen Land waren Les Bleus Weltmeister! 

Und Deutschland? Da auch Ribbeck die Wende nicht schaffte, musste er nach der verkorksten EM 2000 den Hut nehmen. Viel Aufregung gab es am 6. Juli 2000, als Deutschland auf dem FIFA-Kongress in Zürich mit 12:11 Stimmen gegenüber Südafrika den Zuschlag für die WM 2006 bekam, nachdem der neuseeländische Delegierte Charles J. Dempsey dem dritten und entscheidenden Wahlgang ferngeblieben war. „Schade, trist, traurig, betrüblich“, kommentierte das kicker-sportmagazin. Denn es war ein offenes Geheimnis, dass FIFA-Präsident Joseph S. Blatter eine WM in Afrika bevorzugt hätte. Das brasilianische Blatt O Globo schrieb: „Deutscher Sieg bringt Brasiliens Pläne durcheinander. Die Vergabe der WM 2006 hatte einen Sieger, und mit Südafrika und Brasilien zwei Verlierer. Nun ist das Risiko groß, das Brasilien und Südafrika bei der nächsten WM-Abstimmung im Jahr 2004 wieder gegeneinander konkurrieren.“ 2001 in Buenos Aires setzte sich Südafrika mit 14 Stimmen gegen Marokko und Ägypten durch und durfte 2010 ausrichten. 2007 war dann Brasilien auf einer Sitzung des Exekutivkomitees in Zürich an der Reihe und erhielt ohne Mitbewerber den Zuschlag für 2014.

von Ulrich Matheja

Zum neunten Teil der WM-Geschichte.

Zum siebten Teil der WM-Geschichte.