11.12.2020
Museum

Der erste Aufstiegstrainer

Er zählt zum kleinen Kreis derjenigen, die als Spieler und Trainer für die Eintracht arbeiteten. 1980 UEFA-Cup-Gewinn, 1998 Wiederaufstieg. Am Freitag wurde Horst Ehrmantraut 65.

Die Zeit als Trainer ist das, was Horst Ehrmantraut noch immer mit Frankfurt verbindet. „Das war eine ganz besondere Zeit“, hielt er vor wenigen Jahren fest, seine Augen strahlten vor Freude. Wenn er über zwanzig Jahre später über die Mannschaft von damals spricht, dann nennt er sie noch immer voller Hochachtung „meine Jungs“.

Dabei hatte es der schmächtige Mann aus dem kleinen saarländischen Örtchen Einöd nicht einfach, als er in der Winterpause 1996/97 an den Main kam und die Nachfolge des großen Lebemannes Dragoslav Stepanovic antreten musste. Denn unter Stepi lief es nicht, die Eintracht überwinterte mit mageren 19 Punkten auf einem Abstiegsrang. Ehrmantraut entpuppte sich aber rasch als Glücksgriff. Ein akribischer Arbeiter, der nichts dem Zufall überließ, einer, der auch mal die Vollkrise bekam, wenn irgendetwas nicht richtig lief.

Aber meistens lief es gut, schon das erste Punktspiel unter seiner Regie endete siegreich 3:0. Gegen den VfB Lübeck, auf dessen Trainerbank ein gewisser Karl-Heinz Körbel saß. Natürlich wurde es in dieser Saison nichts mehr mit dem Aufstieg, aber es reichte am Ende mit insgesamt 48 Punkten für Rang sieben.

In der Folge bastelten die Verantwortlichen an einer Mannschaft, die den Aufstieg in Angriff nehmen sollte. Das Problem: Die Eintracht hatte kaum Geld. Wie viele Jahre später Dirk Schuster in Darmstadt setzte Horst Ehrmantraut dabei auf anderswo gescheiterte Spieler: „Zampach, Brinkmann, Kutschera, Epp, alle hatten Probleme, einen ordentlichen Verein zu finden. Aber ich war mir sicher, dass es passt.“

Dem Trainer gelang es, eine verschworene Truppe zu formen: „Dieser Erfolgswille, der die Truppe auszeichnete, das hatte ich als Spieler und auch als Trainer kaum anderswo erlebt.“ Keine Kleinigkeit ließ der Coach unbeachtet. Als ein Vorbereitungsspiel auf einem Tiroler Dorfsportplatz anstand, schob er vor dem Warmmachen ein Messrädchen über das Feld und verkündete seinen Spieler, dass in der Breite 16 Meter im Vergleich zum normalen Trainingsplatz fehlen. Ob es daran lag, dass die Eintracht mit 16:0 gewann, bleibt hypothetisch...

An den Tagen von Auswärtsspielen wiederum ließ er den Busfahrer am Vormittag vom Teamhotel zum Stadion fahren, damit die Mannschaft möglichst punktgenau vor der Partie ankam. „Der Ablauf musste immer genau stimmen.“ Und wenn dann aus 22 einmal 28 Minuten geworden sind, weil die Zufahrtstraßen zu gestaut waren, dann bekam der Trainer sie wieder, die Vollkrise.

Er wusste von Anfang an, dass man in der Bankenstadt Frankfurt zwar immer gerne von schönem Fußball träumt, dies aber mit dieser Mannschaft nicht möglich war: „Wir mussten uns alles hart erarbeiten.“ Ein Umdenken forderte er nicht nur von seinen Spielern, sondern auch vom gesamten Umfeld. Und genau hier kam der berühmte Gartenstuhl ins Spiel. Als er darum bat, nicht auf der Trainerbank sitzen zu müssen, weil die Sicht dort nicht optimal sei, wollte die Eintracht ihm eine schön mit Leder bezogene Sitzgelegenheit beschaffen. Doch das war nicht in seinem Sinne: „Ich bat Rainer Falkenhain, mir aus dem nächsten Baumarkt das billigste Modell eines Gartenstuhls zu besorgen.“ So geschah es: Weiß, Plastik, 19 Mark.

Der berühmte Gartenstuhl: Weiß, Plastik, 19 Mark

Schnell war dieser Stuhl, der heute im Eintracht Frankfurt Museum steht, bundesweit in aller Munde. Dabei musste er während aufregender 90 Spielminuten einiges ertragen. „Er musste häufig leiden. Manchmal wurde er gestreichelt, manchmal aber auch ziemlich getreten“, schmunzelt Ehrmantraut noch heute über seinen Coup von damals.

Die Saison 1997/98 verlief nach Wunsch: Platz zwei nach der Hinrunde, am Ende Meister und somit Aufsteiger. Frankfurt hatte wieder seinen Erstligisten. Der einmalige Betriebsunfall, so dachten damals fast alle, war repariert.

Doch dann half auch die Überzeugungskraft des Gartenstuhls nicht mehr. Man strebte am Main wieder rasch nach Höherem, Abstiegskampf kam nicht gut an. Der Aufsteiger startete holprig, der erste Sieg gelang erst am sechsten Spieltag mit dem 3:2 gegen den 1. FC Nürnberg. Doch dann berappelte sich die Mannschaft, verließ die Abstiegsplätze, wenn auch knapp. Trotzdem wurde Horst Ehrmantraut nach dem 16. Spieltag, einem 1:2 gegen den FC Schalke 04 und auf dem 14. Tabellenplatz liegend, beurlaubt. Co-Trainer Bernhard Lippert übernahm bis Weihnachten, dann kam Reinhold Fanz.

Für Horst Ehrmantraut war eine Welt zusammengebrochen, mit Tränen in den Augen verließ er den Riederwald. „Das war ein Schock. Ich konnte es nicht nachvollziehen, das hat mich sehr berührt.“ Inzwischen hat er sich bei einem zufälligen Treffen mit Rolf Heller ausgesprochen und das Gefühl gewonnen, dass der damalige Präsident längst nicht mehr stolz auf die damalige Entscheidung ist.

Den Rest der Saison dürfte jeder Eintracht-Fan noch genau in Erinnerung haben: Unter Fanz rutschte die Mannschaft auf den vorletzten Platz ab, ehe Jörg Berger für die verbleibenden sechs Begegnungen antrat und mit dem 5:1 gegen Kaiserslautern am letzten Spieltag für das bisher größte „Wunder vom Main“ sorgte.

Als der Klassenerhalt in letzter Minute gesichert war, gönnte sich auch Horst Ehrmantraut ein Gläschen, wissend, dass er an diesem Erfolg nicht unwesentlich beteiligt gewesen war.

Seit 2005 hat Horst Ehrmantraut nicht mehr als hochklassiger Trainer gearbeitet. „Ich hatte damals zwölf Angebote, aber keines hat mir gefallen.“ In den großen Fußball wird der Saarländer auch nicht mehr zurückkehren, höchstens noch einmal bei einem kleinen Verein anheuern, „denn Ideen habe ich immer noch.“

Ansonsten genießt er sein Leben, hat die Landwirtschaft zu seinem Hobby gemacht, liebt es, im Sommer auf der Wiese zu liegen und in den blauen Himmel zu schauen. „Ich kann es mir leisten, obwohl ich nie ein Großverdiener war. Aber ich habe mein Geld immer konservativ angelegt.“ Oder wie er im Magazin 11FREUNDE im April sagte: „Wissen Sie, wie schön es ist, früh mor­gens auf den Acker zu fahren und zu pflügen? Sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen mit­zu­nehmen, den Motor vom Traktor aus­zu­stellen und sich an den Acker­rand zu legen? Über Ihnen steht die Sonne, die Lerche singt Ihnen ein Lied. Wenn ich gesund bleibe, kann mir nichts pas­sieren.“ In diesem Sinne: Noch viele weitere solcher Jahre und alles Gude zum 65sten, Horst Ehrmantraut!

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