15.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Die Gastgeber setzen sich durch

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 6.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 6 berichtet von den Turnieren 1974 und 1978. Der Autor erinnert an Deutschlands Stolz, den Grabi und den Holz. Und an die WM 1978, die einmal mehr kein Ruhmesblatt war.

Die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland

Obwohl schon 1970 über eine Erhöhung der WM-Teilnehmer auf 24 diskutiert wurde, blieb es 1974 bei 16 Teams. Allerdings ersetzte eine zweite Finalrunde die von DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger als „sportlich wie wirtschaftlich nicht besonders glücklich“ bezeichnete K.O.-Phase. Die Sieger der beiden Vierergruppen bestritten das Endspiel, die Zweiten das Spiel um den dritten Platz. Erst 1986 kehrte man wieder zu einer K.O.-Phase zurück. Am 11. Juni 1974, zwei Tage vor WM-Start, löste der Brasilianer Joao Havelange Sir Stanley Rous als FIFA-Präsident ab. Vizepräsident wurde Neuberger, als OK-Chef 1974 und bis 1990 für alle WM-Endrunden verantwortlich.

Zaire (heute DR Kongo) fuhr als erstes schwarzafrikanisches Land zu einer WM. Mit Australien, das die Asien/Ozeanien-Qualifikation gewann, war auch der „fünfte Kontinent“ erstmals bei einer WM vertreten. Für Finalgegner Südkorea erzielte der 20-jährige Cha Bum-kun in acht Spielen zwei Tore. Nur dank tatkräftiger Unterstützung des salvadorianischen Schiedsrichtergespanns sicherte sich das vom Duvalier-Clan diktatorisch geführte Haiti als Gastgeber der CONCACAF-Meisterschaft das WM-Ticket. Beim 2:1 gegen Trinidad & Tobago wurden gleich vier Tore der „Soca Warriors“ nicht anerkannt! Der Referee wurde zwar gesperrt, ein Protest Mexikos jedoch abgelehnt.

Während England an Olympiasieger Polen scheiterte, war Schottland erstmals seit 1958 wieder dabei. Sogar 36 Jahre hatten die Niederlande auf eine erneute WM-Teilnahme warten müssen. Ihr WM-Debüt gab die DDR, die vom Patzer der Rumänen in Finnland (1:1) profitierte. Erst nach der Gruppenauslosung sicherte sich Jugoslawien in einem Entscheidungsspiel in Frankfurt (1:0 gegen Spanien) die Qualifikation. Ein dunkles Kapitel sind zudem die interkontinentalen Play-offs zwischen der UdSSR und Chile, in denen sich das Militär am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte. Nach einem 0:0 am 26. September in Moskau forderte die UdSSR für das Rückspiel einen neutralen Spielort, da im Stadion von Santiago politische Gegner inhaftiert und ermordet wurden. Als ein FIFA-Inspektionsteam jedoch grünes Licht gab, trat die UdSSR nicht an. Selbst auf die TV-Übertragung der Endrunde wurde verzichtet.

Symbolisch tauschen Pelé und Uwe Seeler den alten und den neuen WM-Pokal aus. Die Szene fand im Frankfurter Stadion im Rahmen der Eröffnungsfeier der WM 1974 statt.

Am 5. Januar 1974 wurden in Frankfurt beide deutschen Staaten einer Gruppe zugelost! Das Prestigeduell am 22. Juni gewann die DDR durch ein Tor von Jürgen Sparwasser mit 1:0. Souverän durch die Vorrunde marschierten die Niederlande und Polen. Vizeweltmeister Italien scheiterte wegen der schlechteren Tordifferenz gegenüber Argentinien – und weil Dino Zoff gegen Haiti (3:1) nach zwölf Länderspielen erstmals wieder ein Gegentor kassierte.

Die Höhe der Siege gegen Zaire entschied auch über das Weiterkommen der punktgleichen Jugoslawen (9:0), Brasilianer (3:0) und Schotten (2:0). Ohne Pelé, der zuletzt 1971 für die Seleção gespielt hatte, war Brasilien nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte eine Rückkehr wegen der Foltervorwürfe gegen die von 1964 bis 1985 herrschende Militärjunta Brasiliens abgelehnt, wie er 1999 „CBS News“ erklärte. Dafür erntete er aber auch die Kritik, zuvor jahrelang geschwiegen zu haben. Nach seinem Tod 2022 brachte es das Magazin „11FREUNDE“ auf den Punkt: „Wie in der Kunst zwischen Werk und Autor unterschieden wird, mochte Pelés Fußballspiel politische Kraft haben, ein politischer Mensch war er nicht […] Seinen Beitrag zur Identitätsfindung […] Brasiliens reflektierte er ebenso wenig wie seine spätere Rolle in der Militärdiktatur, die das Land […] unterjochte und Oppositionelle ins Gefängnis werfen ließ. Kein Wort der Kritik kam über seine Lippen, der Nationalheld scheute den Konflikt mit der Staatsführung, die ihn gern und oft instrumentalisierte.“

Als Gruppenzweiter traf die DFB-Elf in der zweiten Finalrunde auf Jugoslawien, Schweden und Polen. Gegen Jugoslawien (2:0) schmorte Jürgen Grabowski als einer der Sündenböcke des DDR-Spiels auf der Tribüne. Dafür war Bernd Hölzenbein dabei. Gegen Schweden (4:2) wurde Grabi eingewechselt und erzielte kurz darauf das 3:2. „Mein wichtigstes Tor“, meinte er später. Die Frankfurter Flügelzange Grabi und Holz war geboren. In der Wasserschlacht von Frankfurt gegen Polen vergab Uli Hoeneß zwar einen Elfmeter, doch Gerd Müllers goldenes Tor sicherte den Finaleinzug. Der Finalgegner, die Niederlande, hatte ihre Spiele gegen Argentinien, die DDR und Brasilien ohne Gegentor gewonnen.

Die Wasserschlacht von Frankfurt ist in die WM-Geschichte eingegangen. Mit allen Mitteln versuchte man, den Rasen des Stadions bespielbar zu machen.

Ähnlich wie beim Wembley-Tor 1966 gab es auch 1974 endlose Diskussionen um den Elfmeter, der zum deutschen Ausgleich führte. Oranje war schon nach zwei Minuten durch einen Elfmeter in Führung gegangen. Nur der gefoulte Hölzenbein war sich sicher: „Ganz klar, es war Elfmeter.“ Gerd Müller erzielte noch vor der Pause den 2:1-Endstand. Deutschland war nach 1954 zum zweiten Mal Weltmeister – und das an Jürgen Grabowskis 30. Geburtstag! Neutrale Betrachter mögen bedauert haben, dass mit den Niederlanden die bis dahin beste Mannschaft mit ihrem „Voetbal totaal“ verloren hatte, doch Glück und Pech lagen an diesem Tag dicht beisammen. Ein zweites Müller-Tor (59.) wurde wegen vermeintlichem Abseits nicht gegeben und bei einem weiteren elfmeterreifen Foul an Hölzenbein blieb der Pfiff von Schiedsrichter Jack Taylor aus (86.). Mit einem Eklat endete das abendliche Bankett: Da die Frauen und Freundinnen der Spieler im Gegensatz zu denen der DFB-Funktionäre nicht geladen waren, machte sich die Mannschaft enttäuscht aus dem Staub. Gerd Müller, Wolfgang Overath und Jürgen Grabowski spielten danach nie mehr für Deutschland.

Die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien

Das seit 1976 in Argentinien herrschende Militär ging menschenverachtend gegen die Bevölkerung vor. Bis 1983 „verschwanden“ rund 30.000 Menschen spurlos. Während in Frankreich, Schweden und den Niederlanden zumindest über einen WM-Boykott 1978 diskutiert wurde, verhielt man sich in Deutschland sehr reserviert. So hieß es im WM-Sonderheft des kicker-sportmagazin, die WM sei zwar „ein schier unerschöpfliches Diskussionsthema“, sowohl „unter Fußballanhängern, aber auch unter sportfernen politischen Ideologen aller Schattierungen, in deren Dogmenstreit“ man sich nicht einmischen wolle. 

Dabei hätte man seit dem Schicksal der deutschen Staatsbürgerin Elisabeth Käsemann wissen müssen, wohin die Reise ging. Nach ihrer Verhaftung im März 1977 war sie am 24. Mai 1977 ermordet worden. Bei den Bemühungen um ihre Freilassung bekleckerten sich weder das Auswärtige Amt, die deutsche Botschaft noch der DFB mit Ruhm. Dabei hätte es nach Ansicht des langjährigen DFB-Funktionärs Horst R. Schmidt wohl „nur eines Anrufs bedurft“, wie er 2014 im Film „Das Mädchen“ sagte. Dennoch startete die Nationalmannschaft am 5. Juni 1977 in Buenos Aires gegen den Gastgeber (3:1) zu ihrer Lateinamerika-Tournee. DFB-Präsident und WM-OK-Chef Hermann Neuberger hatte sich „politische Einflussnahme auf den Sport und das Spiel im Besonderen“ verbeten.

Auch in Frankreich wurde ein WM-Boykott 1978 diskutiert.

Während des Turniers kam der DFB in Erklärungsnot, als der ehemalige Luftwaffenoffizier und Altnazi Hans-Ulrich Rudel im Trainingscamp der Nationalmannschaft auftauchte. Erst hieß es, „Rudel sei als Gast der argentinischen Luftwaffe erschienen“, dann soll ihn „der Kommandant reingelassen“ haben, schließlich sei er als „persönlicher Bekannter“ des Bundestrainers gekommen. Sowohl Schön als auch Neuberger verteidigten den Besuch. 2025 bewertete DFB-Präsident Bernd Neuendorf die „weniger glücklichen Momente [der] Amtszeit“ Neubergers neu: „[…] rund um die Weltmeisterschaft 1978 hat sein Umgang mit dem Militär-Regime […] zurecht Fragen aufgeworfen. Und auch seine fehlende Distanz zu einzelnen Personen aus dem nationalsozialistischen Milieu ist aus heutiger Sicht kritisch zu sehen.“

Ach ja, Fußball wurde auch noch gespielt. Erneut ohne England, dafür erstmals seit 1958 mit Österreich, das sich vor der DDR qualifizierte. Auf Franz Beckenbauer wurde nach dessen Wechsel zu New York Cosmos (wo er fortan mit Pelé zusammenspielte!) verzichtet, da er nach Ansicht von Hermann Neuberger „nicht mehr leistungsfähig“ sei. Wegen Uli Stielike wollte Helmut Schön bei Real Madrid nicht Klinken putzen gehen und Jürgen Grabowski, der in der Form seines Lebens war, verzichtete wie Pelé 1974 auf ein Comeback, er kommentierte das Turnier für die Abendpost/Nachtausgabe.

Da Titelverteidiger Deutschland nur ein Sieg gelang (6:0 gegen Mexiko), war vor dem letzten Zwischenrundenspiel gegen Österreich das Endspiel nicht mehr aus eigener Kraft zu erreichen. So ging für die deutsche Mannschaft „ein mäßiges Turnier […] mäßig zu Ende“ (ZDF-Reporter Rolf Kramer). Hölzenbeins Tor zum 2:2 hätte zumindest für das Spiel um den dritten Platz gereicht, doch Krankl sorgte in der 89. Minute für den ersten österreichischen Sieg gegen Deutschland seit 47 Jahren. Der Weltmeister war raus – und die Niederlande standen erneut im Endspiel. Aber gegen wen?

Nach einem 3:1 gegen Polen bangte Brasilien (5-1 Punkte, 6:1 Tore), ob Argentinien (3-1; 2:0) im Spätspiel gegen Peru ein Sieg mit vier Toren Differenz gelang. Am Ende hieß es 6:0 und die Gerüchteküche brodelte. Ronny Blaschke schrieb 2018 in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung: „Wurden die Peruaner in der Kabine von General Videla beeinflusst? Vielleicht sogar von dessen Ehrengast Henry Kissinger, dem ehemaligen US-Außenminister? Ließ Argentinien für einen hohen Sieg peruanische Oppositionelle beseitigen? Es gibt Anhaltspunkte, aber keine stichhaltigen Beweise.“ Klartext redete dagegen der Peruaner José Velasques in der spanischen Sportzeitschrift MARCA: „Es ist eine Tatsache, dass die Offiziellen bestochen wurden. […] Nur weil ich keine Beweise habe, heißt das nicht, dass es nicht passiert ist.“ So bekam der Peruaner Rodulfo Manzo 1979 nach seinem Wechsel zum argentinischen Klub Velez Sarsfield den Spitznamen „El Vendido“ („der Gekaufte“). Der Torhüter von Peru, Ramón Quiroga, war gebürtiger Argentinier, „was angesichts seiner Leistung zumindest merkwürdig erscheint.“

2020 bekannte der Sportjournalist Hartmut Scherzer, dass auch er „zu den deutschen Journalisten [gehört habe], die 1978 versagten, weil sie sich nicht über die Fußballstadien hinaus für die Foltergefängnisse der mörderischen Militärdiktatur interessierten, weil sie sich vom Jubel der fußballverrückten Argentinier in den Stadien und auf den Straßen einlullen ließen.“ Und das Finale? Argentinien siegte gegen die Niederlande 3:1 nach Verlängerung.

von Ulrich Matheja

Zum siebten Teil der WM-Geschichte.

Zum fünften Teil der WM-Geschichte.