27.01.2022
Museum

In Gedenken an Alice Ries aus der Tennisabteilung

Am 27. Januar jährt sich zum 77. Mal der Tag, an dem die Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz befreit wurden. Das Eintracht-Museum hat das Projekt 50 Eintrachtler ins Leben gerufen.

Im Rahmen des seit 2004 bestehenden „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ gedenken die DFL Deutsche Fußball Liga und Klubs der Bundesliga und Zweiten Bundesliga auch in diesem Jahr rund um den 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus.

Stellvertretend für die vielen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus möchte das Eintracht Frankfurt Museum in diesem Jahr im Rahmen des Projekts 50 Eintrachtler der Tennisspielerin Alice Ries gedenken, die deportiert und ermordet wurde. Weitere Lebensläufe findet ihr hier: 

Bella Ries, geb. Hirsch, wird 1873 in Frankfurt am Main geboren. Im September 1897 heiratet sie den Kaufmann Max Ries. Das Ehepaar, das jüdischen Glaubens ist, lebt im Sandweg 14, ein weiteres Haus besitzen sie in der Günthersburgallee. Max Ries ist Inhaber der Lederfirma Max Ries in der Luisenstraße in Offenbach. 1898 kommt Sohn Ludwig zur Welt, später folgt ein zweiter Sohn namens Felix. Am 8. Oktober 1913 wird Alice Ries geboren. Während die Söhne nach der Schulausbildung in der Firma des Vaters mitarbeiten und 1922 Teilhaber werden, absolviert Alice nach der Schule eine Ausbildung zur Sprachlehrerin. In ihrem Testament berücksichtigen die Eltern, dass die Söhne in die Firma aufgenommen wurden. So lässt der Vater 1923 vermerken: „Ludwig und Felix sind 1922 in mein Geschäft eingetreten, sie sind Teilhaber. Daraus erwächst ihnen eine gewisse Bevorzugung gegenüber meiner minderjährigen Tochter Alice und ich fühle mich als Vater verpflichtet, da ich nach Kräften meine Kinder an dem Nachlass in gleicher Weise beteiligt wissen will, diese Bevorzugung meiner Tochter Alice gegenüber wieder auszugleichen. [...] Meine Tochter Alice erhält als Vorausvermächtnis das Hausgrundstück Günthersburgallee.“

1928 wird Alice Ries Mitglied der Eintracht. Otto Abel, der „Macher“ der Tennisabteilung, wirbt die junge Frau, die fortan am Riederwald Tennis spielt. Wie lange Alice Ries bei der Eintracht Mitglied bleibt, ist nicht bekannt, auch ein Foto von ihr ist nicht erhalten geblieben. 1932 stirbt Vater Max, fortan führen die Söhne das Unternehmen in Offenbach. Doch die Machtübernahme der Nationalsozialisten erschüttert die Familie gewaltig. Die Umsätze gehen zurück, 1937 wird die Firma aufgelöst. Die Söhne emigrieren nach Amerika, während Mutter Bella mit Alice in Deutschland bleibt. Alice lebt bis 1939 zeitweise auch in Mannheim. Seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hat sie zahlreiche Schikanen, die sich gegen jüdische Mitbürger richten, am eigenen Leib miterlebt. Am 1. April 1933 gab es den Boykott jüdischer Geschäfte, am 10. Mai 1933 die Bücherverbrennung. 1935 wurden die „Nürnberger Gesetze“ verabschiedet, die die Ausgrenzung von Juden aus der deutschen Gesellschaft verschärften. Am 14. November 1935 wurde den Juden das Wahlrecht aberkannt. Ab 1938 mussten alle Juden den Zwangsvornamen Israel und Sara führen, die Reisepässe wurden mit einem „J“ gekennzeichnet. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938, als im ganzen Reich die Synagogen brannten, Geschäfte zerstört und jüdische Mitbürger verschleppt und misshandelt wurden, war der vorläufige Höhepunkt der nationalsozialistischen Verfolgung.

1938 soll Bella Ries Sicherheiten in Form einer Reichsfluchtsteuer hinterlegen. Seit 1934 können die Devisenstellen der Finanzämter beim Verdacht der Ausreise eine Sicherheitsleistung in Höhe der geschätzten Reichsfluchtsteuer fordern. In einem Brief an das Finanzamt schreibt Bella Ries am 14. März 1938: „In der Reichsfluchtsteuersache bringe ich zur Kenntnis, dass ich im Alter von 65 Jahren stehe und keinerlei Absichten habe Deutschland zu verlassen. Mein Vermögen, das u.a. aus zwei rentablen Grundstücken besteht, liegt in Deutschland fest, und schon aus diesem Grunde heraus ist eine Verlagerung unmöglich. Ich übersende als Anlage meinen Reisepass der bis zum 24. Oktober 1938 Gültigkeit hat und bitte denselben zu den Akten zu nehmen. Ich glaube zur Genüge dokumentiert zu haben, dass eine Auswanderungsabsicht meinerseits nicht besteht, und ich erachte mich deshalb nicht für verpflichtet, die geforderte Sicherheit zu hinterlegen. Bella Ries.“

Noch 1938 wird Bella Ries gezwungen, die Liegenschaft in der Günthersburgallee zu verkaufen, die einst als Erbe für Tochter Alice gedacht war. Nach zwangsweiser Entrichtung der „Judenvermögensabgabe“, Reichsfluchtsteuer und eines außerordentlichen Betrags an die jüdische Gemeinde bleiben nicht mal mehr 40.000 RM als Ertrag. Auch das Haus im Sandweg muss Bella verkaufen. Ab dem 12. September 1939 dürfen Juden in Frankfurt nur noch in gesonderten Lebensmittelverkaufsstellen einkaufen, die Einkaufszeit wird streng eingeschränkt und oft in die Arbeitszeit gelegt. Alice Ries wird drei Tage nach dieser weiteren Schikane in die Landesheilanstalt Eichberg eingewiesen. In der Stellungnahme zur Aufnahme gibt die Frankfurter Polizeistelle auf die Frage „Durch welche Tatsachen hat sich die Geistesstörung kundgegeben?“ an: „Ist immer sehr erregt gewesen und hat alles verkehrt gemacht.“ Die Landesheilanstalt diagnostiziert bei Alice Ries „manisch depressives Irresein“. Eine weitere Einschätzung der Krankheit von Alice Ries findet sich nicht, sie wird lediglich als „geisteskrank“ bezeichnet. Es ist bekannt, dass der Begriff von geistig und seelisch Kranken in der NS-Zeit sehr weit gefasst war. Die Konsequenzen der nationalsozialistischen Rassenhygiene reichten für die Betroffenen von Zwangssterilisation bis zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Bei Alice Ries wird eine in Erwägung gezogene Unfruchtbarmachung vom Amtsarzt am 30. September 1939 verworfen, da „keine besonders große Fortpflanzungsgefahr“ bestehe.

Am 31. Oktober 1939 wird sie beurlaubt und kehrt zu ihrer Mutter in den Sandweg zurück. Im November 1939 wird sie im Rothschild‘schen Hospital erneut behandelt. Hier unternimmt sie einen Suizidversuch. In den folgenden Jahren wird Alice immer wieder stationär behandelt, auch ihre Mutter erhält einen gerichtlich bestellten Gebrechlichkeitspfleger. Der Anwalt Robert Rosenburg kümmert sich als „Konsulent“ um die wenigen verbliebenen Guthaben von Mutter und Tochter und sorgt für beide, so gut er kann. Doch auch Robert Rosenburg wird von den Nationalsozialisten verfolgt und muss sein Amt aufgeben. Am 3. Oktober 1941 informiert er die Devisenstelle darüber, dass „ich auf Grund behördlicher Anordnungen meine Kanzlei und mein Haus kurzfristig räumen musste. Da ich noch keine neue Unterkunft habe, sind die Akten noch im Möbelwagen verpackt.“ Nur zwei Wochen später wird Robert Rosenburg nach Lodz deportiert, wo er 1943 ums Leben kommt. In Frankfurt wird Benjamin Rosen als Nachfolger von Robert Rosenburg bestellt, er kümmert sich in den folgenden Monaten um Bella und Alice. Am 8. Juli 1941 wird Bella Ries angeblich wegen Arteriosklerose in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn eingeliefert. In der „Jacoby`schen Anstalt“, so ist in einem Runderlass des Innenministeriums vom 12. Dezember 1940 bestimmt worden, werden nur noch „geisteskranke Juden“ aufgenommen, da ein „Zusammenwohnen Deutscher mit Juden auf die Dauer nicht tragbar“ sei. Tatsächlich dient die Konzentration der Patienten an einem Ort der Vorbereitung der geplanten Deportationen. Von Bendorf-Sayn veranlasst Bella Ries noch, dass ihre Cousine Berta Baer, die vollkommen mittellos in der Myliusstraße 44 in Frankfurt lebt, von ihr monatlich fünf RM überwiesen bekommt.

Auch Alice Ries wird nach Bendorf verbracht, das genaue Datum und der Grund sind aus den vorliegenden Akten nicht ersichtlich. Gemeinsam mit ihrer Mutter Bella und sieben weiteren Patienten wird sie am 15. Juni 1942 deportiert. Insgesamt werden zwischen März und November 1942 in fünf Transporten 573 Personen aus der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn in die Vernichtungslager gebracht. Alice und Bella überleben die Deportation nicht, ihre Todesdaten sind nicht bekannt.

Am 22. Juni 2013 hat die Eintracht in Erinnerung an Alice Ries und Ihre Mutter Bella im Sandweg 14 Stolpersteine verlegt. Auch am Börneplatz befindet sich ein Gedenkstein in Erinnerung an die Beiden. Bereits 1978 hatte Jane Pitt, eine Nichte von Alice Ries, in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ein Erinnerungsblatt für Alice angefertigt.

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