21.12.2015
Traditionsmannschaft

„Die Fans pushen einen“

Oka Nikolov muss man hier wohl niemandem groß vorstellen. Der 41-Jährige erfreut sich auch zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Einsatz für die Eintracht größter Beliebtheit unter Fans und Wegbegleitern.

Seit Sommer 2014 trägt Nikolov das Trikot unserer Traditionsmannschaft. Anlässlich des heutigen Heimspiels haben wir den „Ewigen“ zu seinen Erfahrungen mit Werder, zur Tradition und zum Umgang mit 6-Punkte-Spielen befragt.

Oka, wusstest du eigentlich, dass du in deinen letzten sechs Einsätzen gegen Werder Bremen ungeschlagen geblieben bist?

Nein, das war mir nicht bewusst. Werder hatte eigentlich immer eine gute Mannschaft, die oben mitgespielt hat. Sechsmal in Folge ungeschlagen zu bleiben, darunter auch Auswärtsspiele, das wundert mich schon. Aber daran kann man sehen, dass wir als Mannschaft auch nicht so schlecht waren.

Kannst du dich noch an dein erstes Spiel gegen Werder erinnern?

Puh, so auf die Schnelle ehrlich gesagt nicht. Hilf mir auf die Sprünge.

2. Runde im DFB-Pokal 1997, Waldstadion. Die Eintracht empfing als Tabellenführer der zweiten Liga den gestandenen Bundesligisten aus Bremen. Ihr habt ein überragendes Spiel gemacht und 3:0 gewonnen.

Das war unter der Woche, ein Flutlicht-Spiel. Im Sommer hatte keiner einen Pfifferling auf unseren Aufstieg gesetzt. Wir waren aber sehr gut in die Runde gestartet und haben diesen Schwung mit ins Spiel genommen. Als Zweitligist einen Bundesligisten so klar zu besiegen war ein starkes Signal für die weitere Saison. Und für mich persönlich war es natürlich schön, in solch einem Spiel die Null zu halten. Ich weiß auch noch, dass ich einen Zusammenprall mit Arie van Lent hatte, der mich fast ausgeknockt hätte.

Dein nächstes Aufeinandertreffen mit Werder fand dann wieder in der Bundesliga statt. Nach einer Heimniederlage im Hinspiel der Saison 1998/99 habt ihr im Weserstadion am 31. Spieltag einen ganz wichtigen Auswärtssieg eingefahren.

Das kann man so sagen. Es war der Beginn unserer Siegesserie, die mit dem 5:1-Sieg gegen Kaiserslautern im Klassenerhalt gipfelte. Bremen, Dortmund, Schalke, Lautern… was für ein Wahnsinn. Das Spiel gegen Bremen 1999 war überhaupt nicht berauschend, aber darauf kam es auch nicht an. Wir haben sie mehr oder weniger niedergekämpft. Entscheidend war unser Lebenszeichen und dass wir gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen haben.

Nach diesem Sieg gab es für dich persönlich fünf Niederlagen in Folge gegen Werder. Bis zum 12. Mai 2007: Da habt ihr durch einen 2:1-Auswärtssieg den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag perfekt gemacht.

Das war eine große Erleichterung. Werder  spielte Champions League und befand sich noch mitten im Kampf um die deutsche Meisterschaft, während wir mal wieder ums Überleben in der Liga kämpften. Die Bremer spielten stark auf und setzten uns ziemlich unter Druck. Amanatidis hat uns dann aus dem Nichts durch einen Konter in Führung gebracht und danach haben die Bremer richtig Gas gegeben. Der Ausgleich fiel durch Hunt, danach weiß ich noch, dass Diego mich ausgespielt hat und Aleks Vasoski auf der Linie klären konnte.

Manchmal braucht man eben auch ein Quäntchen Glück…

Absolut. Wobei wir in diesem Spiel auch wirklich gut organisiert waren und nicht unverdient gewonnen haben. Wir haben uns eben mit unseren Mitteln gewehrt. Das entscheidende Eigentor von Naldo war aus meiner Sicht von uns erzwungen. Es tat gut, am letzten Spieltag nicht mehr zittern zu müssen.

Eine besondere Werder-Anekdote stammt aus dem 0:0 der Saison 2010/11. Weißt du wovon die Rede ist?

Ich erinnere mich noch an das 0:0. Gegen Ende der Partie konnte ich einen Fernschuss noch mit den Fingerspitzen zur Ecke abwehren. Der Schiri entschied aber auf Abstoß. Die Bremer haben sich natürlich beschwert. Als ich gerade abstoßen wollte, kam Manuel Gräfe auf mich zu und fragte, ob ich noch dran gewesen sei. Da war ich in der Zwickmühle, ob ich es zugeben sollte oder nicht.

Was hast du gemacht?

Ich hab‘s zugegeben. Die darauffolgende Ecke brachte einen Kopfball, der haarscharf am Tor vorbei ging. Es war echt eine schwierige Situation, aber ich konnte einfach nicht lügen. Wenn aber ein Tor gefallen wäre, wäre ich schön der Depp gewesen. Das werde ich so schnell nicht vergessen. Der DFB hat mir sogar ein Fair-Play-T-Shirt geschickt (lacht).

Dein letztes Werder-Gegentor hat dir 2013 mit Kevin de Bruyne einer der überragenden Spieler der jüngeren Bremer Geschichte eingeschenkt. Wie bereitet man sich als Torwart auf solche Kaliber vor?

Bremen hat immer beeindruckende Spieler gehabt, ob nun Micoud, Özil, Bode, Ailton, Diego, Pizarro, und wie sie alle heißen. Es macht einen großen Unterschied solche Leute im TV zu sehen oder sie als Gegenspieler auf dem Platz zu erleben. Klar kann man sich vorab schlau machen, ob sie bevorzugte Wege gehen oder immer nur mit dem starken Fuß schießen. Letztendlich finden sie aber mit ihrer Kreativität immer wieder spontane Lösungen. Da musst du in allen Mannschaftsteilen permanent auf der Hut sein.

Nun spielt die Eintracht erneut gegen Werder. Ein Duell mit viel Tradition. Was bedeutet Tradition heute noch in der Bundesliga?

Ich glaube sehr viel. Für die Fans, für die Bundesliga, generell für den Fußball spielt Tradition eine große Rolle. Sie prägt die Identität eines Vereins. Ohne Tradition kann man Interviews, die sich wie dieses hier auf die Vergangenheit beziehen, nicht führen. Tradition muss gepflegt werden. Das tun wir bei der Eintracht unter anderem mit der Traditionsmannschaft. Auch in der Fußballschule setzen wir auf verdiente ehemalige Eintracht-Spieler, so dass auch die Kinder von heute mit unserer Tradition in Kontakt kommen und nicht nur wissen, wer aktuell in der ersten Mannschaft steht.

Stichwort Traditionsmannschaft. Du spielst seit deiner Rückkehr aus Amerika in der „Tradi“, allerdings nicht im Tor, sondern im Feld. Wieso das?

Seit ich aufgehört habe, sind ein paar Kilos dazugekommen und deshalb nutze ich die Gelegenheit draußen etwas mitzukicken und mich ein wenig mehr zu verausgaben, als ich das im Tor täte (lacht). Außerdem haben wir genügend gute Torhüter.

Kribbelt es denn nicht in den Fingern, wenn man zum Beispiel Hradecky beim Training oder im Spiel zusieht?

Nee. Lukas macht es richtig gut, er ist ein starker Ersatz für Kevin. Aber das Torwartspiel reizt mich gar nicht mehr, wenn ich ehrlich bin. Da spiele ich lieber im Sturm.

Heute spielt Eintracht gegen Werder ein so genanntes 6-Punkte-Spiel. Worauf kommt es in solchen Spielen an?

So blöd das klingt, in erster Linie kommt es darauf an die drei Punkte einzufahren. Es wird mit Sicherheit kein einfaches Spiel, vielleicht auch kein schönes, aber im Endeffekt zählt das Ergebnis. Ich denke, dass die Jungs kämpferisch wie spielerisch alles dafür tun werden, das Ding nach Hause zu fahren.

Du hast bei der Eintracht viel Auf und Ab erlebt. Egal ob Aufstiegsrennen oder Kampf um den Klassenerhalt – wie behält man als Mannschaft die Nerven, wenn es um die Wurst geht?

Wenn man mal in einen negativen Strudel kommt ist es nicht einfach. Jeder, der mal in einer solchen Situation in der Bundesliga war, weiß das. Es sind oft kleine Dinge, von denen dann große Signale ausgehen können. Eine Grätsche, ein gewonnener Zweikampf – daran kann man sich aufrichten. Man muss einfach mal in Führung gehen, dann geht alles viel einfacher.

Wie endet das Spiel?

Wir gewinnen 2:0.

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