11.06.2026
Museum

Die WM-Geschichte: Das Fernsehen entdeckt die WM

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur heute startenden WM 2026 Fachwissen zur Geschichte. In 10 Teilen hat Ulrich Matheja die Historie des Turniers für uns beleuchtet. Hier finden Sie Teil 5.

In den kommenden Wochen bietet das Museum passend zur heute startenden WM in Nordamerika Fachwissen zur Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.

In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 5 berichtet von den Turnieren 1966 und 1970.

Die Weltmeisterschaft 1966 in England

Beim deutschen WM-Sieg 1954 gab es in der BRD etwas mehr als 30.000 Fernsehgeräte. 1965 standen über 11 Millionen in den Wohnzimmern. 1966 war erstmals die Endrundenauslosung live im Fernsehen zu sehen und ARD und ZDF boten ein umfangreiches tägliches WM-Programm.

Die seit 1964 von Helmut Schön betreute DFB-Auswahl startete mit einem 1:1 gegen Schweden in Berlin in die Qualifikation. Im Rückspiel am 26. September 1965 gelang dann der erste Länderspielsieg in Schweden seit 1911, bei dem der 20-jährige Franz Beckenbauer sein Länderspieldebüt und Uwe Seeler sein Comeback nach langer Verletzungspause feierten.

Die WM 1966 wurde erstmals umfangreich vom Fernsehen abgedeckt.

In Europa musste Vizeweltmeister Tschechoslowakei überraschend Portugal den Vortritt lassen, das somit zu seinem WM-Debüt kam. Insgesamt hatte Europa 1966 zehn Startplätze, Südamerika vier und Nord-/Mittelamerika einen. Blieb also lediglich einer übrig für den Rest der Welt, was besonders im postkolonialen Afrika für Empörung sorgte. Aus Protest boykottierten die schwarzafrikanischen Teams die Qualifikation und drohten, auch 1970 nicht anzutreten. 1968 lenkte die FIFA ein und Afrika bekam einen festen WM-Startplatz. Einige afrikanische Fußballer sorgten 1966 allerdings doch für Furore: Eusebio (mit neun Treffern WM-Torschützenkönig!) und Kapitän Mario Coluna stammten aus der portugiesischen Kolonie Mosambik. Das nächste Problem war Südafrika, das seit 1961 wegen der Apartheid-Politik suspendiert war. Selbst FIFA-Präsident Sir Stanley Rous konnte die Südafrikaner nicht zurück ins Boot holen, deren Vorschläge nicht annehmbar waren: 1966 wollten sie mit einer rein weißen und 1970 mit einer rein schwarzen Mannschaft antreten! Nachdem schließlich auch Südkorea zurückzog, sicherte sich Nordkorea gegen Australien das letzte WM-Ticket.

Für Aufregung sorgte im März 1966 zudem der Diebstahl des WM-Pokals, der aber von einem Hund namens Pickles wiedergefunden wurde. Nach dem dritten WM-Erfolg ging die Trophäe 1970 dauerhaft in den Besitz des brasilianischen Verbandes über, ist aber seit dem erneuten Diebstahl 1983 verschwunden und gilt heute als vermutlich eingeschmolzen und nicht mehr existent. Mit dem World Cup Willie wurde 1966 erstmals ein WM-Maskottchen präsentiert.

Eröffnet wurde das Turnier am 11. Juli mit einem 0:0 zwischen England und Uruguay – bis 2022 der späteste Zeitpunkt eines WM-Starts. Grund sollen Verpflichtungen des englischen TV-Senders BBC für die Übertragung des Wimbledon-Turniers und der Open Golf Championship gewesen sein.

Mit World Cup Willie gab es erstmals auch ein Maskottchen der WM.

Überraschend schied Titelverteidiger Brasilien 1966 schon nach der Vorrunde aus, da Bulgarien, Ungarn und Portugal nicht zimperlich agierten. Für den enttäuschten Pelé hatte Fußball damit „aufgehört, eine Kunstform zu sein, aufgehört, die Massen zu begeistern“. Vier Jahre später sollte er in Mexiko allerdings das Gegenteil unter Beweis stellen! Sensationell war auch das Scheitern von Italien in der Vorrunde nach einer 0:1-Niederlage gegen Nordkorea zum Abschluss. Die Asiaten wiederum unterlagen im Viertelfinale nach 3:0-Führung gegen Portugal noch 3:5, Eusebio traf viermal!

Rustikal ging es bei England gegen Argentinien und Deutschland gegen Uruguay zu. Als der nur 1,68m große deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein bei der Partie der Engländer den Argentinier Antonio Rattin (1,91 m) vom Platz stellte, weigerte sich dieser minutenlang zu gehen. In Sheffield traf es beim Spiel der DFB-Elf sogar zwei Spieler Uruguays. Horacio Troche verpasste Uwe Seeler noch eine Ohrfeige und Héctor Silva musste von der Polizei vom Spielfeld geholt werden. In Südamerika witterte man dabei allerdings eine Verschwörung der Europäer und in Argentinien sprach man vom „El Robo de Siglo“ (Der Raub des Jahrhunderts).

Mit England, Deutschland, Portugal und der UdSSR standen erstmals seit 1934 nur europäische Mannschaften im Halbfinale. Friedel Lutz von der Eintracht bestritt gegen die UdSSR in Liverpool (2:1) sein einziges Turnierspiel. Ohne Einsatz blieb Jürgen Grabowski, dessen große Stunde erst vier Jahre später in Mexiko kommen sollte!

Über das Wembley-Tor im dann kommenden Finale gegen England (2:4 n.V.) ist viel geschrieben worden. Das Foto von Sven Simon mit dem niedergeschlagenen Uwe Seeler wurde 2000 von der Welt am Sonntag zum Sportfoto des Jahrhunderts gekürt. 

Das Halbfinalspiel fand unter Beteiligung von Eintracht-Spieler Friedel Lutz (mittig, beim Handshake) statt.

Die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko

Als größte Herausforderung für das Turnier in Mexiko 1970 galt die Höhenlage der Spielorte: Toluca (2660 m), Mexiko-Stadt (2240 m), Puebla (2125 m), Leon (1815 m) und Guadalajara (1500 m). Da Nord-/Mittelamerika 1970 neben Gastgeber Mexiko ein zweites Team zur WM schicken durfte, kam es 1969 nach den Spielen zwischen Honduras und El Salvador zu einem „Fußballkrieg“ (auch “100-Stunden-Krieg” genannt), als ein seit langem schwelender Konflikt um salvadorianische Wanderarbeiter in Honduras eskalierte.

Deutschland feierte in der Qualifikation mit 12:0 gegen Zypern in Essen den dritthöchsten Sieg der Länderspielgeschichte. Erst 2006 wurde es in San Marino mit 13:0 wieder zweistellig. Die DDR zog trotz zwei Siegen gegen Wales nach einem 2:2 in (Ost-) Berlin und 0:3 in Neapel gegen Italien den Kürzeren. Der WM-Dritte Portugal scheiterte an Rumänien und Argentinien an Peru. Marokko war nach Ägypten 1934 der zweite afrikanische WM-Teilnehmer. In der Asien/Ozeanien-Zone bemühten sich neben Israel, Japan, Nord- und Südkorea auch das von den Afrikanern wegen der Apartheid-Politik boykottierte Rhodesien (heute Simbabwe) sowie Australien und Neuseeland um ein WM-Ticket. Israel siegte in Ramat Gan zweimal gegen Neuseeland, da sich Nordkorea geweigert hatte, dort anzutreten. Australien dagegen kam auf sieben Spiele, vier in Seoul gegen Südkorea und Japan und drei in Lourenco Marques (heute Maputo) gegen Rhodesien. In den Endspielen setzte sich Israel mit 1:0 und 1:1 durch.

Da Brasilien England in den Gruppenspielen mit 1:0 geschlagen hatte und auch Deutschland alle Vorrundenspiele gewonnen hatte, kam es im Viertelfinale zur Neuauflage des Finales von 1966: Deutschland – England. Jürgen Grabowski erwarb sich in Mexiko den Titel „bester Einwechselspieler der Welt“, der ihm nie sonderlich behagte. Aber er brachte immer neuen Schwung ins Spiel der deutschen Mannschaft. Italien dagegen reichte ein 1:0 gegen Israel, um mit vier Punkten die Gruppe 2 zu gewinnen. In der Gruppe 1 entschied das Los zugunsten der UdSSR, da mehr geschossene Tore bei Punktgleichheit noch nicht zählten: UdSSR 6:1, Mexiko 5:0.

Im Viertelfinale schien Deutschland gegen England nach 50 Minuten mit 0:2 auf der Verliererstraße. Trotz Beckenbauers Anschlusstreffer (68.) wechselte Sir Alf Ramsey Bobby Charlton und Martin Peters aus, angeblich um sie für das Halbfinale zu schonen. In der 82. Minute köpfte Uwe Seeler zum 2:2 ein. Das entscheidende 3:2 in der Verlängerung durch Gerd Müller leitete Grabowski mit einer Flanke auf Löhr ein, der über den englischen Torhüter Bonetti zum Torschützen verlängerte (108.).

Die 3:4-Niederlage vor 102.444 begeisterten Zuschauern im Aztekenstadion geht als ‚Spiel des Jahrhunderts‘ in die Geschichte ein.

Hartmut Scherzer in seinem Buch "Weltsport"

Auf den Krimi von León folgte der nächste im Halbfinale gegen Italien. 2020 erinnerte sich Reporter-Legende Hartmut Scherzer in seinem Buch „Weltsport“: „Die 3:4-Niederlage vor 102.444 begeisterten Zuschauern im Aztekenstadion geht als ‚Spiel des Jahrhunderts‘ in die Geschichte ein.“ Nach Boninsegnas 1:0 drängte Deutschland auf den Ausgleich. Ab der 65. Minute war Beckenbauer mit einer Schulterverletzung gehandicapt. In der Nachspielzeit rutschte „ausgerechnet“ Karl-Heinz Schnellinger vom AC Mailand in eine Flanke des „überragenden Dribblers Jürgen Grabowski“: 1:1.

In der Verlängerung folgte ein „faszinierendes Schauspiel mit einer herrlichen Planlosigkeit auf beiden Seiten“: 2:1 Müller, 2:2 Burgnich, 2:3 Riva, 3:3 Müller, 3:4 Rivera. „Und mittendrin Franz Beckenbauer als verwundeter Feldherr. [...] Das Drama ist verloren. Besser als durch einen Münzenwurf. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Uwe Seeler sagt: ‚Mit einem gesunden Franz hätten wir gewonnen.‘ Der heilige Zorn packte Beckenbauer: ‚Was der Schiedsrichter sich erlaubt hat, war ein Verbrechen, jawohl, ein Verbrechen.‘“ Heute erinnert am Aztekenstadion in Mexiko-Stadt eine Plakette an die „Partido del Siglo“ (Jahrhundertspiel).

Am Stadion in Mexiko-Stadt erinnert bis heute eine Plakette an das "Jahrhundertspiel" zwischen Italien und Deutschland.

Blieb für Hartmut Scherzer Mexiko 1970 mit dem zweiten Triumph Pelés und dem dritten Brasiliens als die schönste seiner erlebten 15 WM-Turniere in Erinnerung, war für Autor Uli Matheja das Finale Brasilien – Italien (4:1) das erste Fußballspiel, das er in Farbe sah!

von Ulrich Matheja

Zum sechsten Teil der WM-Geschichte.

Zum vierten Teil der WM-Geschichte.