12.11.2014
Klubmagazin

„Das war Adrenalin pur, das Stadion hat gekocht.“

Der FC Bayern ist unbestritten das Maß aller Dinge im deutschen Fußball. Spiele gegen die Münchner waren und sind daher immer etwas Besonderes.

Die Veteranen unserer Traditionsmannschaft haben im Verlauf der Jahre so manche Schlacht gegen das Starensemble von der Säbener Straße geschlagen. Wir haben sie mit ausgewählten Partien konfrontiert und ihre Erinnerungen gesammelt.

Norbert Nachtweih, Eintracht – Bayern 4:3, 17.04.1982:

„Es war eines meiner letzten Heimspiele für die Eintracht, bevor ich selbst nach München gewechselt bin. Wir hatten eine durchwachsene Rückrunde gespielt, die Bayern kamen als Tabellenführer. Die Rollen waren also relativ klar verteilt. Wir hatten aber eine gute Serie zuhause gegen Bayern und haben eine unheimliche Moral an den Tag gelegt. Nach einer Flanke von Bernd Nickel gelang mir eins meiner seltenen Kopfballtore zum 1:0, ein sensationeller Treffer (lacht). Und dann ging dieser Wahnsinn los: 2:0 für uns durch Pezzey, Anschlusstreffer Breitner, Ausgleich Rummenigge. Dann machte Charly Körbel das 3:2 für uns, wieder glichen die Bayern durch einen enormen Volley von Augenthaler aus. Und kurz vor Schluss kam Künast nach einem geblockten Schuss im Strafraum an den Ball und schob zum 4:3 ein. Da war im Stadion was los. Und das schönste an der Sache: Siegprämien waren damals auch an Zuschauerzahlen gekoppelt und gegen Bayern war die Bude natürlich voll. Entsprechend klingelte nach Siegen gegen die Bayern die Kasse (lacht). Da ich sowohl für die Eintracht als auch den FC Bayern gespielt habe, werde ich oft gefragt, für wen mein Herz schlägt, wenn die beiden Mannschaften aufeinander treffen. Das kann ich nicht beantworten. Einfacher ist die Frage, wem ich die Punkte mehr gönne und das ist die Eintracht. Die Bayern brauchen keine Punkte aus Frankfurt, die werden so oder so deutscher Meister.“

Cezary Tobollik, Eintracht – Bayern 2:2, 03.04.1985:

„Wir waren eine junge Truppe und haben an diesem Tag wirklich ein gutes Spiel abgeliefert. Es gab auf beiden Seiten sehr gute Chancen, das erste Tor fiel aber erst in der zweiten Halbzeit, als Berthold den Ball wunderschön vom Fünfmeterraum aus reingehämmert hat. Dann kam Michael Rummenigge bei den Bayern ins Spiel und wir gerieten ganz schön ins Schwitzen. In der 69. Minute kamen wir nach einem abgewehrten Bayern-Freistoß zu einem brandgefährlichen Konter. Ich schickte Svensson steil, der rannte frei auf Pfaff im Bayern-Tor zu, umspielte ihn und wurde von hinten umgegrätscht, als er gerade ins leere Tor einschieben wollte. 60.000 Zuschauer schrien „Elfmeter, Elfmeter“, die Bayern winkten bereits ab, alle schauten auf den Schiedsrichter. Der Ball war aber immer noch frei und lag neben Svensson auf der Toraus-Linie. Dort habe ich ihn mir schnell geschnappt und eingenetzt. In den letzten Minuten des Spiels ging uns leider die Luft aus. Wir waren fix und fertig. Und der eingewechselte Rummenigge veranstaltete in unserer Abwehr einen ziemlichen Zirkus. Am Ende war es Norbert Eder, der fünf Minuten vor Schluss den Ausgleich besorgte. Für einige war das bitter, man muss aber fairerweise zugeben, dass die Münchner am Ende sogar hätten Siegen können. Insofern war das Ergebnis völlig in Ordnung.“

Karl-Heinz „Charly“ Körbel, Eintracht – Bayern 2:0 (2:5), 15.04.1995:

„Das war zweifellos ein Spiel für die Geschichtsbücher. Giovanni Trapattoni war damals Trainer bei den Bayern und ich bei der Eintracht. Wir haben gut mitgehalten, führten zwischenzeitlich sogar 2:1. Dann konnten die Bayern durch zwei blöde Fehler von uns das Spiel drehen. Gut zwanzig Minuten vor Schluss wechselte Tra-pattoni Dietmar Hamann ein und die Bayern konnten noch zwei weitere Treffer erzielen. 2:5-Niederlage gegen Bayern – das sah auf dem Papier richtig schlecht aus. Trotzdem waren wir gut gelaunt. Denn noch während des Spiels kam Rainer Falkenhain zu mir und sagte, ich bräuchte mir keine Sorgen machen, wir hätten das Spiel bereits gewonnen. Ich konnte das erst gar nicht einordnen, auf dem Platz lag Bayern ja mit 2:3 in Führung. Dann erklärte er mir den Wechselfehler: Hamann war zu diesem Zeitpunkt bereits der vierte eingesetzte Bayern-Amateur, was nach DFB-Statuten unzulässig war. Wir haben dann zu deren Bank rüber gerufen und gefrotzelt und die haben uns nur ungläubig angeschaut. Gleichzeitig wussten wir natürlich nicht, ob das auch alles so stimmt, wie es gestreut wurde. Aber am Ende kam es so wie vermutet, die Partie wurde mit 2:0 für uns gewertet. Das Verrückte dabei: Bayerns Pressesprecher Markus Hörwick erzählte mir irgendwann, dass er den sich anbahnenden Wechselfehler auf der Tribüne bemerkt und versucht hatte, Trapattoni, Co-Trainer Augenthaler oder Uli Hoeneß darauf aufmerksam zu machen. Als die ihn nicht hörten, versuchte er runter zur Bank zu laufen, wurde aber von Ordnern aufgehalten und kam zu spät. Damals gab’s noch kein SMS. So reihte ich mich in die erlesene Liste von Eintracht-Trainern ein, die Bayern besiegt haben (lacht).“

Manfred Binz, Eintracht – Bayern 4:1, 04.11.1995:

„Wir hatten keinen guten Start in die Saison er-wischt, fanden uns schon zu Mitte der Hinrunde auf den Abstiegsrängen wieder. Für unsere erfolgsverwöhnte Truppe war das eine ungewohnte und gefährliche Situation. Die Bayern kamen dagegen mit der breiten Brust des Tabellenführers ins Waldstadion. Aber bei Bayern-Spielen bedeuteten Tabellenkonstellationen noch nie etwas. Dazu kam, dass die Bayern zum damaligen Zeitpunkt selten im Waldstadion als Sieger vom Platz gingen. Wir waren also hochmotiviert und gingen durch Matthias Hagner früh mit 1:0 in Front. Diese Führung beflügelte uns und wir lieferten eine super kämpferische Leistung ab. Ich spielte auf der Sechs und kurioserweise sind mir an diesem Tag anderthalb Tore geglückt: Das 2:0 und das 4:1. Mein erster „Treffer“ nach einem Seitfallzieher wurde aber Ivica Mornar gutgeschrieben, der den Ball abgefälscht hatte. Nach der Halbzeit kam Bayern durch Helmer auf 2:1 ran und dann bekam Mornar auch noch die rote Karte. Das war eine kritische Phase. Aber wir haben mit aller Kraft dagegen gehalten und als Matthias Hagner das 3:1 erzielte, wusste ich, dass wir uns das nicht mehr nehmen lassen würden. Kurz vor Schluss gelang mir dann der echte Treffer zum 4:1. Für unser Umfeld war dieser Sieg nicht nur wegen der Höhe schön, sondern wegen der Gesamtsituation auch ein Signal zum Aufbruch. Wir haben uns in den folgenden Spielen auch wieder in der Tabelle nach vorne gearbeitet, aber leider war das nicht von Dauer.“

Thomas Sobotzik, Eintracht – Bayern 1:0, 31.10.1998:

„Es war das erste Aufeinandertreffen mit Bayern nach unserer Rückkehr in die Bundesliga. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine gute Phase, standen auf einem Abstiegsplatz. Ich persönlich musste die Spiele zuvor wegen einer roten Karte in Berlin von draußen verfolgen. Horst Ehrmanntrauts Stuhl wackelte bereits erheblich und die Spatzen pfiffen von den Dächern, dass er im Falle einer Niederlage gegen die bis dahin ungeschlagenen Bayern seinen Hut nehmen müsste. Keiner hatte in diesem Spiel einen Pfifferling auf uns gesetzt. Aber wie es manchmal im Fußball so ist, rückten wir als Mannschaft enger zusammen und lieferten an diesem Tag wirklich eine Top-Leistung ab. Keiner von uns war von den großen Bayern eingeschüchtert. Wir sind mit der Überzeugung auf den Platz gegangen, dieses Spiel gewinnen zu können. Und tatsächlich konnten wir die Partie offen gestalten. Nach einer halben Stunde brachte Ansgar Brinkmann einen Freistoß von der rechten Seite rein, alle haben sich zum Ball orientiert, ich aber bin in einen freien Raum gelaufen und habe darauf spekuliert, dass einer unserer kopfballstarken Spieler den Ball an den langen Pfosten verlängert. In Person von Ralf Weber ist das dann auch geschehen. Ich hatte ein, zwei Meter Vorsprung am Ball und konnte so gegen Oliver Kahn einlupfen. Das war Adrenalin pur, das Stadion hat gekocht. Auch nach dem Tor haben wir uns nicht versteckt. Am Ende standen wir zwar ziemlich unter Druck, konnten den Vorsprung aber über die Zeit bringen. In meiner Erinnerung war das kein glücklicher, sondern ein verdienter Sieg. Dass er von außen als etwas Besonderes angesehen wurde, habe ich erst eine halbe Stunde nach Abpfiff realisiert, als das ZDF an mich herantrat und mich zum aktuellen Sportstudio einlud.“

Oka Nikolov, Bayern – Eintracht 0:0, 03.11.2007:

„Dieses Spiel werde ich nie vergessen. Mein Einsatz kam total überraschend. Markus Pröll hatte Fieber und ich erfuhr erst am Spieltag selbst, dass ich im Tor stehen würde. Für mich war das natürlich schön, man weiß ja, was gegen die Bayern los ist und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige Minuten in der Saison gespielt. Natürlich kommt gegen die Bayern immer ein Haufen Arbeit auf einen zu, aber als Torhüter hat man gar nichts zu verlieren. Und in diesem Spiel kam einfach alles zusammen: Glück, ein bisschen Können und jede Menge Kampfgeist. Unsere Taktik war voll auf Defensive ausgerichtet: Funkel hatte angeordnet, mit Mann und Maus zu verteidigen und den Bayern eine richtige Abwehrschlacht zu liefern. Wir haben uns also im Sechzehner verschanzt und die Bayern drum herum Handball spielen lassen. Und trotzdem kamen sie immer wieder durch. Das ist halt ihre Qualität. Aber immer stand ihnen irgendjemand oder irgendetwas im Weg, mal ein Verteidiger auf der Linie, mal der Torhüter. Aluminium war auch noch auf unserer Seite. Um die 75. Minute herum habe ich Marco Russ angeschaut und wir wussten: Heute kriegen wir keinen Gegentreffer. Wenn Spiele so laufen, spürt man das einfach. Selbst wenn man gegen eine Mannschaft wie Bayern spielt, die jederzeit gegen jeden Gegner auch innerhalb von fünf Minuten drei Treffer erzielen kann. Am Ende haben wir den Punkt aus München entführt und waren mehr als happy.“

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