05.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Der „Schock von Maracana“ und das „Wunder von Bern“

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur bald startenden WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 3.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur bald startenden WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 3 handelt vom „Schock von Maracana“ und dem „Wunder von Bern“.

Die Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien

1950 war Deutschland nur Zuschauer, da weder das Saarland (FIFA-Mitglied am 12. Juni 1950), die Bundesrepublik (Wiederaufnahme am 22. September 1950) noch die DDR (provisorisches Mitglied am 6. Oktober 1951, Vollmitglied am 24. Juli 1952) beim Start der Qualifikation der FIFA angehörten. Dagegen waren 1946 die britischen Verbände in die FIFA zurückgekehrt. Sie erhielten zwei Startplätze, die über das „Home Championship“ ausgespielt wurden. Der Rest von Europa (inklusive Israel, Syrien und Türkei!) ermittelte fünf weitere WM-Starter. Aus Amerika bewarben sich zehn Länder für sechs Plätze und in Asien sollten vier Mannschaften einen Starter ermitteln. Doch es kam wieder einmal anders als geplant. So entfiel in Südamerika und Asien die Qualifikation, da sich Argentinien, Ecuador, Peru sowie Birma, Indonesien und die Philippinen zurückzogen und somit Bolivien, Chile, Uruguay, Paraguay und Indien die WM-Tickets in der Tasche hatten. Japan war wie Deutschland noch ausgeschlossen. In Nordamerika setzte sich Mexiko im Rahmen des NAFC Championship vor den USA und Kuba durch.

Die größten Probleme verursachten wie schon 1930 die Europäer. Sowohl die UdSSR als auch die Zweiten von 1934 (Tschechoslowakei) und 1938 (Ungarn) blieben dem Turnier fern. Syrien trat nach einem 0:7 in Ankara nicht zum Rückspiel gegen die Türkei an. Anschließend verzichtete Österreich wegen „Terminschwierigkeiten“ und „einem möglichen Verlust des guten Images bei der Endrunde“ auf die Play-offs gegen die Türkei. Auch Belgien verzichtete auf die Play-offs gegen die Schweiz.

Nach der Auslosung am 22. Mai 1950 in Rio de Janeiro hätten die Gruppen wie folgt ausgesehen:

GruppenTeamsTeamsTeamsTeams
Gruppe 1BrasilienJugoslawienMexikoSchweiz
Gruppe 2ChileEnglandSpanienUSA
Gruppe 3ItalienParaguaySchwedenIndien
Gruppe 4BolivienUruguaySchottlandTürkei

Da Schottland nur als Sieger des „Home Championship“ zur WM fahren wollte, verzichtete der Verband nach dem 0:1 im letzten Spiel gegen England gegen den Willen der Spieler auf die Teilnahme. Die Türkei scheute das finanzielle Risiko und sprang ebenfalls ab. In den Bereich der Fabel verweist der indische Sportjournalist Jaydeep Basu den Verzicht Indiens wegen eines FIFA-Verbots, barfuß zu spielen – was 1948 bei den Olympischen Spielen in London noch möglich gewesen war. Für ihn brachte die All India Football Federation durch Ignoranz, Kurzsichtigkeit und mangelndes Vertrauen in die Spieler Indien um die „goldene Chance“ der Teilnahme an der WM 1950 (The Indian Express, 10. November 2022).

Die FIFA versuchte vergeblich, Ersatz zu finden, doch sowohl die Republik Irland als auch Portugal, die an Schweden bzw. Spanien gescheitert waren, lehnten ab. Frankreich sagte erst zu und dann doch wieder ab, so dass wie 1930 in Uruguay nur 13 Mannschaften an den Start gingen. Neu war, dass es nach der Gruppenphase eine Finalgruppe mit den vier Gruppensiegern gab.

Für das Turnier hatten sich die Brasilianer mächtig ins Zeug gelegt und in Rio de Janeiro das Maracana-Stadion mit einem Fassungsvermögen von rund 200.000 Zuschauern errichtet. Zusammen mit England waren sie der große Titelfavorit. Doch die Engländer unterlagen nach einem 2:0 zum Auftakt gegen Chile sensationell mit 0:1 gegen den krassen Außenseiter USA und verloren auch das letzte Gruppenspiel gegen Spanien. Titelverteidiger Italien war nach dem Flugzeugunglück von Superga im Jahr 1949, bei dem 18 Spieler des AC Turin ums Leben kamen, stark gehandicapt, denn Il Grande Torino galt als stärkste Mannschaft Italiens und stellte nach dem Krieg auch das Gerüst der Nationalmannschaft.

Nach Siegen über Olympiasieger Schweden (7:1) und Spanien (6:1) hätte Brasilien im letzten Spiel gegen Uruguay, das gegen Spanien nur 2:2 gespielt hatte, schon ein Unentschieden zum Titelgewinn gereicht. Nach der Führung durch Friaca lief für die Seleção alles nach Plan. Selbst der Ausgleich war zu verschmerzen. Doch elf Minuten vor Spielende stürzte Ghiggia eine ganze Nation in Trauer. Der 2:1-Sieg bedeutete den zweiten WM-Titel für Uruguay. Der Maracanaço (sinngemäß der „Schock von Maracana“) galt bis zum 1:7 von Belo Horizonte in WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland als Tiefpunkt des brasilianischen Fußballs. Fortan sollte Brasilien nie mehr ganz in Weiß antreten!

An einer Wand der Unterführung des Frankfurter S-Bahnhofs Stadion sind die Ergebnisse aller WM-Finals bis 2002 aufgeführt. Doch warum fehlt 1950?

In Frankfurt ist seit 2006 die Unterführung des S-Bahnhofs Stadion mit Kacheln der WM-Endspiele von 1930 bis 2002 verziert. Nur 1950 fehlt. Als 2021 Vertreter der Botschaft der Republik Uruguay bei einem Spiel der Eintracht weilten, fotografierten sie das Kunstwerk und beschwerten sich über das Fehlen des Ergebnisses von 1950. Museumsleiter Matthias Thoma glättete die Wogen aber diplomatisch mit der Erklärung, dass es sich 1950 um kein Endspiel im eigentlichen Sinn, sondern lediglich um das letzte Gruppenspiel der Finalrunde gehandelt habe. Das sah man dann auch in der Botschaft in Berlin ein und war ganz freundlich!

Die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz

In der Qualifikation für 1954 setzte sich die DFB-Auswahl gegen Norwegen und die vom späteren Bundestrainer Helmut Schön betreute Saar-Auswahl durch. Die DDR hatte nicht gemeldet. Sowohl der Kalte Krieg als auch der Nahost-Konflikt spielten eine Rolle. So wurden die Ostblock-Länder Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien in einer Qualifikationsgruppe zusammengefasst und Olympiasieger Ungarn fuhr nach dem Rückzug von Polen kampflos in die Schweiz.

Am 28. März 1954 spielte die DFB-Elf im Auswärtsspiel gegen das Saarland in Saarbrücken. Das Spiel endete 1:3 für die DFB-Mannschaft.

Auch Ägypten und Israel wurden getrennt. Während die Nordafrikaner gegen Ex-Weltmeister Italien den Kürzeren zogen, blieb Israel gegen Jugoslawien und Griechenland ohne Punkt und Tor. Ein Entscheidungsspiel in Rom zwischen der Türkei und Spanien endete nach Verlängerung 2:2, so dass der 14-jährige Luigi Franca Gemma, Sohn eines Stadionmitarbeiters, mit verbundenen Augen das Los für die Türkei zog! In Südamerika setzte sich Brasilien mit vier Siegen gegen Paraguay und Chile durch, nachdem Argentinien zum dritten Mal in Folge verzichtet hatte. Ähnlich souverän löste Mexiko gegen die USA und Haiti das WM-Ticket. 

Neu war bei der WM 1954, dass in der Vorrunde nur die gesetzten Teams gegen die ungesetzten spielten. So gab es für die ungesetzte Bundesrepublik kein Spiel gegen Südkorea, das sich gegen Japan als erstes unabhängiges asiatisches Land für eine WM qualifiziert hatte - obwohl beide Teams Gruppe 2 zugelost waren. Am Ende lagen Deutschland (4:1- Sieg vs. Türkei, 3:8- Niederlage vs. Ungarn) und die Türkei, die Südkorea 7:0 geschlagen hatte, gleichauf. Im Entscheidungsspiel von Zürich siegte die DFB-Mannschaft mit 7:2 und überstand damit die Vorrunde.

Experimentiert wurde auch mit einer Verlängerung in den Gruppenspielen. Aber weder bei Brasilien gegen Jugoslawien (1:1) noch bei England gegen Belgien (3:3 nach 90, 4:4 nach 120 Minuten) konnte ein Sieger ermittelt werden. Mit zwölf Treffern im Viertelfinale zwischen Österreich und der Schweiz (7:5) wurde ein bis heute bestehender Torrekord aufgestellt.

Nach der Vorrunde schlug die DFB-Auswahl 1954 auch Jugoslawien und Österreich. Im Finale gegen Ungarn kam es dann zum "Wunder von Bern".

Das Endspiel ging aus deutscher Sicht als „Wunder von Bern“ in die Geschichte ein, nachdem Rahn in der 84. Minute „aus dem Hinterhalt“ schoss und Toni Turek, der 1946/47 in 22 Oberligaspielen das Tor von Eintracht Frankfurt gehütet hatte, von Radioreporter Herbert Zimmermann zum „Fußballgott“ erklärt worden war. Olympiasieger Ungarn dagegen, nach einem 6:3 in Wembley und 7:1 in Budapest gegen England haushoher Titelfavorit, konnte dieses Trauma nie ganz überwinden. Nach dem Volksaufstand 1956 zerfiel die Goldene Elf, die für Ferenc Puskás „der Prototyp des totalen Fußballs“ war – lange vor den Niederländern um Johan Cruyff.

von Ulrich Matheja

Zum vierten Teil der WM-Geschichte.

Zum zweiten Teil der WM-Geschichte.