03.10.2020
Museum

Die Eintracht und die DDR

Die Eintracht nimmt den Tag der Deutschen Einheit zum Anlass, ihren Teil der Geschichte näher zu beleuchten.

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen, Verwandtschaftsverhältnissen, beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Diese Aussage von Günter Schabowski vom Zentralkomitee der SED, machte einen Journalisten in der Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 neugierig, er fragte: „Wann tritt das in Kraft“, worauf Schabowski etwas unsicher antwortete: "Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich". Das war um kurz vor 19 Uhr, und da die Pressekonferenz live im DDR-Fernsehen und Radio übertragen wurde, machten sich sofort tausende Berliner auf den Weg zum nächstgelegenen Grenzübergang. Als erste Nachrichtenagentur berichtete Reuters über die neue Ausreiseregel, um 19.04 die dpa und um 19.17 berichtete das ZDF. Die Grenzer öffneten ob der Menschenmengen die Übergänge – das Ende der innerdeutschen Grenze, und damit auch der DDR, war eingeläutet. Knapp ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, folgte die Wiedervereinigung beider deutschen Staaten. 

Zwei deutsche Staaten, Kalter Krieg, Reisebeschränkungen und Visaerteilungen - was bis Ende der 1980er Jahre Alltag war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Doch es gab sogar einen innerdeutschen Sportverkehr – an dem die Eintracht auch beteiligt war. Wir haben mal nach Partien zwischen der Eintracht und Mannschaften der DDR gesucht – und wenige gefunden.

Im „kalten Krieg“ reiste die Eintracht tatsächlich nur einmal in die DDR. Am 12. August 1951 absolvierte die Eintracht im Rahmenprogramm der „III. Festspiel der Jugend und Studenten“ ein Freundschaftsspiel im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion. Gegner war Turbine Erfurt, die Eintracht siegte vor 30.000 Zuschauern (andere Angaben: 12.000 Zuschauer) durch Tore von Reichert und Schieth (2) mit 3:1, den Erfurter Treffer erzielte Wozniakowski. Übrigens nahm die Mannschaft damals auch die Tischtennisdamen der Eintracht mit nach Erfurt, die eigentlich gegen den Ostzonenmeister Einheit Erfurt spielen sollten. Doch statt Einheit Erfurt trat eine Dresdner Tischtennis-Stadtauswahl an, die von der Eintracht mit 9:4 besiegt wurde.

Bäumler

Das zweite Spiel gegen eine Mannschaft der DDR fand am 16. Mai 1956 in Völklingen statt. Anlass war der 50. Geburtstag des Sportverein 06 Völklingen e.V. Ursprünglich sollte ein Spiel Borussia Neunkirchen gegen Chemie Halle-Leuna stattfinden. Chemie musste aber kurzfristig gegen eine ungarische Mannschaft spielen, so dass sich Motor Dessau bereiterklärte, das Jubiläumsspiel zu absolvieren. Zu dem Zeitpunkt dachte man noch, dass man gegen Neunkirchen spielt. Als die Borussia dann auch noch absagte, sprang die Eintracht ein, nicht nur auf dem Papier weitaus stärker als Borussia Neunkirchen. Gegen den relativ einfachen Gegner Motor Dessau gab es ein nie gefährdetes 5:0, die Tore erzielten Bäumler (3), Weilbächer und Kreß. Hätten die Eintracht-Spieler gewusst, dass dieser Kantersieg für Motor Dessau massive Konsequenzen nach sich ziehen sollte, hätten sie vermutlich auf das ein oder andere Tor verzichtet. Denn da die DDR mit Spielen im Ausland immer auch die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren wollte, wurde die Dessau-Pleite in Völklingen zum Polit-Thema. Der hauptverantwortliche Sektionsleiter Hans Scholl wurde von seinem Amt entbunden, gegen Ihn wurde ein Parteiverfahren eingeleitet. Motor-Trainer Walter Elze wurde ebenfalls freigestellt. Außerdem gab es einen öffentlichen Ausspracheabend mit der Belegschaft des Motorenwerks und der Bevölkerung der Stadt, bei dem erklärt werden sollte, wie es zu der Schlappe kam.

Nach dem Bau der Mauer folgte eine sportpolitische Eiszeit, zwischen Mannschaften der DDR und der BRD kam es kaum noch zu Spielbegegnungen. 1967 fragte die BSG Motor Zwickau bei der Eintracht nach einem Freundschaftsspiel nach, die Eintracht lehnte mit der Begründung ab, dass man durch Meisterschaftsspiele, Internationalen Fußball-Cup und Messe-Pokal keine Kapazitäten für Freundschaftsspiele hätte. Es bleibt zu vermuten, dass man da ein wenig geflunkert hat. Spiele gegen ostdeutsche Mannschaften versprachen nun mal nicht die höchsten Antrittsgelder und auch Zuschauer strömten zumindest bei Heimspielen nicht in Massen zu den Begegnungen. Die Eintracht fand 1967 jedenfalls noch so viel Zeit, in Washington und Glasgow Freundschaftsspiele zu absolvieren, in Frankfurt und Umgebung begrüßte man den Wiener SC und Racing Straßburg.

Auch in den 1970er Jahren kam es zu keinen Begegnungen mit Mannschaften aus der DDR, auch wenn es mittlerweile zwischen den beiden Verbänden zu einer Annährung kam. Es wurden „Kalenderspiele“ vereinbart, die strikt geregelt waren. Dem DFB ging es dabei vor allem um den Kontakterhalt und Annäherung, Zielvorgabe für DDR-Mannschaften war der Sieg über den „Klassenfeind“. So sollte einmal mehr die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus gezeigt werden. Regelmäßig stand die Eintracht in der vom DFB zusammengestellten Liste mit möglichen Spielgegnern. Allerdings war der Verein für die Sportpolitiker der DDR nicht relevant, da bei der Eintracht „Republikflüchtlinge“ spielten. 1985 informierten die Verantwortlichen der Eintracht den DFB kurz und knapp: „für Ihren freundlichen Hinweis möchten wir uns bei Ihnen bedanken. Wir sind jedoch nicht daran interessiert, am deutsch-deutschen Spielverkehr teilzunehmen.“

Zumindest auf Länderspielebene war der DDR der Sieg über den „Klassenfeind“ gelungen. Im einzigen Länderspiel zwischen der DDR und der BRD anlässlich der Weltmeisterschaft 1974 siegte die DDR durch das legendäre Tor von Jürgen Sparwasser mit 1:0. Jürgen Sparwasser, der mit dem 1. FC Magdeburg 1974 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte, floh 1988 mit seiner Frau in den Westen. Er schloss sich der Eintracht an und arbeitete bis 1989 als Co-Trainer. Später arbeitete er in der Eintracht Frankfurt Fußballschule.

Nachtweih und Pahl

1976 verpflichtete die Eintracht zwei Spieler aus der DDR. Jürgen Pahl und Norbert Nachtweih hatten im November des Jahres ein Nachwuchsländerspiel in der Türkei zur Flucht in die BRD genutzt. Beide landeten bei der Eintracht, wo sie nach der obligatorischen 16-monatigen Sperre zu Stammspielern wurden. Als die Eintracht 1979/80 im UEFA-Cup zunächst in Bukarest und später in Brünn antreten musste, gab es berechtigte Bedenken, dass die beiden als „Republikflüchtlinge“ Probleme bekommen würden. In der Situation hatte die Eintracht das Glück, mit Wolfram Mischnick einen gut vernetzten Politiker im Verwaltungsrat sitzen zu haben. Mischnick wandte sich an seinen Parteikollegen Hans-Dietrich Genscher. Der Außenminister erwirkte eine Garantieerklärung für die beiden Eintracht-Spieler. Zur Sicherheit reiste Mischnick mit zu den Auswärtsspielen. In Brünn traf Norbert Nachtweih erstmals wieder seine Eltern, die aus der DDR in die Tschechoslowakei gereist waren. Nicht nur die Eltern von Nachtweih nutzten in der Saison 1979/80 die Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger in Osteuropa. 250 Fans aus der DDR reisten zum Eintracht-Spiel in Bukarest, ebenso viele waren einige Monate später beim Viertelfinale in Brünn im Stadion. Die Eintracht verteilte Fanartikel an die angereisten Fans.

Eine ganze Invasion Eintracht-Fans aus der DDR besuchte am 2. Dezember 1989 das Spiel gegen den HSV. Nach dem Fall der Mauer hatte die Eintracht bekannt gegeben, dass DDR-Bürger zur Bundesligapartie gegen Hamburg freien Eintritt haben. 1043 Fans nahmen das Angebot an und bejubelten einen 2:0-Sieg durch Tore von Bein und Falkenmayer. Trainer bei der Eintracht war mittlerweile übrigens Jörg Berger, der als Jugendnationaltrainer der DDR 1979 ein Spiel in Jugoslawien zur Flucht genutzt hatte.

Diese große Begeisterung anlässlich des Ligaspiels gegen den HSV (insgesamt waren bei dem Spiel 23.000 Fans) sorgte vielleicht auch dafür, dass am 18. Februar 1990 ein Freundschaftsspiel gegen Rot-Weiss Erfurt vereinbart wurde. Vor 4.100 Fans siegte die Eintracht durch Tore von Gründel, Sippel und Eckstein mit 3:0.

Das letzte Spiel gegen eine Mannschaft aus der DDR fand am 26. Mai 1990 statt. Die Eintracht reiste in den Albert-Kuntz-Sportpark nach Nordhausen, hier traf die Mannschaft auf eine Auswahl aus Wacker Nordhausen und dem SV Südharz. Eckstein (2) und Turowski sorgten vor 3.500 Zuschauern für einen klaren Eintracht-Sieg.

Und dann kam sie, die Wiedervereinigung: Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der BRD bei, die „Wiedervereinigung“ war geglückt. In Berlin gab es eine große Feier, auch in Frankfurt fand in der Paulskirche fand eine Feierstunde statt. Am Abend des 3. Oktober 1990 spielte die Eintracht in der ersten Runde des Europapokals ihr Rückspiel gegen Brondby Kopenhagen. Die 0:5-Niederlage aus dem Hinspiel war eine schwere Hypothek, aber nachdem wir schnell 2:0 führten, kam am neugeschaffenen Feiertag noch mal Hoffnung auf. Letztlich reichte es nicht zum Weiterkommen, aber der 4:1-Sieg versöhnte die Fans. Trotz der Freude über die Einheit des Landes kommt bei uns bis heute Wehmut auf. Hätte die Wiedervereinigung nicht am 3. Oktober 1989 kommen können. Oder am 3. Oktober 1991? Der 3. Oktober 1990 war ein für Frankfurt denkbar unglücklicher Tag. Denn auch der Deutsche Fußballverband (DFV) der DDR und der DFB schlossen sich im Anschluss an die Wiedervereinigung zusammen und beschlossen, die obersten Spielklassen der DDR und der BRD zusammenzufügen. Die erste gemeinsame Saison sollte die Saison 1991/92 werden, die einmalig mit 20 Mannschaften gespielt wurde. Was daraus wurde, weiß jeder Eintrachtler. Am 34. Spieltag jedenfalls, dem Ende einer jeden normalen Saison, stand die Tabellenführung...

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