In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 4 handelt von den Turnieren 1958 und 1962.
Die Weltmeisterschaft 1958 in Schweden
Schweden war 1950 auf dem FIFA-Kongress als WM-Gastgeber 1958 bestätigt worden, nachdem Argentinien, Chile und Mexiko ihre Bewerbung zurückgezogen hatten. Nach dem WM-Sieg 1954 liebäugelte auch der DFB mit der Ausrichtung der Endrunde 1962, verzichtete aber auf Bitten der FIFA 1956 zugunsten der Südamerikaner, die nach zwei Turnieren in Europa das Turnier für sich reklamierten. Überraschend erhielt Chile mit 31:12 Stimmen gegenüber Argentinien den Zuschlag.
Neu war auch, dass kein Land mehr ohne Spiel zu einer Endrunde fahren konnte. Erstmals dabei war die DDR, die in der Qualifikation nach einem gelungenen Auftakt vor 100.000 Zuschauern in Leipzig gegen Wales (2:1) jedoch die restlichen Spiele verlor und Gruppenletzter wurde. Schwer tat sich Olympiasieger UdSSR, der gegen Polen ein Entscheidungsspiel in Leipzig (vor wieder 100.000 Zuschauern!) benötigte und 2:1 siegte. Auch die britischen Verbände hatten nicht mehr zwei feste Startplätze über das „Home Championship“. Am Ende fuhren aber England, Schottland und Nordirland als Gruppensieger nach Schweden. In Südamerika scheiterte der zweimalige Weltmeister Uruguay an Paraguay, das mit Brasilien und Argentinien die WM-Tickets löste. In Nord-/Mittelamerika war Mexiko erneut der Klassenprimus. Gegen Kanada, die USA und Costa Rica gab es fünf Siege und nur ein Unentschieden.
Chaos herrschte erneut in der Gruppe Asien/Afrika. Taiwan verzichtete, da es gegen die VR China antreten sollte. Acht Starter sollten dann in vier Gruppen die Endrundenteilnehmer ermitteln. Doch als erstes weigerte sich die Türkei, gegen Israel anzutreten und das noch nicht unabhängige Zypern erhielt von den britischen Behörden keine Reisegenehmigung nach Ägypten. Lediglich Indonesien und der Sudan setzten sich sportlich gegen die VR China bzw. Syrien durch. Auch die Endrunde fand nicht statt, da Indonesien auf neutralem Boden gegen Israel antreten wollte und die arabischen Staaten Israel wegen der Suez-Krise boykottierten. So mussten die Israelis als kampfloser „Sieger“ der AFC/CAF-Zone nach den neuen Bestimmungen in eine Zusatzqualifikation. Aus dem Kreis der Gruppenzweiten winkten aber Belgien, Uruguay, Bolivien, Peru und Costa Rica ab und Nordirland wollte nur als Gruppensieger zur WM fahren. So war am Ende Wales der „Lucky Loser“ und setzte sich in beiden Spielen gegen Israel durch. Damit war Großbritannien sogar mit allen vier „Home Nations“ bei der WM dabei, während die zweimaligen Titelträger Uruguay und Italien zu Hause bleiben mussten!
Anders als 1954 spielte in der Vorrunde Jeder gegen Jeden. Allerdings gab es bei Punktgleichheit Entscheidungsspiele, in denen sich Nordirland gegen die Tschechoslowakei und Wales gegen Ungarn durchsetzten. England schied gegen die UdSSR aus. Star des Turniers wurde der erst 17-jährige Brasilianer Edson Arantes do Nascimento, besser bekannt als Pelé. Gastgeber Schweden, das bislang nur Amateure im Nationalteam eingesetzt hatte, berief fünf aktuelle und zwei ehemalige Auslandsprofis in den Kader und schaltete im Halbfinale Deutschland aus (3:1). Bei diesem Spiel wurden Einpeitscher mit Megaphonen eingesetzt, die das Publikum in Stimmung brachten. Im Endspiel half das aber trotz früher Führung wenig. Brasilien siegte 5:2 und holte sich seinen ersten WM-Titel. Die sieben Tore sind bis heute Bestwert für ein WM-Finale. Ebenso die 13 Turniertreffer des Franzosen Just Fontaine.
Die Weltmeisterschaft 1962 in Chile
Als am 22. Mai 1960 ein Erdbeben der Stärke 9,5 in Zentral-Chile schwere Zerstörungen im gesamten Pazifikraum mit Tausenden Toten und Verletzten auslöste, waren auch die Planungen für die WM 1962 betroffen. Von den ursprünglich acht Spielorten waren vier massiv zerstört worden und zwei Stadionbauten finanziell nicht mehr zu stemmen. Am Ende wurde nur in vier Stadien gespielt – nur 1930 in Uruguay waren es weniger (3). Drei Monate später wurden auf dem FIFA-Kongress in Rom die Weichen für die nächsten WM-Turniere gestellt: Für 1966 hatten sich England, Deutschland und Spanien beworben. Nach dem Rückzug der Iberer machte England das Rennen. Auch wenn das Turnier 1970 erst 1964 an Mexiko vergeben wurde und 1966 in London die Gastgeber für 1974, 1978 und 1982 festgelegt wurden, waren am Ende alle seit 1960 Interessierten zufrieden. Für 1974 verzichtete Spanien zu Gunsten von Deutschland und bekam dafür den Zuschlag für 1982. Da Mexiko bereits das Turnier 1970 ausrichten durfte, bekam Argentinien den Zuschlag für 1978.
Südamerika wurden neben Titelverteidiger Brasilien und Gastgeber Chile drei weitere Startplätze zugestanden, die sich Argentinien, Uruguay und Kolumbien sicherten. Paraguay spielte in den sogenannten Inter-Confederation Play-offs gegen den Sieger der Nord-/Mittelamerika-Zone um einen weiteren Platz, den sich Mexiko sicherte. Auch die Sieger aus Asien und Afrika mussten in die Play-offs gegen europäische Teams. Südkorea zog gegen Jugoslawien den Kürzeren und Marokko gegen Spanien. Sieben der acht europäischen Teilnehmer wurden in Dreier-Gruppen ermittelt. Komplexer war die Sache in der Gruppe 7, in der sich Israel zuerst gegen Zypern und anschließend gegen Äthiopien durchsetzte und in der Finalrunde auf Italien traf, das souverän mit 3:2 in Tel Aviv und 6:0 in Turin siegte.
Die DDR-Spieler erhielten nach dem Mauerbau 1961 keine Visa für das Qualifikations-Rückspiel in den Niederlanden. Österreich verzichtete auf eine Teilnahme. Österreichischen Quellen zufolge wurden sportliche Gründe dafür natürlich nicht ins Treffen geführt. Stattdessen wurden offiziell zu hohe Reisekosten und hohe Subventionsforderungen der Vereine angeführt. Inoffiziell sollen auch das schlechte Abschneiden in Schweden 1958 sowie finanzielle Motive der Wiener Großvereine Rapid, Austria und Sportclub eine Rolle gespielt haben, die sich von Auslandsreisen mit der gesamten Mannschaft höhere Einnahmen versprochen hatten. So wurde der seit Oktober 1958 amtierende Teamchef Karl Decker „von den mächtigen Klubbossen an seinem vielleicht größten Erfolg gehindert“, lief doch das sogenannte „zweite Wunderteam“ zur Höchstform auf und verlor zwischen Mai 1960 und Oktober 1961 nur eines von zehn Länderspielen (0:2 in Ungarn). Die Gegner waren dabei keineswegs Fallobst: Schottland (4:1), UdSSR (3:1 und 1:0), Spanien (3:0), Italien (2:1), England (3:1).
Die räumliche Distanz der Spielorte stellte die Presse bei der Berichterstattung vor große Probleme. Die ARD installierte eine eigene Radiostation, die nach dem Turnier verkauft wurde. Im Fernsehen waren nur nach einigen Tagen Zusammenfassungen der Spiele zu sehen, die in der Vorrunde von viel Defensivtaktik und hartem Spiel geprägt waren. So ging das Spiel der Deutschland-Gruppe zwischen Chile und Italien (2:0) als „Schlacht von Santiago“ mit zwei Platzverweisen für die Azzurri in die Annalen ein. Deutschland traf im Viertelfinale zum dritten Mal in Folge auf Jugoslawien, konnte aber die Siege von 1954 und 1958 nicht wiederholen und schied mit 0:1 aus.
Brasilien verteidigte indes den Titel auch ohne den verletzten Pelé mit einem 3:1 gegen die Tschechoslowakei. Diese wurde von kicker-Herausgeber Dr. Friedebert Becker dennoch gelobt: „Immerhin, der Tschechoslowakei bleibt der Ruhm, die Phalanx Südamerikas gesprengt zu haben. Erstmals spielte in einer Weltmeisterschaft auf südamerikanischem Boden eine europäische Mannschaft im Finale.“ Dass 1930 kaum Europäer angetreten waren und es 1950 kein wirkliches Endspiel gab, sei nur am Rande vermerkt. Der tschechoslowakische Endspiel-Torschütze Josef Masopust von Dukla Prag wurde jedenfalls 1962 zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.
von Ulrich Matheja





